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Die Beule und die Vergebung
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Die Beule und die Vergebung

Rolf Müller
Ein Beitrag von

Rolf Müller,

Pastoralreferent Pfarrei Mariä Himmelfahrt, Frankfurt

Das hat mich geärgert! Ich bin aus dem Pfarrhaus rausgekommen und zu meinem Auto gegangen. Da habe ich sie gesehen: Die kleine Beule an meiner Fahrertür. Als ich das Auto zwei Stunden vorher dort abgestellt habe, war sie noch nicht da gewesen. Irgendjemand hat da die Beule reingemacht und ist einfach weitergegangen, ohne sich um den Schaden zu kümmern. Ich brodele innerlich! Ich habe die Beule am Auto, stehe da und bin sauer!

Erst nach zwanzig Minuten grummeln entspanne ich mich wieder etwas. Und ich fange an, in Ruhe über die Sache nachzudenken. Was ist, wenn derjenige das gar nicht einmal gemerkt hat, als er die Beule in meine Fahrertür gedrückt hat? Vielleicht war es ein Kinderwagen, vielleicht ein Rollstuhl oder ein Gehstock, der unbemerkt gegen das Auto gekommen ist? Oder: Vielleicht hat der Verursacher meines kleinen Schadens nur viel zu viel Angst vor Ärger und Scherereien gehabt, obwohl das Ganze schnell hätte geklärt werden können?

Ich merke: Meine Wut legt sich wieder. Fast schon ärgere ich mich über sie. Wie leicht kann ich doch einem anderen Menschen Unrecht tun, wenn ich so innerlich herumtobe. Klar, einfach so nach einem Schaden abzuhauen, das ist nicht gut. Aber ich erinnere mich an ein Wort Jesu über das Vergeben: „Nicht sieben mal, sondern siebenundsiebzig mal sollst du deinem Bruder vergeben.“ (Mt 18,22). Ich merke, wie schwer das ist. Aber ich will es versuchen. Denn lieber vergebe ich einmal jemandem zuviel, als jemanden zu Unrecht für irgendwas zu beschuldigen. Ich kann ja eh nichts mehr dran ändern. Außerdem machen mich Wut im Bauch oder falsche Rachegelüste doch eh nur selbst unglücklich.

Heute ist das Ganze vier Wochen her; ich denke schon gar nicht mehr an den Vorfall. Und wenn ich die Minibeule an meinem Auto dann doch noch einmal bemerke, dann erinnert sie mich an was: Ich will bei Kleinigkeiten das Vergeben üben, dann fällt es mir bei den wichtigen Sachen im Leben hoffentlich nicht so schwer.

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