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Amtsantritt in Nazareth

Amtsantritt in Nazareth

Stefan Wanske
Ein Beitrag von

Stefan Wanske,

Katholischer Pfarrer und Dekan, Friedberg
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Eine gelungene Antrittsrede, die ist für einen guten Start wirklich Gold wert. Ob jemand Vereinsvorsitzender wird, ob jemand in seiner Firma eine neue Leitungsfunktion einnimmt oder sogar zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde: immer wird auf die erste Ansprache besondere Sorgfalt verwendet.

Eine gelungene Antrittsrede soll möglichst mitreißend und begeisternd sein, aber auch einprägsam und programmatisch. Der Redner muss dabei möglichst beides gleichzeitig unter Beweis stellen: sein rhetorisches Können, und auch seine visionären Ideen.

Sicher unterscheiden sich von Fall zu Fall die Gepflogenheiten und Traditionen: die Thronrede einer britischen Königin ist etwas anderes als die Große Regierungserklärung einer deutschen Bundeskanzlerin. Aber es ist gar nicht so selten, dass manchmal Sätze aus Antrittsreden zu geflügelten Worten werden, die fast jeder kennt.

„Wir wollen mehr Demokratie wagen“ - das hat zum Beispiel Willy Brandt vor dem Bundestag als neugewählter Kanzler 1969 formuliert. Oder auch acht Jahre vorher John F. Kennedy in seiner Antrittsrede als US-Präsident: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“

Von einer Antrittsrede in der Bibel will ich Ihnen heute Morgen erzählen. Sie wird an diesem Sonntag in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen. Es ist die Antrittsrede Jesu in Nazareth.

In Nazareth ist Jesus zuhause, hier ist er aufgewachsen, hier ist seine Heimat. In diesem etwas abgelegenen Ort beginnen seine Spuren. Und in der Synagoge von Nazareth hat Jesus seinen ersten öffentlichen Auftritt. Dort hält er quasi seine Predigt.

Musik 1:

Giuseppe Torelli: Grave/Allegro, aus: Sonata G.7; CD 1/2: Torelli. Complete Trumpet Concertos, Label Brilliant Classics (92401/1), Track 24, 01:09 min

In der Synagoge von Nazareth war es: Da ist Jesus damals mit seiner erste Rede vor die Öffentlichkeit getreten.

Die Stadt Nazareth liegt in einer Talsenke im Norden Israels, ungefähr 140 Kilometer von Jerusalem entfernt. Die karg bewachsenen Hügel rundherum sind Ausläufer des Libanon-Gebirges. Die großen Verkehrsachsen im Römischen Weltreich, die führen zur Zeit Jesu an Nazareth vorbei.

Die Stadt selbst besteht aus kleinen Gassen. In der Stadtmitte, gleich am Markt, liegt die Synagoge. Dort treffen sich die Leute am Sabbat zum Gebet und zum Gottesdienst. Es ist der arbeitsfreie Tag. Ich stelle mir vor: Auch damals, als Jesus unterwegs zur Synagoge war, war es ziemlich ruhig auf den Straßen. Die Läden und Kneipen waren zu.

Und in der Synagoge drinnen, als Jesus dort eintritt, da kennt man ihn vermutlich. Hier kennt jeder jeden. Man grüßt sich, hat mitunter schon zusammen im Sandkasten gespielt, hat auf den Plätzen zusammen gefeiert und weiß auch um die Familiengeschichte der anderen.

Nach dem Brauch der jüdischen Gemeinde legt Jesus im Gottesdienst in der Synagoge die Stelle aus der Schrift aus, die gerade an dem Tag dran ist. Und das ist an diesem Tag ausgerechnet eine Stelle aus dem Propheten Jesaja. Das Lukasevangelium erzählt die Szene so:

„Als er aufstand, um vorzulesen, reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht: Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“

Dann schloss er die Buchrolle, gab sie dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet.“ (Lukasevangelium 4, 16-20)

