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Schafft Euch Erinnerungen!
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Schafft Euch Erinnerungen!

Andrea Weitzel
Ein Beitrag von

Andrea Weitzel,

Katholische Schulseelsorgerin und Religionslehrerin, Hanau
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Schafft euch Erinnerungen! Diese Titelzeile in unserer Tageszeitung bannt sofort meinen Blick. Beim neugierigen Nachlesen wird mir schnell klar, wer mir das ans Herz legt: Es ist der Rat einer Dame, die anlässlich ihres 104. Geburtstages ein Interview gegeben hat.

Ich staune über das gesegnete Alter und die Präsenz dieser Frau. Erfüllt plaudert sie von ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln. Über etliche Ländergrenzen hinweg und ganz auf der Höhe der Zeit hält sie mittels Videotelefonie regen Kontakt mit ihnen. Und am Ende gibt die alte Dame ihre ganz persönliche Weisheit weiter: Schafft euch Erinnerungen!

Mit zunehmendem Alter, reich an Erfahrung, neigen manche Menschen dazu, eigene Lebensweisheiten weiterzugeben. Manchmal sogar ziemlich ungefragt und zuweilen mit ermüdender Wiederholung. Ich ertappe mich dabei schon auf unangenehme Weise. Solche Ratschläge verpuffen dann ungehört.

Aber dieses "Schafft euch Erinnerungen" beschäftigt mich. Ich entdecke meine Sehnsucht darin wieder, besondere Momente festhalten zu wollen. Das Bedürfnis, meine Zeit zu nutzen und nicht einfach nur vergehen zu lassen. Es geht um "Momente, geschaffen für die Ewigkeit", die auch über Durststrecken des Lebens hinweghelfen. Und die, so verstehe ich die Dame, auch nach vielen Jahren noch das Herz mit Freude erfüllen.

Für welche Erinnerungen aus meinem Leben das wohl gelten mag? Unbedingt die Fahrt auf meinem ersten eigenen Fahrrad. Der erste Kuss. Die Freiheit im Studium. Die Geburt meiner Kinder. Und es tauchen noch etliche andere Erinnerungen auf an ausgelassene Geburtstagsparties oder unbeschwerte Urlaubstage. Aber auch Erinnerungen an unglaublich beglückende Momente der Resonanz, des gegenseitigen Verstehens, in Gesprächen mit meinen engsten Vertrauten.

Schafft euch Erinnerungen! Ja, mir ist schon viel Schönes widerfahren. Es liegt mir, solche Momente wichtig zu nehmen und zu bewahren. Ich mag es daher, hin und wieder mit den jeweils Beteiligten Erinnerungen lebendig werden zu lassen. So telefoniere ich seit einiger Zeit regelmäßig mit Studienfreundinnen – und bin jedes Mal erstaunt, was wir da so an Erinnerungen zusammentragen und festigen. Oder das gemeinsame Anschauen von Urlaubsfotos, das machen wir als Familie eigentlich viel zu selten. Dabei meine ich dann manchmal, die frische Meeresluft oder den Sand zwischen meinen Füßen förmlich spüren zu können.

Gerade das macht mir die Aufforderung der alten Dame so besonders – nämlich nicht nur für sich allein, sondern gemeinsam Erinnerungen zu schaffen und gemeinsame Momente festzuhalten.

Um eine ganz besondere Erinnerung geht es auch am Gründonnerstag. In wenigen Tagen feiern Christen und Christinnen die Erinnerung an das Letzte Abendmahl Jesus mit seinen Vertrauten. Die Feier, in der Jesus sie dazu auffordert: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" Bis heute wird dieser Satz in jeder katholischen Eucharistiefeier und ähnlich bei evangelischen Abendmahlsfeiern wiederholt. Bis heute verbinden sich in diesen Momenten Menschen miteinander und teilen ihren Glauben. Sie erinnern an das, was vor mehr als 2000 Jahren geschah. Finden sich wieder im Kreis jahrhundertealter, geschaffener Erinnerungen von Menschen vor ihnen. Führen die Kette an Erinnerungen weiter in der Hoffnung, dass sie nicht abbrechen möge. Etwas flapsig frage ich mich, ob Jesus das wohl geahnt haben mag? Ja, ich traue ihm sogar zu, ganz bewusst auf die Wichtigkeit und Dauerhaftigkeit gemeinsamer Erinnerungen gebaut zu haben. So stelle ich mir Jesu Ruf vor: Tut dies zu meinem Gedächtnis – oder in den weisen Worten der alten Dame: Schafft euch Erinnerungen!

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