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Sprachlos
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Sprachlos

Patricia Nell
Ein Beitrag von

Patricia Nell,

Katholische Pastoralreferentin und Religionslehrerin, Frankfurt

Rashid sitzt im Klassenraum in der hintersten Ecke. Er versteht die deutsche Sprache ziemlich gut. In knapp zwei Jahren hat er das hinbekommen. Eine Wahnsinnsleistung. Deshalb hat er auch schnell einen Ausbildungsplatz gefunden. Rashid ist 19 Jahre alt. Und er ist klug. Man sieht es ihm an. Ein wacher Geist schaut aus seinen großen braunen Augen hervor. Konzentriert verfolgt er das Unterrichtsgeschehen. Auch von seinen Sitznachbarn, die gelegentlich das Handy zücken, lässt er sich nicht ablenken. Rashid wäre ein Musterschüler, wenn er endlich seinen Finger nach oben und seinen Mund auf bekäme. Stattdessen bleibt er im Unterricht stumm. Immer. Irgendetwas hält ihn davon ab, zu reden und mitzumachen. Und das macht mich nachdenklich. Und neugierig. Ich weiß nicht viel von ihm. Nur, dass er vor zwei Jahren hier her gekommen ist. Aus Pakistan. Alleine. Das hat er mir mal erzählt. Ich will wissen, was mit ihm los ist. Und hab‘ dann den berühmten Satz gesagt. „Wir müssen mal miteinander reden“. Miteinander reden ist ja das A und O, wenn einem irgendwas keine Ruhe lässt. Aber oft mach ich es dann doch nicht. Weil mir in diesem Wahnsinnsbetrieb der ewige Zeitdruck im Nacken sitzt. Aber jetzt ist mir das egal. Soviel Zeit muss sein. Und dann sitzen wir zu zweit zusammen. Ernst und ein bisschen traurig blickt mich Rashid mit seinen großen braunen Augen an. Und dann erzählt er:

Ich habe jahrelang etwas anderes erlebt. In meiner Schule in Pakistan durfte man dem Lehrer nur zuhören. Das, was er sagte, war absolute Wahrheit. So denkt man da. Egal, worum es geht. Eigene Meinung ist nicht gefragt. Widerspruch gefährlich. Also spricht man überhaupt nicht. Verstehen Sie das? – fragt er. Ich würde ja gerne mitmachen, aber es geht nicht. Noch nicht. Vielleicht irgendwann.

Puh. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich schaue Rashid einen Moment lang an. Sprachlos. Weil ich es mir nicht vorstellen kann, was ich da höre: Ein intelligenter, integrationswilliger junger Mann lernt im Handumdrehen die deutsche Sprache, findet einen Ausbildungsplatz und spricht nicht. Jedenfalls nicht in der Schule. Obwohl er könnte. Weil die Angst vor Strafe ihn lähmt. Weil die Hörigkeit sich eingebrannt hat in die junge Seele. Anders sein und anders denken ist gefährlich. Das hat Rashid eineinhalb Jahrzehnte lang erlebt. Ich bin froh, dass er darüber mit mir geredet hat. Und sage es ihm auch. Ich kann ihn jetzt gut verstehen. Und manch anderen auch, der sich schwer tut, hier anzukommen. Sprache lernen ist das eine. Seine Identität bewahren und gleichzeitig erlernte Muster und Wertvorstellungen zu verändern, etwas völlig anderes. Das geht eben nicht von heute auf morgen. Ich werde Geduld haben und diesen Weg mitgehen. Werde noch mehr auf die Sprachlosen achten und sie aus ihren Ecken holen. Mir Zeit nehmen, Fragen stellen und zuhören. Um zu etwas dazuzulernen über das Leben in fremden Welten. Und um ein wenig dazu beizutragen, dass wir diese Welten und ihre Menschen ein bisschen besser verstehen.

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