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Raus aus der Schachtel - rein ins Leben
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Raus aus der Schachtel - rein ins Leben

Hermann Trusheim
Ein Beitrag von

Hermann Trusheim,

Evangelischer Schulpfarrer, Hanau
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‚Da steht er nun – und was kann er noch?‘ Nicht von ungefähr soll dieser Satz an den erinnern, der sagte: ‚Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir.‘  Klar, Martin Luther.

Bei mir steht Luther im Bücherregal. Passend aufgebaut vor der Studienausgabe seiner Werke. Dieser Luther aus Plastik und ein Playmobilmännchen. Siebeneinhalb Zentimeter klein, so steht’s auf der Schachtel, in der er steckt. Im Gesicht ein Dauergrinsen, wie alle anderen Playmobilfiguren auch, egal ob Räuber, Krankenschwester oder Ritter.

Viel kann er nicht, der kleine Luther. Playmobilfiguren haben keine Ellbogen oder Kniegelenke. Das schränkt die Bewegung ganz schön ein. Sie zählen zum sogenannten ‚Aufstellspielzeug‘, wie ihre Vorgänger, die Zinnfiguren. Auch von denen gab es schon fromme Varianten, heute sind das seltene und begehrte Sammlerstücke.

Ob es der Playmo-Luther auch dahin schafft? Als Werbeträger des Reformationsjubiläums ist er mit über 500.000 verkauften Exemplaren ein Bestseller.

Ich finde es gut, dass man dem kleinen Luther keinen Hammer und kein Papier mit 95 Thesen in die Hand gedrückt hat. Die Zeiten solcher Konfrontation mit dem Katholizismus sind hoffentlich überwunden. Der Playmo-Luther hält Buch und Schreibfeder in der Hand. Das ist für mich ein bleibendes ökumenisches Verdienst des Reformators – der Bibel eine Sprache zu geben, die die Leute verstehen. Er hat dadurch die Bibel ins Leben gebracht.

Aber da gibt’s auch ein Problem: Als Vorbild für den kleinen Luther diente das große Lutherdenkmal in Wittenberg. Da hält Luther eine Bibel in der Hand. Zwischen der Angabe des Inhaltes der Bibel, den beiden Testamenten, steht da nach ‚Bücher des Alten Testamentes‘ das Wort ‚Ende‘, extra hervorgehoben. So steht es dann auch beim kleinen Luther, gesperrt aufgedruckt.

In Luthers Bibelübersetzung steht ein vollständiger Satz: ‚Hier enden die Bücher des Alten Testaments‘: Das ist eine Markierung für die Leser, um sich in dem dicken Buch der beiden Testamente zurechtzufinden.

Das Wort ‚Ende‘ allein zwischen den beiden Testamenten führt aber zu Irritationen, vielleicht sogar zur Deutung, dass das Alte Testament für Christen nicht mehr gültig sein könnte – so wie es in der unheilvolle Geschichte des christlichen Antisemitismus immer wieder behauptet wurde. Auf der Neuauflage der Figur wird das Wort ‚Ende‘ nicht mehr erscheinen, um irreführende Deutungen zu unterbinden, das finde ich gut – und was passiert mit dem großen Denkmal?
So klein der Playmo-Luther ist, eins hat mit dem großen Vorbild gemeinsam – er bekommt Aufmerksamkeit, regt Debatten an. Kann er noch mehr?

Aufstellspielzeug muss im Spiel bewegt werden, damit das Spiel lebendig wird. Ich finde, der Playmo-Luther muss raus aus der Schachtel und rein ins Leben, um was zu bewegen.

Bei mir ist das ganz konkret mein Unterricht an einem Hanauer Gymnasium. Zum Thema ‚Reformation‘ in der 8.Klasse bringe ich den Playmobil-Luther mit und hole ihn raus aus der Schachtel.

Zuerst wird gelacht – was soll eine Figur aus dem Kinderzimmer im Unterricht?

Dann lasse ich den kleinen Luther erzählen – wie er, als ihn fast der Blitz getroffen hätte voller Schrecken schwört, dass er ein Mönch werden will. Er glaubt, durch gute Werke kommt er sicher in den Himmel. Aber er wird eher unsicher im Glauben.

‚Wie ist euer Verhältnis zu Gott?‘ fragt er meine Schüler – ‚Habt ihr Angst vor ihm, ist er euch egal, oder ist alles klar zwischen euch und Gott?‘

Wie ein Geistesblitz dann die Erkenntnis Luthers: ‚Gott ist gnädig. Er liebt mich. Diese Liebe kennt keine Grenze. Weder Schuld noch Tod kann mich von Gott trennen.‘ Das macht Eindruck, auch auf meine Schüler: Da muss Gottes Liebe wirklich groß und unendlich sein.

