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Sterben ist nicht die Ausnahme
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Sterben ist nicht die Ausnahme

Thomas Zels
Ein Beitrag von

Thomas Zels,

Pastor, Freie evangelische Gemeinden Marburg

Dass das Kalenderjahr mit Silvester endet, weiß jeder. Aber das Kirchenjahr endet schon heute mit dem Totensonntag. Dieser Tag erinnert daran, dass jedes Leben mal zu Ende geht. Meins, wie jedes andere. Am Totensonntag geht es auch um die, die schon gestorben sind. Viele gehen heute auf die Friedhöfe, denken an Menschen, die sie verloren haben und legen Gestecke oder Blumen auf ihre Gräber. In den Gottesdiensten werden an vielen Orten die Namen derer genannt, die seit dem letzten Totensonntag verstorben sind.

Seit dem Mittelalter schon wird am Ende des Kirchenjahres an die sogenannten letzten Dinge erinnert. Also an den Tod, das sogenannte Jüngste Gericht und das Ewige Leben. Die Feiertagsgesetze fast aller Bundesländer haben diesen Tag als Trauer- und Gedenktag, oder einfach als „stillen Feiertag“ festgelegt. Als Anstoß zum Nachdenken übers Leben und Sterben. Irgendwann wird es diesen letzten Tag geben für alles und jeden, sagt die Bibel. Dann soll die Summe des Ganzen gezogen werden. Der jährliche Totensonntag regt also zu einer Zwischenbilanz an. In unserer zukunfts-, wirtschafts- und gewinnorientierten Gesellschaft kriege ich vielleicht sonst auch einen Tunnel-Blick. Würde ich mich nur darum kümmern, finanziell abgesichert zu sein, würde ich nur auf meine körperliche Gesundheit schauen, nähme ich ständig Zweitrangiges zu wichtig. Als ob das alles wäre! Da gibt’s eben dieses Thema, das gewaltig stört. Mehr als Finanzkrisen oder andere Krisen.

Der Tod dreht immer noch alle Drehzahlmesser auf Null. Es ist mir meist ganz recht, dass die Hinweise auf das Sterben aus dem Alltag verbannt sind in die Krankenhäuser, Altenheime und Hospize. Aber so ganz klappt das nicht. Es wird trotzdem gestorben. Sterben ist nicht die Ausnahme. Fremde sterben genauso, wie vertraute Menschen. Erfolgreiche sterben, und Benachteiligte. Gute sterben und Böse. Alle eben. Und am Ende auch ich. Der Totensonntag ist der kluge Versuch, dieses Thema nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Und Christen sehen kommen, dass Gott einmal die Summe ziehen und nach dem Eigentlichen fragen wird. Kann ich die Summe meines Lebens beschreiben? Sehe ich, was wirklich wichtig für mich ist? Warum nicht den Totensonntag mal nutzen, um eine Zwischensumme zu ziehen?

Was bleibt unterm Strich? Was bleibt, wenn ich nach einem statistisch durchschnittlich Leben von neunundsiebzig Jahren drei Kühe verspeist habe, fünfundvierzig Schweine und annähernd tausend Hühner, falls ich nicht vegetarisch lebe? Können mir die sechs Jahre, die ich dann mit Fernsehen verbracht haben werde, helfen, das Eigentliche zu sehen? Im Laufe seines Lebens wechselt der deutsche Durchschnittsbürger vierhundertsechzig Millionen Worte mit tausendsiebenhundert Menschen. Bin ich am Ende dieses Gesprächs-Marathons im Stande, den Wert meines Lebens zu benennen? Und wenn ich am Ende meines Lebens satte vierzigtausend Euro in Weihnachtsgeschenke investiert habe, so wie jeder Durchschnittsdeutsche, weiß ich dann, warum Jesus Christus auf diese Erde kam?

Nach meiner Beobachtung eher nicht. Jedenfalls nicht automatisch. Ich muss mir Zeit gönnen für solche Fragen. Und da hilft der Totensonntag mit seinem ungemütlichen Hinweis auf das Unvermeidliche. Das Leben beginnt nackt. Und es endet auch so. Und das wird auch nicht anders, wenn es ein paar Jahre länger dauert. Aber zwischen Anfang und Ende, da muss es doch etwas geben, für das es sich zu leben lohnt. Etwas, das bleibt.