Lukas, der Evangelist, macht es spannend. Was wird Jesus jetzt wohl sagen, in seiner Antrittspredigt? – Bevor Jesus selbst zu Wort kommt: lassen wir noch einen Moment die Jesaja-Lesung musikalisch nachklingen, die Jesus aus der Bibel vorgetragen hat. Johann Michael Bach schuf um 1815 herum für seine „Friedens-Cantata“ ein Larghetto mit dem Text: „Der Herr schauet von seiner heiligen Höhe, dass er das Seufzen der Gefangenen höre und losmache die Kinder des Todes.“

Musik 2:

Johann Michael Bach: Larghetto „Der Herr schauet von seiner heiligen Höhe“; CD: Johann Michael Bach, Friedens-Cantata. Label cpo (cpo 999 671-2), Track 2, 03:33 min

Antrittsreden haben es ja meistens so an sich, dass sie etwas länger sind. Auch bei meiner Antrittspredigt als Pfarrer in Friedberg war das so. Jesu Antrittspredigt in Nazareth allerdings war ganz kurz, zumindest in der Zusammenfassung.

Der Evangelist Lukas schreibt:

„Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. (Lukasevangelium 4, 21)

Seit Jahrhunderten hat das Volk Israel die Worte aus dem Propheten Jesaja gelesen; seit Jahrhunderten warten sie auf den, den Jesaja „den Gesalbten“, Messias; nennt. Eine große und gewiss tief religiöse Hoffnung ist das, an die man sich mit den alten prophetischen Schriften immer wieder erinnert: am Sabbat, in der Synagoge, beim Gottesdienst. Aber auch eine Hoffnung, von der man im Alltag und im richtigen Leben manchmal denkt: Wer weiß, ob sie sich je erfüllt, wer weiß, ob der Messias und Retter wirklich kommt?

Wie realistisch ist das, auf einen zu hoffen, der von Gott kommt und alles heil machen kann? Auf einen, der die Menschen aus ihren Zwängen und Ängsten befreit? Einen, der die Ungerechtigkeit und Gefangenschaft beendet? Die Unterdrückung durch andere Völker, wie zum Beispiel damals die der Römer?

Jesus, der Sohn des Zimmermanns, ergreift das Wort und sagt: Jetzt ist die Stunde da!Das, was ihr in eurer Bibel längst gelesen habt, das erfüllt sich jetzt vor euren Ohren und vor euren Augen. Eigentlich war das eine ziemlich unwahrscheinliche und unglaubliche Botschaft! Eine, die auch ziemlich arrogant wirken könnte: „Seht her! Der Messias, das bin ich!“ – Umso erstaunliche finde ich: Die Leute sind nicht kritisch oder abwehrend. Sondern sie nehmen es Jesus überhaupt nicht übel, dass er sich gleich im ersten Atemzug höchstpersönlich mit diesem „Gesalbten“ identifiziert. Die ersten Reaktionen sind sogar ausgesprochen positiv, da heißt es:

„Alle stimmten ihm zu; sie staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen, und sagten: Ist das nicht Josefs Sohn?“ (Lukasevangelium 4, 22)

Anscheinend nimmt man Jesus ab, was er sagt. Was ihr schon immer von Gott erhofft, das ist keine Einbildung und keine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern das wird erfüllt.

Für so eine Synagogengemeinde klingt davon Vieles vertraut. Alle, die Jesus zuhören, haben sich ja immer wieder im Gottesdienst und in ihrem Beten in dieser Hoffnung auf Freiheit und Frieden zu bestärken versucht. Bei vielen religiösen Festen hat man sich übers Jahr gemeinsam daran erinnert, dass sich früher schon einmal die Hoffnung auf Befreiung erfüllt hat. Die Vorfahren hatten es ja tatsächlich erlebt, in grauer Vorzeit, bei der Befreiung aus Ägypten. Ein biblisches Lied, das ganz bestimmt auch damals im Gottesdienst immer wieder vorkam, singt davon, dass Gott befreit und in eine helle Zukunft führt, der Psalm 114. Hier ist er, in englischer Sprache als Komposition von Zoltán Kodály: „Als Israel aus Ägypten auszog“.

Musik 3:

Zoltán Kodály: „When Israel came out of Egypt”, CD: Der Herr ist mein Hirt. Psalmvertonungen. Label Carus (19.075/99), Track 14, 03:05 min

Die Freude über Gott gibt dem Volk Israel nach der Rückkehr aus dem Exil in Ägypten die Kraft, neu anzufangen; etwas aufzubauen. Und daran erinnert man sich auch viele Generationen später zur Zeit Jesu ganz bewusst.

