Ihr Suchbegriff
Beitrag anhören:
Stärke - eine Gabe des Heiligen Geistes
FG Trade/GettyImages

Stärke - eine Gabe des Heiligen Geistes

Andrea Seeger
Ein Beitrag von

Andrea Seeger,

Evangelische Theologin und Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung
Beitrag anhören:

Das Ereignis liegt schon eine Weile zurück. Drei junge Männer sitzen in der S-Bahn. Es ist früher Nachmittag an einem Werktag. Plötzlich zieht einer von ihnen ein Messer aus der Tasche. In aller Seelenruhe schlitzt er das Polster auf. Die beiden anderen lachen. Die Mitfahrerinnen und Mitfahrer im Abteil schauen weg, tun unbeteiligt. Alle! Ich auch.

Vogel Kleinmut sitzt auf der Schulter

Eine innere Stimme kämpft gegen mein Gewissen. Sie sagt: Halt dich da raus! Das ist zu gefährlich! Du kannst eh nichts ausrichten. Als ich aussteige, fühle ich mich klein und jämmerlich, der Vogel Kleinmut sitzt mir auf der Schulter. Ein Gedicht von Peter Rühmkorff fällt mir ein. „Bleib erschütterbar und widersteh!“ heißt es. Erschütterbar habe ich mich in der Situation gezeigt, mit dem Widerstehen hat es nicht geklappt.

Es braucht Gottvertrauen beim Widerstehen

Seither lässt mich das Thema nicht mehr los. Was braucht es denn zum Widerstehen. Sicherlich Mut. Und der kommt aus einer inneren Stärke, ein In-Sich-Selbst-Ruhen, ein gelassenes Gottvertrauen als Gabe des Heiligen Geistes. Damit bleibe ich wach für das, was neben mir geschieht, schaue nicht weg und mache den Mund auf, wenn es darauf ankommt.

"Da mache ich nicht mit!"

Gelegenheiten zum Üben gibt es mehr als genug – leider. Ein Witz auf Kosten Behinderter. Da mache ich nicht mit. Und ich formuliere klar und deutlich, dass ich das unmöglich finde. Man wird doch wohl noch sagen dürfen, dass Frauen, die kurze Röcke tragen, selber schuld sind, wenn sie belästigt werden. Nein – darf man nicht. Auch da mache ich nicht mit, mische mich ein, stelle jemanden zur Rede. Und jemand, der findet, dass in der Corona-Krise nicht so viel Aufhebens gemacht werden soll um alte Menschen, weil sie sowieso bald sterben, dem sage ich deutlich meine Meinung.

Beim Aufschlitzen der Polster in der S-Bahn war es wahrscheinlich klug, jemandem mit einem Messer nicht entgegenzutreten. Aber ich hätte Hilfe holen sollen.

Sich nicht verbiegen, fühlt sich gut an

Was ich seitdem weiß, ist: Wenn ich mein Rückgrat spüre, mich nicht verbiegen lassen, wenn ich den Mund aufmache, wenn‘s drauf ankommt, schubse ich den Vogel Kleinmut locker von der Schulter. Und fühle mich gut.

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren