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Weihnachten -  Friede auf Erden – auch zwischen den Religionen
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Weihnachten - Friede auf Erden – auch zwischen den Religionen

Karl Waldeck
Ein Beitrag von

Karl Waldeck,

Direktor Evangelische Akademie, Hofgeismar

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlge­fallens. So jubeln die himmlischen Heerscharen in der Heiligen Nacht. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“. Dasist die Weihnachtsbotschaft schlechthin. Dieser Jubel hat einen Grund: Jesus, der Heiland ist geboren. Um beides geht es: Gott und Himmel, Mensch und Erde.

Weihnachten – Der 24. Dezember, Heilig Abend, ist in unserer Zeit früher Höhe­punkt des Weihnachtsfestes. Er ist bereits Vergangenheit so wie der gestrige erste Weihnachtsfeiertag. Nur noch heute, ein Tag − dann ist Weihnachten 2017 Ge­schichte. Der Alltag hat uns wieder. Spätestens dann stellt sich die Frage: Was bleibt? Wie nachhaltig sind Weihnachten und seine Botschaft?

Musik 1 – J. S. Bach „Ehre sei Gott“ aus dem Weihnachtsoratorium

„Friede auf Erden.“ Das ist die Verheißung der Geburt Jesu:ein alter Menschheits­traum, nicht erst in unseren Tagen, älter auch als die Weihnachtsgeschichte. Bereits im Alten Testament ist vom kommenden Friedenskönig die Rede. Beim Propheten Micha heißt es: Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurecht­weisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.
„Schwerter zu Pflugscharen“ – das war das Schlagwort der Friedensbewegung in den Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, besonders in der damaligen DDR. Es war die Zeit des Kalten Krieges. Die Zeiten ändern sich; die Sehnsucht nach Frie­den bleibt – unter neuen Bedingungen.

„Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden“. Ist das nur ein Traum, eine Utopie – ein „Un-Ort“, an dem wir noch nicht sind und den wir womöglich nie erreichen wer­den? Geht es darum, das Ziel des Friedens im Blick zu behalten, damit wir uns dahin aufmachen? „Frieden auf Erden!“ – Nicht weniger als das, wird im Licht der Heiligen Nacht verheißen − in der Nacht, der Finsternis.
Wie finster ist es derzeit auf dieser Erde – nicht nur in der Nacht? Wie steht es um den Frieden auf Erden? Die Welt ist in Unfrieden, so lauten die Nachrichten, die uns Tag für Tag erreichen: An vielen Orten der Erde Krieg, Terror, Unruhen, Spannungen aufgrund politischer, nationaler, ethnischer, sozialer, auch religiöser Gegensätze.

Bei Krieg und Konflikt denkt man zunächst an ferne Länder. Doch wie steht es um Frieden in unserem Land? In Deutschland haben mehrere Generationen seit mehr als 70 Jahren keinen Krieg miterleben und miterleiden müssen. Gott sei Dank! Das ist kein Grund sich auszuruhen. Denn Frieden will bewahrt, gepflegt, er muss auch konstruktiv erstritten werden. Wir haben gerade im zu Ende gehenden Jahr erlebt, dass die Polarisierung in unserer Gesellschaft zugenommen hat: Extremisten haben Zulauf, der Ton der politischen Auseinandersetzung wird schriller, unversöhnlicher. Ganze Personengruppen sehen sich Anfeindungen ausgesetzt: Fremde, Flüchtlinge; der Antisemitismus ist wieder salonfähig geworden. Wie friedlich ist Weihnachten 2017 in unserer Gesellschaft wirklich, welche Potentiale des Unfriedens gibt es; wie kann man ihnen entgegentreten?

Bevor man sich in die öffentliche, politische Debatte stürzt, sollte man schließlich innehalten und sich selber fragen: Wie steht es eigentlich um meinen Frieden? Kann ich mit den Menschen in meiner nächsten Umgebung und mit mir in Frieden leben? Frieden auf Erden im Großen, beginnt stets auch bei und in mir.

Musik 2: F. Mendelssohn-Bartholdy: „Die Erde ist nun des Herrn“ („Paulus“)

