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Wer ein Menschenleben rettet, hat die ganze Welt gerettet
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Wer ein Menschenleben rettet, hat die ganze Welt gerettet

Dr. Matthias Viertel
Ein Beitrag von

Dr. Matthias Viertel,

Evangelischer Pfarrer, Kassel
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In der jüdischen Tradition gibt es eine Legende, der zufolge zu aller Zeit mindestens 36 gerechte Menschen auf der Welt leben müssen. Meistens kennt man sie nicht, sie wirken im Verborgenen, oft erfährt man erst im Nachhinein von ihnen.

Mindestens 36 gerechte Menschen müssen auf der Welt leben

Und doch sind sie außerordentlich wichtig, weil ohne sie die Welt in Trümmer fallen würde. 36 Menschen sind sozusagen das absolute Minimum an Aufrichtigkeit und nicht korrumpierbarer Moral, die unsere Welt zum Bestehen braucht. Sie sind so etwas wie die moralischen Säulen, die den Himmel über der Welt tragen.

36 Personen liefern den Grund dafür, dass Gott an seiner Barmherzigkeit mit den Menschen festhält

Warum es genau 36 sein müssen, ist schwer zu sagen. Die Legende bezieht sich auf den Propheten Jesaja aus dem Alten Testament. In dieser Schrift gibt es eine Stelle, in der die Barmherzigkeit Gottes beschrieben wird. Und die wird so ausgelegt: Genau 36 Personen lassen sich in ihrer aufrichtigen Haltung nicht beirren. Sie liefern den Grund dafür, dass Gott an seiner Barmherzigkeit mit den Menschen festhält.

Die „Allee der Gerechten unter den Völkern“ in Yad Vashem

Interessant ist, was in der Gegenwart aus der Legende von den Gerechten geworden ist. In der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gibt es die „Allee der Gerechten unter den Völkern“. Jeweils ein Baum soll an die erinnern, die sich für die Menschlichkeit stark gemacht haben.

Auch der Zirkusdirektor Adolf Althoff zählt dazu

Auch einige Deutsche finde sich in dieser Allee der Gerechten. Einer von ihnen war Zirkusdirektor. Sein Name Adolf Althoff ist wohl den meisten bekannt, denn der Zirkus Althoff gehört noch immer zu den berühmtesten. Weniger bekannt ist dagegen die Geschichte, die den Dompteur Adolf Althoff in den Kreis der Gerechten gebracht hat. Sie hat mit einem Clown zu tun und einer Zirkusreiterin.

Der Clown Peter Bento und die jüdische Familie seiner Frau Irene

Eines Tages im Jahr 1943 brachte der Clown Peter Bento seine Frau Irene zu Adolf Althoff. Die jüdische Familie von Irene war denunziert worden. Die Großmutter und der Onkel wurden verhaftet und ins Konzentrationslager Ausschwitz gebracht. Um seine 20jährige Frau zu retten, bat Peter Bento den Zirkusdirektor, sie aufzunehmen. Und dann fiel der entscheidende Satz, der nicht nur Irenes Menschenleben retten konnte.

"Sie können alle herkommen, das kriegen wir schon hin!"

Adolf Althoff sagte: „Sie können alle herkommen, das kriegen wir schon hin!“ Damit meinte er den Rest der Familie: Vater, Mutter und Geschwister - sie alle fanden Unterschlupf im Zirkus Althoff. In dieser besonderen Welt zwischen Clowns, Dompteuren und Artisten suchte die Gestapo in diesem Fall nicht.

"Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet"

Die couragierte Haltung der Familie Althoff, mit der sie selbst ihr Leben riskierten, kam erst vierzig Jahre nach Kriegsende durch Zufall ans Tageslicht. Adolf Althoff wurde zusammen mit seiner Frau Maria, die das Risiko geteilt hatte, in die Reihe der Gerechten aufgenommen. In der Medaille, die sie als Gerechte unter den Völkern erhielten, ist der Satz eingraviert: „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ So wurde eine Zirkusreiterin und ein Dompteur zu Säulen, die den Himmel über der Erde tragen.

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