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Blutmond
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Blutmond

Patricia Nell
Ein Beitrag von

Patricia Nell,

Katholische Pastoralreferentin und Religionslehrerin, Frankfurt

Sie war ein seltenes Schauspiel, diese Mondfinsternis Ende Juli. Mit einem Mal wurde der Himmel zur großen Bühne. Und die Welt zum großen Zuschauerraum. Ich habe mir dieses Schauspiel auch angeschaut. Zuerst von meinem Wohnzimmerfenster aus. Eingetaucht in warmes Orangerot stieg der Mond ganz langsam am Nachthimmel auf. Noch lag ein grauer Schleier über der scheinbar glühenden Riesenkugel. Als ich nach draußen ging, war die Straße voller gut gelaunter Menschen. Es war fast ein bisschen wie an Sylvester um kurz vor zwölf. Fasziniert und erwartungsvoll haben alle in den Himmel geschaut. Und waren wie verzaubert. Mitten auf der Straßenkreuzung stand ein Mann hinter einem riesigen Stativ und guckte in sein Teleskop. Ein anderer hat einer Gruppe von Kindern erklärt, was da oben gerade passiert.

Hier Verzauberung, dort Beobachten und Faktenwissen. Hier Ergriffenheit, dort nüchterne Rationalität. Das fröhliche Nebeneinander hat mich nachdenklich gemacht. Es sind ja zwei völlig verschiedene Zugänge zur Wirklichkeit. Und die passen irgendwie nicht so richtig zusammen. Dachte ich erst. Dabei ist es ja eigentlich genau anders herum. Bis in die letzten Winkel haben wir den Himmel durchforscht. Mit Raketen und Raumstationen haben wir die Geheimnisse des Himmels gelüftet. Wir wissen vieles. Und staunen trotzdem weiter.

So wie an diesem Abend der Mondfinsternis. Die Straße wurde immer voller. In seiner ganzen Schönheit war der glühende Ball am Horizont nun zu sehen. Groß und stolz, so, als ob er wüsste, dass die ganze Welt heute auf ihn blickt. Und als ein Raunen durch die Menge ging, hat man noch etwas anderes gesehen. Irgendwo unterhalb des Erdtrabanten schwebte sie und funkelte wie ein Edelstein: die internationale Raumstation ISS. Da sind Menschen drin. Dachte ich. Für mich kaum zu glauben. Aber wahr. Magisch sei der Blick auf den Mond, hat der Stationskommandant Alexander Gerst später getwittert. Auch er war fasziniert in dieser Nacht. Mal wieder. So, wie vor vier Jahren, als er schon einmal da oben gewesen ist. Ganz ergriffen vom Blick aus dem All auf die Erde. Und dann hat er diesen Satz gesagt:

„Nur wenn wir endlich gemeinsam handeln, nur, wenn wir uns als die eine Menschheit begreifen, so, wie man sie deutlich aus dem All sieht, nur so können wir die Zukunft gestalten.“

Nicht nur die unbeschreibliche Schönheit unseres Planeten hatte Alexander Gerst damals total beeindruckt. Er hatte auch gesehen, wie verletzlich dieser lebende Organismus ist.

Um kurz nach 23 Uhr war die Mondfinsternis vorbei. Der Blutmond hat sich verabschiedet. Der Vorhang ging zu. Ende der Vorstellung. Stativ und Teleskop wurden eingepackt. Die Zuschauer räumten ihre Plätze. Noch immer beeindruckt von dem, was sie gerade da oben gesehen hatten. Wie das zustande kommt, wissen wir längst. Aber alles Wissen kann unserem Staunen kein Ende setzen. Das sieht man an diesem Abend, an dem die ganze Welt auf der Straße steht. Und sich ergreifen lässt von einem Schauspiel der Schöpfung. Die ist Gabe und Aufgabe. Und sie bleibt für mich ein unfassbar schönes Geheimnis.

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