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Mit den inneren Augen sehen
Bild: Pixabay

Mit den inneren Augen sehen

Uwe Groß
Ein Beitrag von

Uwe Groß,

Katholischer Diakon, Pfarrei St. Peter und Paul, Wiesbaden
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Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier wurde einmal recht provokativ von einem Journalisten gefragt, ob seine Heimatstadt Gießen nicht eigentlich eine hässliche Stadt sei. Bouffier hat darauf recht schlagfertig geantwortet: „Ihr müsstet sie mit meinen Augen sehen“. Das hat mir gefallen, und ich dachte dabei: „Klar - alles ist eine Sache der Betrachtung.“ Zählt nur das, was ich mit meinen Augen sehe, oder gibt es nicht auch so etwas wie die inneren Augen, die einen Menschen oder eine Stadt ganz anders ansehen?

Wenn ich im zum Beispiel im Religionsunterricht bin, dann bitte ich meine Schüler manchmal darum, ihren Banknachbarn zu beschreiben. Manche bleiben bei ihren Beschreibungen beim rein äußeren Erscheinungsbild. Er ist so und so groß, hat blaue Augen, blonde Haare und trägt eine Brille. Andere Schüler kommentieren ihre Banknachbarn mit Ausdrücken wie: Er ist nett, hat ein gutes Herz, oder: Sie ist meine Freundin. Wir stellen dann fest: Das sind zwei verschiedene Ebenen. Wenn ich nur beschreibe, wie der andere aussieht, dann habe ich eigentlich von diesem Menschen noch nicht viel verstanden. Wenn ich aber etwas über seinen Charakter erfahre, weiß ich schon eher, wer der andere ist.

Dem spanischen Maler Pablo Picasso wurde immer wieder vorgehalten, dass er die Dinge gar nicht so male, wie sie wirklich und objektiv seien. Da hat er einmal einen Journalisten aufgefordert: „Zeigen Sie mir doch mal ein Bild von ihrer Frau“. Der Mann zeigte Picasso ein Foto von seiner Frau. Unschlüssig drehte Picasso die Fotografie in seinen Händen, dann sagte er: „Seltsam. So klein ist sie, und so flach.“  Vielleicht geht s Ihnen so wie mir, als ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte, und Sie müssen auch schmunzeln. Ja der Picasso, der trifft die Sache genau auf den Kopf: Was ist denn wirklich? Was ist denn das Eigentliche einer Stadt oder eines Menschen? Können wir einen Menschen oder etwas anderes wirklich erfassen, wenn wir sie von außen anschauen? Wenn wir Fotographien von etwas sehen? Welchen Wert haben Urlaubsbilder? Geht es darum, einen Strand, einen Berg oder einen Sonnenuntergang anzuschauen, oder geht s nicht vielmehr darum, mich an ein Erlebnis zu erinnern, das ich da hatte? Ich meine: Wirklich und eigentlich ist doch die Beziehung, die ich zu etwas habe.

An der Stadt, in der ich wohne, sind die Menschen und Erlebnisse wichtig, die meine Leben ausmachen. Am Bild von meiner Frau ist die Beziehung wichtig, die ich zu ihr habe. Am Urlaubsbild ist die Erfahrung wichtig, die ich mit diesem Ort verbinde. Das Wirkliche kann ich äußerlich nicht sehen. Das Wirkliche ist die Betrachtung mit den inneren Augen und den Gefühlen, die ich dabei habe.

 

 

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