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Leonard Bernsteins himmlische Musik
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Leonard Bernsteins himmlische Musik

Helmut Schlegel
Ein Beitrag von

Helmut Schlegel,

Franziskanerpater, Exerzitienbegleiter und Geistlicher Begleiter, Frankfurt

Am 25. August 1918 wurde er geboren. Gestern also feierte die Musikwelt den hundertsten Geburtstag von Leonard Bernstein. Sein Vater war vor den Judenpogromen aus der Ukraine in die Vereinigten Staaten geflohen und wurde ein erfolgreicher Kaufmann in der Kosmetikbranche. Als Kind – so hat er selbst in einem Interview erzählt – „war ich ein Junge ohne irgendein besonderes Interesse und darum nicht sehr lebhaft. (…) Eines Tages wurde ich, quasi per Zufall, unwiderruflich von der Macht der Musik erfasst. Ich war damals zehn Jahre alt. Auf dem Dachboden unseres Hauses in Boston entdeckte ich ein altes Klavier (…) Der Deckel war offen, und als ich über die Tasten strich, war ich vollkommen fasziniert davon, Musik machen zu können. (…) Schon am nächsten Tag war ich ein anderer; ich war wie neugeboren“ (Enrico Castillione, Leonard Bernstein, Ein Leben für die Musik, Berlin 1993, S. 19) Es war der Anfang einer außergewöhnlichen Karriere. Noch gab es Hindernisse. Zum Beispiel Vaters Nein. Trotzdem entschied er sich richtig: Er lernte Klavierspielen, verdiente seinen Lebensunterhalt mit Jazzbands und studierte in Harvard Musik. Leonard Bernstein wurde zu einem der größten Musiker des 20. Jahrhunderts.

Ein wichtiger Tag auf diesem Weg war im November 1943: das Konzert der New Yorker Philharmoniker war ausverkauft, aber der Star-Dirigent Bruno Walter hatte plötzlich wegen Grippe abgesagt. Am Nachmittag der Aufführung erfährt Bernstein, dass er einspringen soll. Er tut es ohne Probe und es wird ein großartiger Erfolg. Bernstein wird einer der größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts genannt, aber genau damit haderte er ein Leben lang. Er konnte nämlich ebenso gut komponieren. Es begann mit der Musikshow „On the Town“. Schon da wurde deutlich, dass Bernstein kein abgehobener Künstler war. Er ist der Überzeugung: Die Musik gehört allen, den Weißen und den Schwarzen, den Armen wie den Reichen. Ja, und auch New York gehört allen. Das ist die Botschaft von „On the Town“. In dieser Stadt ist Platz für Einheimische und für Fremde. Nicht umsonst heißt einer der großen Songs dieser Show: „New York, New York“.

Musik 1: On the Town, Nr. 1, New York, New York 1:33 - 3:10

Musik hatte für Bernstein immer auch einen politischen Auftrag. Mauern abreißen war sein Herzensanliegen. Er tat es auf seine Weise: Charmant, aber eindringlich, entschieden und doch nicht aggressiv, mit der Magie der Töne und nicht mit dröhnenden Parolen. Als „On the Town“ zur Aufführung kam, geschah etwas Unvorstellbares. 1944 lag Amerika nicht nur mit Hitler-Deutschland, sondern auch mit Japan im Krieg. Die verhassten Japan-Amerikaner wurden in Internierungslager gesteckt. Und nun sang ausgerechnet die Japan-Amerikanerin Sono Osato die Hauptrolle. Afroamerikaner traten als gleichwertige Partner mit weißen Künstlerinnen und Künstlern auf. Bernstein Musik ist ein Protest gegen Fremdenhass und Ausgrenzung. Noch deutlicher wird diese Botschaft in dem weltberühmten Musical „West Side Story“. Hören Sie daraus das folgende Lied.

Musik 2: West Side Story, Nr. 7 Tonight, 0:55 - 2:30

Die „West Side Story“ ist eine Liebesgeschichte in Anlehnung an Shakespeares Romeo und Julia. Zwei jugendliche Straßenbanden liefern sich in den Slums der West Side von New York erbitterte Schlachten: Hier die einheimischen Amerikaner, dort die zugewanderten Puertoricaner. Auf einem Tanzabend lodert der Streit erneut auf. Und am selben Abend verlieben sich der junge Amerikaner Tony und Maria, die Schwester des Anführers der Farbigen. Der Krieg der Jugendgangs eskaliert. Es kommt zum Kampf um Leben und Tod. Jugendliche aus beiden Lagern werden erstochen. Auch Tony muss sterben: in den Armen seiner geliebten Maria wird er erschossen. Ausgerechnet Maria, die den Bruder und den Geliebten verloren hat, bringt die Jungen zur Vernunft. Leider zu spät begreifen sie, wohin Gewalt führt. Die Geschichte hat kein happy end. Und doch vermag die Musik, Farben der Hoffnung in das Grau des Schreckens zu mischen. Hören Sie den Song „Somewhere“, ein unzerstörbarer Traum von einer Welt ohne Hass und Waffen.