Die Botschaft der Heiligen Nacht hat zwei Teile, die zusammengehören: Sie spricht von Gott und vom Menschen: „Ehre sei Gott in der Höhe“ und „Friede auf Erden“. Die Beziehung zwischen Mensch und Gott bezeichnet man als „Religion“. „Ehre sei Gott“. Gott als Quelle des Friedens. Auch hier ist die Botschaft der Heiligen Nacht mit der Realität abzugleichen. Wohl alle Religionen nehmen für sich in Anspruch, Religionen des Friedens zu sein. Doch wie steht es darum in der Praxis? Das Ergebnis ist ernüchternd: Gewalt, Terror im Namen der Religion gibt es auch 2017. Religionen haben neben einem Friedens- auch ein Gewaltpotential. Ein gründlicher Blick in die Geschichte und in die Gegenwart lässt erkennen, dass immer wieder Gewalt im Namen der Religion ausgeübt wurde – innerhalb von Religionsgemeinschaften und gegen sogenannte Anders- oder Ungläubige. Ehre sei Gott – und Unfrieden auf Erden! Sollte dieses Missverhältnis das letzte Wort haben?
Wir feiern Weihnachten, das Fest unter dem Vorzeichen „Friede auf Erden“. Es spricht für den Realitätssinn der Kirche, dass sie den Zweiten Weihnachtstag mit einer biblischen Geschichte in Verbindung bringt, die gar nicht friedlich ist, sondern von der gewalttätigen Seite des Glaubens an den einen Gott berichtet. Der Zweite Weihnachtstag wird auch als Stephanustag begangen. Diese Geschichte aus dem Buch der Apostelgeschichte erzählt vom Tod, von der Ermordung des Stephanus, des ersten Märtyrers der Christenheit. In der Darstellung der Apostelgeschichte geht es um einen Konflikt, der sich innerhalb der Synagoge in Jerusalem zuträgt. Heute ist der Bericht am besten als typisches Beispiel dafür zu verstehen, wie Glaubensge­meinschaften mit einem als „Abweichler“ empfundenen Menschen umgehen – gnadenlos. Stephanus, ein Jude, bekennt sich öffentlich dazu, so stellt es die Apostelgeschichte dar, dass er Jesus für den Christus, den Messias hält. In der Meinung seiner Gegner, der Mehrheit und des religiösen Establishments ist er damit ein Ketzer und Gotteslästerer. Hier, so meint man, kann kein Pardon gegeben werden; nur eine Strafe sei möglich: Der Tod.
Den Tod des Stephanus beschreibt die Apostelgeschichte so:
Kapitel 7, 54-60
Als sie das hörten, ging's ihnen durchs Herz und sie knirschten mit den Zähnen über ihn. Er aber, voll Heiligen Geistes, sah auf zum Himmel und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus stehen zur Rechten Gottes und sprach: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.
Sie schrien aber laut und hielten sich ihre Ohren zu und stürmten einmütig auf ihn ein, stießen ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Und die Zeugen legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines jungen Mannes, der hieß Saulus, und sie steinigten Stephanus; der rief den Herrn an und sprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!
Er fiel auf die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Und als er das gesagt hatte, verschied er.
Töten im Namen Gottes – schrecklich zu hören, selbst wenn diese Geschichte bald 2000 Jahre zurückliegt. Im Namen Gottes zu töten ist tatsächlich gotteslästerlich. Religiös motivierte Gewalt, im Namen von Religion in Wort und Tat, gibt es auch in diesen Tagen: Etwa gegen Muslime in Myanmar, Todesdrohungen gegen Schau­spieler und Dichter in Indien, Übergriffe der Kirche in Russland auf Künstler und in der Vergangenheit: Die Verfolgung von Ketzern und Abtrünnigen im Christentum und Islam.

Gewalt wird nicht allein im Namen von Religion ausgeübt. Die Ideologien und Dikta­turen des 20. Jahrhunderts sind dafür das beste Beispiel. Heute leben wir in einer Zeit, in der nicht allein die Freiheit der Religion, sondern bereits die des Wortes in vielen Teilen der Erde unterdrückt wird. Unduldsame Regime und Herrscher, auch in Europa, gewinnen an Bedeutung. Presse- und Glaubensfreiheit sind akut in Gefahr. In solchen Zwangs-Verhältnissen herrscht kein Frieden, wie ihn die Bibel verheißt, sondern nur ein Friedhofs-Frieden.

Musik 3: F. Mendelssohn-Bartholdy: „Wie lieblich sind die Boten…“ (aus „Paulus“)

Wir feiern Weihnachten, das Fest der Liebe und des Friedens. Es fehlt dieser Erde an Frieden; Religionen haben den Frieden nicht immer gefördert, sondern oft  gefähr­det. Was kann da helfen? Unsere Welt wächst unwiderruflich zusammen – trotz aller neuen Versuche der Abgrenzung!
Eine doppelter Rückblick kann hier helfen: Vor 20 Jahren war der Kalte Krieg vorbei, der eiserne Vorhang Geschichte; doch es gab wieder Krieg − im ehemaligen Jugoslawien. Ethnische Zugehörigkeit, Religion und Konfession spielten dabei eine Rolle. Orthodoxe Serben, katholische Kroaten und muslimische Bosniaken kämpften gegeneinander. Ein brutaler Bürgerkrieg, der noch in diesem Jahr, vor vier Wochen, den Internationalen Strafgerichtshof spektakulär beschäftigt hat.
Vor 20 Jahren aber auch ein Gegenbild zum Krieg. Der katholische Theologe Hans Küng prägte damals den Begriff des „Weltethos“. Das Programm, das hinter dem „Weltethos“ steht, ist bedenkenswert, gerade wenn die Friedensbotschaft der Heiligen Nacht konkret werden will: Das Wort „Welt“ in „Weltethos“ trägt der Globalisierung Rechnung: Wir leben in einer Welt, die letztlich keine Grenzen kennt: Doch wie kann man als Weltgemeinschaft trotz verschiedener Nationen, Religionen und massiver sozialer Unterschiede friedlich zusammenleben?
Hans Küng formulierte mit seinem „Weltethos“ dazu drei Thesen.
Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.“
„Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog unter den Religionen.“
„Kein Dialog unter den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen.“