Der Playmo-Luther nimmt die Schüler mit. In den Kampf gegen falsche Vorstellungen von Gott. Den Himmel kann man sich nicht kaufen wie einen Ablassbrief. Der Himmel steht allen offen. Jesus hat dafür gesorgt. Er hat durch seine Worte und Taten gezeigt, wie weit Gottes Liebe geht – sogar über den Tod hinaus. Jesus ruft alle in eine Beziehung zu Gott. Das ist ein schwieriges Thema, nicht nur für meine Schüler – wie soll ich das verstehen, wie kann ich das annehmen, glauben, in meinem Leben umsetzen?

Wir kommen mit Luther und miteinander ins Gespräch über Glauben und Zweifel, die auch Luther kannte. Über schwierige Zeiten und den Mut zum Glauben – wie Luther auf dem Reichstag zu Worms, wo er seinen berühmten Satz sagte: ‚Hier stehe ich und kann nicht anders.‘

Gut, dass er nicht allein war. Dass er Gönner hatte wie Kurfürst Friedrich den Weisen, der ihn sogar zum Schutz auf die Wartburg entführte, wo Luther das Neue Testament ins Deutsche übersetzte. Gut, dass Luther Freunde und Mitstreiter hatte, wie den Mitreformator Philipp Melanchthon. Besonders gut, dass Luther in Katharina von Bora eine Gefährtin für’s Leben und den Glauben fand.

Was hat Gott mit meinem Leben zu tun? Wie bekomme ich eine Beziehung zu Gott? Auch der kleine Martin Luther regt dazu an, darüber nachzudenken, darüber miteinander und mit Gott ins Gespräch zu kommen.

Das sollen die Schüler noch mehr beim nächsten Unterrichtsschritt. Da kommt wieder eine Schachtel ins Spiel: ‚Baut in einem aufgeschnittenen Schuhkarton Szenen aus dem Leben Luthers nach. Figuren gibt’s genug in euren alten Spielzeugkisten – da findet ihr sicher Ritter und Bauern, eine Figur für Katharina von Bora und eine für Philipp Melanchthon.‘

Die Schüler lassen sich auf den neuen Umgang mit ihrer alten Spielwelt ein. Was Reformation bedeutet hat und heute bedeutet, wird ganz handgreiflich, wenn Szenen vom Reichstag, aus der Schreibstube Luthers und aus dem Luther’schen Haushalt entstehen. Die Figuren der Geschichte treten mit den Schülern von heute in einen Dialog. So kommt Leben ins Spiel.

Nach all‘ dem Spiel gab es die Aufgabe: ‚Schreibe einen persönlichen Brief an Luther.‘

Lea sagt zu Luther: ‚Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie den Widerstand gewagt haben, und uns den gütigen Gott gezeigt haben. Ihre Schriften haben zu einem Umdenken geführt und sie haben auch in schwierigsten Zeiten nicht aufgehört, auch wenn es für Sie viel einfacher gewesen wäre. Sie waren für unsere heutigen Zeiten zwar etwas rau, aber bestimmt mussten Sie selbst sehr viel einstecken.‘

Für Leander ist wichtig, dass Luther nicht allein war, er schreibt: ‚In dieser Lage Verbündete zu haben, wie Friedrich den Weisen, der einen dann beschützt, muss sicher Gold wert gewesen sein.‘

Lukas hält fest: ‚Deiner Aussage, dass Gottes Gerechtigkeit nicht darin besteht, dass er uns alles aufrechnet, was wir Schlechtes oder Böses tun, sondern darin, dass Gott sagt ‚Du bist mir recht‘ …. Stimme ich zu, je mehr ich darüber nachdenke.‘

Raus aus der Schachtel und rein ins Leben – der kleine Luther wird zum Botschafter der Reformation, ob er deswegen lächelt?

Das Dauergrinsen vom Playmo-Luther. Ich denke an den Spruch des Philosophen und Verächters des Christentums, Friedrich Nietzsche: ‚Erlöster müssten sie aussehen, die Christen.‘ Ich glaube, da hat er Recht. Ein wenig mehr Humor, Lächeln auch über uns selbst, täte sogar bei einem ernsten Thema, wie der Reformation, gut. Aber es geht ja noch um mehr, um Freude darüber, dass die Bibel beider Testamente uns mit einem Gott bekannt macht, der uns liebt. Die könnte man ruhig öfter sehen und erleben.

Vielleicht lernen da die Evangelischen von den Katholischen was. Die traditionellen Hochburgen des Katholizismus sind auch Hauptstädte des Karnevals. Da wird auch mal über den Glauben befreiend gelacht. Ob es der Reformator als Pappkamerad auf einen Motivwagen schafft? Ich bin gespannt. Den Playmo-Luther gibt’s auch als Großfigur, vielleicht fährt die ja mit – eben: Raus aus der Schachtel, rein ins Leben.

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