Es gibt einen Ort, Irgendwo einen Ort,
Frei von Kummer und von Gewalt zeigt er sich schon bald.
Es kommt eine Zeit, irgendwann eine Zeit,
in der niemand die Fäuste ballt. Diese Zeit gibt uns Halt!
Schon bald, nicht weit, wartet ein anderes Leben,
werden wir andern vergeben.
Es gibt einen Ort, irgendwo einen Ort,
lass den Weg uns gemeinsam geh'n.

Glaube mir und dann wirst du seh'n,
nicht heut, nicht hier, doch bald!

Musik 3: West Side Story, Nr. 5 - Somewhere, (0:00 - 2:05)

Es verwundert nicht, dass für Bernstein der Fall der Berliner Mauer ein überwältigendes Erlebnis war. Am Weihnachten 1989 dirigierte er im Berliner Schauspielhaus Beethovens Neunte Symphonie. Musiker und Chöre aus Ost und West, aus Dresden, St. Petersburg, London, New York Paris und München spielten und sangen. Als am Ende die "Ode an die Freude" erklang, horchten alle auf. Bernstein hatte mit einer einzigen Wortveränderung einen entscheidenden Akzent gesetzt. "Ich glaube“, so begründete er dies, „dies ist ein Augenblick, den der Himmel gesandt hat, um das Wort "Freiheit" immer dort zu singen, wo in der Partitur von ‚Freude‘ die Rede ist". (zitiert nachhttp://www.klassikakzente.de/news/klassik/article:75243/leonard-bernsteins-symboli) Und so sangen die vereinigten Chöre: „Freiheit, schöner Götterfunken, Tochter aus Elisium. Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.“

Musik 4: Symphonie Nr. 9 von Ludwig van Beethoven, Nr. 6, 2:47 – 3:40

Grenzen überwinden, Mauern einreißen. Bernstein tut dies auch, in dem er mit manchem Tabu in der Musikwelt bricht. Für ihn gibt es die gängige Unterscheidung zwischen Klassik und Pop überhaupt nicht. Er ist in den Jazzkneipen und Nachtclubs ebenso zuhause wie in den Konzerthäusern. Die Musik, so glaubt er, hat die Kraft, die verschiedenen Kulturen, Farben, Religionen und Länder zu verbinden. „Man sagt mir, ich sei ein Träumer“, sagte er in einem Interview, „ich weiß nicht, vielleicht stimmt das. (…) einer, der glaubt, (…) an das Positive in den Grundwerten unseres Empfindens, an Gott und die Religion, die Liebe und die Freundschaft.“ (a.a.O. S. 92)

Einer guten Freundin erklärte Bernstein einmal bei einem Dinner, was für ihn Enthusiasmus ist. Es komme von dem griechischen Wort „en theos“, sagte er, was so viel heiße wie „Gott in sich tragen“. Bernstein sagte einmal von sich: „Ich bin auf keinen Fall ein religiöser Komponist. Vielmehr bin ich ein religiöser Mensch.“ (a.a.O,. S. 95) Er hielt nichts von der „organisierten Religion“ und äußerte sich auch sehr zurückhaltend zu seinem Glauben. Ein Enthusiast war er allemal. Wer ihn am Dirigentenpult beobachtet und sah, wie er hüpfte und tanzte, konnte etwas von diesem Enthusiasmus spüren. War es das – Gott in sich tragen? Bernstein war Jude und wusste um die tiefe Überzeugung seiner Glaubensgemeinschaft: Gott ist mitten im Leben, im Hier und Jetzt, in der Trauer und in der Freude, im Scheitern und im Erfolg. Doch meist ist Gott verborgen und schweigt. Ein glaubender Mensch wird in der hebräischen Bibel „Zaddik“ genannt. Es ist der Mensch mit aufrechtem Gang, die Frau, der Mann mit verlässlichem Charakter. Ein Zaddik ist durchaus nicht immer einverstanden mit Gott. Das zeigen die großen Gebete der Bibel – die Psalmen. Da wenden sich die Betenden in allen Gefühlslagen an Gott: Sie loben und danken, aber sie hadern auch, klagen und schimpfen. Einige der Psalmen hat Bernstein in den „Chichester Psalms“ vertont. Das dreiteilige Chorwerk wurde auf einem Festival(,) im südenglischen Chichester aufgeführt. Darunter ist auch der Psalm 131. Hören Sie erst den deutschen Text und dann die Vertonung Bernsteins in hebräischer Sprache.