An diese Glaubenserinnerung knüpft Jesus mit seiner Antrittsrede als Prediger an. Er spricht von einem Gott der Armen, einem Gott, der sich noch um die Schwächsten kümmert. Einen Gott, der ein Herz hat für das Lädierte und die Verletzten: „Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze.“

In diesen wenigen Sätzen, die er nach dem Propheten Jesaja zitiert, ist in der Antrittsrede Jesu aus dem Lukasevangelium die ganze Programmatik Jesu auf den Punkt gebracht. Er ist gekommen, damit er die aufrichtet, die verzweifelt sind; damit er Traurige tröstet und Freude in das Leben der Menschen bringt. Der Kern seiner Botschaft heißt: Freut euch, denn ihr habt einen Gott, der euch froh haben will und der euren Alltag mit Lebensmut erfüllt.

In der Kirche wird auch in der Heiligen Nacht jedes Jahr aus dem Lukas-Evangelium vorgelesen: Ein Engel über den Feldern von Betlehem kündigt Jesus und seine Geburt so an: „Er ist der Gesalbte, der Herr.“ Aus diesem Kind ist inzwischen ein erwachsener Mann geworden. Einer, der das nun von sich selbst sagen kann, derjenige, den Jesaja als Prophet angekündigt hat, der Freudenbote.

Diese Ankündigung des Jesaja, die ist auch immer wieder musikalisch gestaltet worden. Hören wir ein Allegretto von Johann Michael Bach mit dem biblischen Text aus Jesaja 52:

„Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheißt, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König.“ (Jesaja 52, 13)

Musik 4:

Johann Michael Bach: Allegretto „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten“; CD: Johann Michael Bach, Friedens-Cantata. Label cpo (cpo 999 671-2), Track 21, 03:22 min

Mir tut es gut, mit Jesu Antrittspredigt noch mal an die Botschaft von Weihnachten zu denken. Gott ist den Menschen nahe gekommen. Als Jesus nach seiner Antrittsrede Nazareth wieder verlassen hat, hat er dieses Jesajawort an vielen Orten in vielen Begegnungen und Gesprächen wahr gemacht. Jesus hat die Menschen frei gesprochen, von allem, was sie belastet und sie zum Leben ermutigt. Vielen ist dabei der Himmel aufgegangen.

Papst Franziskus hat vor zwei Jahren in einer Predigt in der Vorweihnachtszeit darauf hingewiesen, dass wir Menschen für einander auch Botinnen und Boten der Freude werden können:

„Auch wir“, so ruft er die Menschen auf, „müssen eilen wie der Bote auf den Bergen, denn die Welt kann nicht warten. Die Menschheit hat Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, Wahrheit und Frieden.“ Und er fährt fort: „Gott kommt, um etwas Neues zu verwirklichen, um ein Reich des Friedens zu errichten. Gott kommt, um Freiheit und Trost zu bringen. Das Böse wird nicht für immer triumphieren, der Schmerz hat ein Ende. Die Verzweiflung ist überwunden, denn Gott ist unter uns.“ (Generalaudienz am 14.12.2016, http://w2.vatican.va/content/francesco/de/audiences/2016/documents/papa-francesco_20161214_udienza-generale.html )

Mir selbst ist für meinen Alltag und für mein Leben diese Vision wichtig geworden. Manchmal reichen ja schon ein paar negative Erlebnisse oder eine Reihe unangenehmer Termine, und mein Optimismus schwindet. Wenn dann meine Kräfte abnehmen, und es mir so vorkommt, als wäre mein Glaube erschöpft und als hätte alles keinen richtigen Sinn mehr, dann sagt mir Jesu Antrittsrede: Nur Mut! Gott macht etwas Neues!

Musik 5:

Johann Sebastian Bach: Choralvorspiel „Christum wir sollen loben schon“ (BWV 611), CD 7/ 12 „Bach. The organ works“, Helmut Walcha, Label Polydor International GmbH / Archiv Produktion 436 721-2, Track 13, 02:01

 

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