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Die Sehnsucht wachhalten
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Die Sehnsucht wachhalten

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Wie würde sich dieser Moment – jetzt – anfühlen, wenn er richtig gut wäre. Das ist gar nicht so leicht, so früh am Morgen, und dazu noch an einem Montag.

Man dürfte nicht vom Wecker geweckt worden sein. Man müsste von allein aufgewacht sein, weil man genug geschlafen hat. Körper und Seele sind erholt. Sie freuen sich auf den neuen Tag. Man schlägt die Augen auf, streckt sich und räkelt sich. Dann sagt man: „Los geht’s. Mal sehen, was dieser Tag alles bereithält.“ Man steht auf und der Körper fühlt sich geschmeidig an. Durchflossen von Kraft. Beim Blick in den Spiegel entdeckt man schon am frühen Morgen ein Lächeln.

Auch die Gedanken im Kopf sind frisch. Man freut sich auf die Aufgaben, die vor einem liegen. Sie sind gerade so, dass man sie gut bewältigt. Man freut sich auf Menschen, die man gerne sieht.

Was müsste noch sein, damit dieser Moment jetzt richtig gut ist? Da sind noch die Sorgen um die Welt. Die müssten deutlich kleiner sein. Im Radio müssten gute Nachrichten kommen. Sie berichten, dass die Menschen gelernt haben, einander zu achten. Sie schaffen es, ihre Bedürfnisse auszubalancieren und ihre Konflikte friedlich zu lösen. Sie brauchen keine List mehr, um möglichst viel für sich herauszuschlagen. Sie brauchen auch keine Gewalt mehr, um sich durchzusetzen.

Das wäre großartig. So ähnlich müsste er sein, dieser perfekte Moment. Und er wäre ja nicht nur ein Moment, sondern er wäre Teil eines ganz anderen Lebens. Dieses andere Leben gibt es – nicht nur als Traum. Sondern als Verheißung. Es wird kommen, verheißt die Bibel. Sie beschreibt dieses andere Leben mit poetischen Worten. In einem Psalm heißt es: „Da werden Frieden und Gerechtigkeit einander küssen“ (Psalm 85,10 f). Und der Prophet Jesaja schwärmt: „Wolf und Schaf sollen beieinander friedlich weiden.“ (Jesaja 65,25)

Die Bibel hütet die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Gleichzeitig ist sie realistisch und beschreibt, wie es derzeit auf der Welt ist mit Kriegen, Not und dem Kampf ums Überleben. Zur Realität des Alltags gehört auch, dass viele achtlos aneinander vorbei leben. Dazu gehört auch der frühe Morgen, an dem sich viele mühen müssen, rechtzeitig aus dem Bett zu kommen. Gerade am Montag.

Die Bibel sieht beides: Das Leben, wie es ist. Und das Leben, wie es sein könnte. Und wie es in den Träumen vieler bereits ist. An diesem Unterschied arbeitet sie. Sie fragt: Wie kann dieser Unterschied kleiner werden? Die Bibel sagt: Durch Gottes Tun und der Menschen Antwort. Gott entfacht ständig Liebe. Daran kann man sich wärmen und diese Wärme dann ausstrahlen, so dass andere sich auch daran wärmen können. Es geschieht! Wenn man sich aufmerksam umschaut, kann man spüren: Viele arbeiten daran mit, dass die Verheißungen der Bibel wahr werden: dass sich Friede und Gerechtigkeit unter den Menschen küssen.

Das geschieht auch heute. Solche Momente muss man vielleicht suchen, weil sie sich nicht aufdrängen. Sie mögen sich nur in einem aufmerksamen Blick zeigen. Oder in einem Lächeln. Oder sie liegen in der Freude, die man selbst durch etwas auslöst. Oder indem man neu entdeckt: Das, was ich tagtäglich tue, ist nicht nur Kleinklein. Nein, es steht in einer großen Perspektive, es hält die Sehnsucht der Bibel nach einem anderen Leben wach.

Vielleicht sind es nur Momente an diesem Tag. Aber immerhin: Die kann man entdecken und intensiv erleben. Und selber schaffen. Ich finde: Dafür lohnt sich die Mühe des Aufstehens.
 

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