Es gibt ein schönes Zitat, das lautet: "Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben." Dieser Satz stammt von Cicely Saunders, einer englischen Krankenschwester, Ärztin und Sozialarbeiterin. 1918 geboren und 2005 in London gestorben. Sie gilt als Begründerin der modernen Hospizbewegung und Palliativmedizin. Die Palliativmedizin kümmert sich um Patienten, die kein Arzt mehr heilen kann, die sterben werden. Aber gerade für die kann man viel tun. Sie sollen menschenwürdig und möglichst schmerzfrei bis zum Ende leben können. In Hospizen und Hospitälern für palliative Medizin wird das gewährleistet.

Warum hat sich Cicely Saunders dafür eingesetzt? Sie sah einen Wert und einen Sinn in jedem Menschen. Egal, wie gesund und jung, oder krank und alt er ist. Diese Überzeugung hat sie weltweit vertreten. Es ist nötig und möglich, die letzten Tage eines Menschen erträglich zu gestalten. Sie sagte ihren Patienten: „Sie sind wichtig, weil Sie eben Sie sind. Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig, und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben können, sondern das Leben auch bis zuletzt lebenswert finden.“ Als Christin lehnte sie Lebensverkürzung, also Sterbehilfe, strikt ab. Sterben war für sie auch die Chance, von Freunden und Familie Abschied zu nehmen, noch einmal Danke zu sagen, oder mit dem eigenen Leben Frieden zu schließen.

Inzwischen gibt es Weltweit über achttausend Hospize. Saunders selbst starb siebenundachtzig-jährig in dem ersten Hospiz, das sie eröffnet hatte.
Cicely Saunders sagte: „Du zählst, weil du Du bist, und du wirst bis zum letzten Augenblick deines Lebens eine Bedeutung haben.“ Das klingt gut, oder? Die Freude über einen lebenden Menschen, und der Schmerz über einen Verstorbenen, haben die gleiche Ursache. Jeder Mensch ist einmalig und unersetzlich, trotz über sieben Milliarden Menschen auf der Erde.

Jeder Mensch hat schon deshalb eine Bedeutung, weil er da ist. Vielleicht versuchen wir deshalb, ohne groß nachzudenken, unser Leben vor allen möglichen Gefahren zu schützen. Alle Lebewesen tun das, selbst die kleinsten. Sogar die Insekten. Es ist zum Beispiel nicht einfach, eine Fliege mit der Klatsche zu erschlagen. US-Forscher haben vor Jahren etwas veröffentlicht, was sie mithilfe von Hochgeschwindigkeitskameras entdeckt hatten. Jede Fliege hat fertig ausgeklügelte Fluchtpläne für alle Eventualitäten im Kopf. Etwa 200 Millisekunden bevor sie abhebt, berechnet sie, aus welcher Richtung eine Bedrohung naht, und bringt sich und ihre Beine in die optimale Startposition für die beste Flucht-Richtung. Die Forscher vermuten im Gehirn der Fliege ein Schema, das eine passende Körperbewegung bereit hält für jede mögliche Bedrohung. Und schon ist sie wieder entwischt. Irgendwie toll, oder? Ich finde die Vorstellung schön, dass selbst Fliegen etwas zu retten haben, obwohl sie so klein sind.

Auch wir Menschen haben für alle möglichen Gefahren vorgebaut. Sicherungssysteme, Ängste, Abwehrmechanismen und der gesunde Lebenswille. Da ist was zu schützen. Da ist ein Wert. Und der besteht in unserer Person. Der Totensonntag will keine Angst verbreiten. Sondern den Horizont erweitern. Es ist gut, den Tagen mehr Leben zu geben. Es ist gut, auf andere Menschen und auf sich selber zu achten. Es ist zum Beispiel auch gut, zu wissen, warum wir Weihnachten feiern. Jesus kam auf diese Erde, weil er unseren Wert sah. Er suchte die Menschen. Menschen, die zu Gott finden, sind wie Edelsteine, die gefunden werden und eine Fassung bekommen.

Vielleicht können Christen deshalb gefasst nach vorne schauen. Weil sie im Ohr haben, was Jesus sagt: „Stellt euch vor, eine Frau hat zehn Silberstücke und verliert eins davon. Zündet sie da nicht eine Lampe an, fegt das ganze Haus und sucht in allen Ecken, bis sie das Geldstück gefunden hat? Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, ich habe mein verlorenes Silberstück wiedergefunden! Ich sage euch: Genauso freuen sich die Engel Gottes über einen einzigen Sünder, der ein neues Leben anfängt.“ Deshalb wird der Totensonntag oft auch als Ewigkeitssonntag bezeichnet. Da gibt es was, das bleibt. Und Jesus wollte, dass keiner es verpasst.

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