Herr, mein Herz ist nicht stolz,

nicht hochmütig blicken meine Augen.

Ich gehe nicht um mit Dingen,

die mir zu wunderbar und zu hoch sind.

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still;

wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir.

Israel, harre auf den Herrn

von nun an bis in Ewigkeit!

(Psalm 131)

Musik 5: Bernstein: Chichester Psalms. Nr.4, Psalm 131 (5:00 bis ca. 06:30)

Als ich die Musik von Bernsteins „Mass“ hörte, habe ich etwas begriffen von seinem ganz persönlichen Ringen mit dem Glauben. „Mass“ ist keine Messe im herkömmlichen Sinn, auch wenn der Komponist liturgische Texte der katholischen Eucharistie verwendet. Das Stück ist ein musikalisches Drama, das in einem Gottesdienst spielt. Ein katholischer Priester versammelt seine Gemeinde – die „Street People“ – in der Kirche und feiert die Messe. Aber ständig wird die Liturgie unterbrochen. Eine heftige Debatte zwischen Zelebranten und Gemeinde wogt hin und her. Während der Priester zu Beginn in seinem zunächst klaren und ungefährdeten Glauben die Gemeinde zu einem wie er sagt „schlichten Gotteslob“ aufruft, werden in ihm immer mehr Einwände und Zweifel laut. Er spürt die Wucht des menschlichen Leids und kommt zur Überzeugung: die Welt wird vom Bösen beherrscht. Ganz verzweifelt ist er kurz davor, seinen Glauben aufzugeben. Aber er tut es nicht. Er hadert mit Gott, aber er kann nicht von ihm lassen. Ein Motiv, das in den Werken Bernsteins immer wieder auftaucht. Und da ist er ganz in der Spur der Psalmen. Ein trotziges: Ich verstehe dich nicht, Gott, aber ich kann nicht von dir lassen. Am Ende der „Mass“ will der Priester sein schlichtes Lied für Gott singen und er bittet auch die Gemeinde, mit einzustimmen: Gloria Patri et filio et spiritu sancto. – Ehre dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Musik 6: „Mass“ Nr. 13: Gloria (CD 1, 0:00 - 1:25)

Den Anstoß zu dieser Komposition gab Jacqueline Kennedy-Onassis. Anlass waren die Eröffnungsfeierlichkeiten für das John F. Kennedy Zentrum für darstellende Kunst in Washington. Dort wurde „Mass“ am 8. September 1971 uraufgeführt. Auch hier mixte Bernstein musikalisch einen Cocktail verschiedenster Stile: Jazz, Blues, Broadwaystil, Zwölftontechnik und Expressionismus wechseln einander ab. Rhythmik und Tonfolgen der Komposition geben die innere Zerrissenheit und Auflehnung wieder, die Bernstein empfindet. Der Hintergrund: Die Vereinigten Staaten steckten 1971 mitten im Vietnamkrieg. Die junge Generation lehnt diesen Krieg ab. Und mit ihm eine verkrustete Gesellschaft mit ihren starren Rollen und verlogenen Konventionen. Die Zeit der sexuellen Revolution, der Emanzipation und der Umweltbewegung bricht an. Glaubenstraditionen und die Macht der Glaubensgemeinschaften werden infrage gestellt. Die kritische Komposition Bernsteins ist wie ein Seismograph einer neuen Epoche. Aber auch Ausdruck einer Vision von einer gerechten und geschwisterlichen Gesellschaft. Bernsteins Verwurzelung in der jüdischen Tradition ist auch hier zu spüren. Wie damals die Psalmisten so klagt diese Musik das fromme Gehabe ebenso an wie eine Gesellschaft, die den Schein wahrt und doch im Kern verlogen ist. Auch Gott bekommt die Vorwürfe und Fragen einer zerrissenen Menschheit zu hören. Und doch: das Ungereimte hindert nicht, mit diesem Gott zu reden und zu rechnen.

Hören Sie zum Abschluss noch einen Auszug aus Bernsteins Vertonung von

Psalm 23.

Musik 7: Leonard Bernstein, Chichester Psalms, Nr. 3, Psalm 23, 02:14 – 03:14

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