Musik 4: Felix Mendelssohn Bartholdy: "Verleih uns Frieden"

„Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.“
Die Ursachen des Unfriedens auf dieser Welt sind vielfältig. Es ist vor allem der Nationalismus, der in den letzten beiden Jahrhunderten Kriege verursacht hat. Grund für Unfrieden kann auch die Religion sein. Doch Religionen haben zugleich ein Friedenspotential. Religionen und ihre Repräsentanten können Friedensprozesse anstoßen und begleiten: Erzbischof Tutu in Südafrika etwa als Gegner der Apartheid und nach dem Ende der Apartheid als Versöhner. Auch die Kirchen in Deutschland haben zum Frieden beigetragen, als sie vor gut 50 Jahren einen Verständigungspro­zess mit den Nachbarn im Osten anregten. Das kann ermutigen, bei Konflikten auch zwischen und mit den Religionen Verständigung zu suchen und die Gläubigen zu friedlichem Umgang miteinander anzuhalten.

„Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog unter den Religionen.“ Frieden unter den Religionen dieser Welt kann es nur geben, wenn man miteinander und nicht nur über die anderen spricht. In unserem Land gibt es einen Dialog zwischen Christen und Juden, der zwischen Christen und Muslimen ist hinzugekommen. Und es gibt erste Formen eines Trialogs zwischen den drei Religionen. Diese Gespräche brau­chen Zeit und Geduld. Sie bestehen aus kleinen Schritten, die Vertrauen schaffen können. Dass dieser Weg lang sein wird, lässt sich leicht feststellen. Und doch gibt es Zeichen der Ermutigung: Im zu Ende gehenden Jahr des Reformationsjubiläums hat mich am meisten ein im Fernsehen übertragener Festgottesdienst aus der Marburger Elisabethkirche beeindruckt. Vertreter der römisch-katholischen Kirche, von Judentum und Islam gratulierten den evangelischen Christen zu ihrem Jubiläum. Martin Luther hätte sich das gewiss nicht vorstellen können! Doch es muss kein Fernsehgottesdienst, auch kein Jubiläum sein, um mit dem Dialog zu beginnen. Er beginnt im Alltag. So wird die Friedens-Weihnachtsbotschaft nachhaltig.

„Kein Dialog unter den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen.“

So lautet die letzte These des „Weltethos“. Das klingt akademisch und ist doch für den Frieden der Religionen untereinander wichtig. Die Liebe zur eigenen Religion schließt das Nachdenken über die eigenen Wurzeln nicht aus. Im Gegenteil: Wen man liebt, auch die eigene Religion, den sollte man besser kennenlernen − mit Herz und Verstand ergründen, um so auch die Menschen anderer Religionen zu verste­hen. Wer glaubt, seine eigene Religion längst zu kennen und sie zugleich für allen anderen überlegen hält, der wird im Dialog mit Menschen anderen Glaubens nur wenig Vertrauen gewinnen. Doch es gibt Beispiele für gemeinsames Lernen. Zum Abschluss einer Tagung der Evangelischen Akademie Hofgeismar, meiner Arbeits­stelle, beteten junge Christen und Muslime – jeweils auf ihre Weise − zu Gott: Ein Zeichen eines gewachsenen Vertrauens und eines friedlichen Miteinanders.
Die zentrale Botschaft des Weihnachtsfestes preist Gott und ist eine Friedensver­heißung. Weihnachten ist ein christliches Fest; doch die Verheißung „Friede auf Erden“ gilt allen Menschen gleich welcher Religion. Es sind kleine Schritte, die auf den Weg des Friedens führen. Dieser Weg mit seinem Auf und Ab, mit seinen Freuden und Schwierigkeiten verweist auf das Weihnachtsfest. Nach Weihnachten ist er im Alltag zu gehen; dort bewährt er sich. Und jeder kann ihn gehen.

Musik 3: F. Mendelssohn-Bartholdy: „Verleih uns Frieden…“

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