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Maria 2.0
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Maria 2.0

Prof. Dr. Markus Tomberg
Ein Beitrag von Prof. Dr. Markus Tomberg, Professor für Religionspädagogik, Fulda und Marburg
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Wie abgefahren ist das denn? Das kann doch gar nicht sein! Wie soll das gehen?
Das erste Wort, das die Bibel von Maria, der späteren Mutter Jesu, überliefert, ist eine entsetzte, eine kritische Rückfrage. In den Übersetzungen klingt die oft anders: Wie soll das geschehen, so liest man da, da ich keinen Mann erkenne. Die fromme Sprache verdeckt die Dramatik der Situation: Eine Frau, unverheiratet und ziemlich rechtlos, soll schwanger werden. In einer patriarchalen, wir würden heute auch sagen: in einer Gesellschaft voller Doppelmoral ist sie damit erledigt. Maria aber lässt sich nicht erledigen. Sie kritisiert. Sie fragt. Sie begehrt auf. Ohne sie und ihr Wort wird nichts geschehen!
Das kritische, das aufmüpfige Wort: Es ist bei ihr kein Versehen und keine Eintagsfliege. Ein paar Zeilen später setzt Maria noch eins drauf. Revolution! Die Mächtigen zählen nicht mehr. Die am Rand, die von ganz unten, sie selbst, die nun unverheiratet Schwangere, um sie geht es. Jeden Abend beten unzählige Menschen, vor allem Kleriker bis hin zum Papst, beim Abendgebet ihre Worte: Gott stürzt die Mächtigen vom Thron. Er erhöht die Niedrigen. Die Satten und Reichen, die gehen leer aus. Kritisches Rückfragen, Aufbegehren, sogar das gleichsam revolutionäre Wort finden sich in der Mitte der christlichen Frömmigkeit.
Bis heute sind Marias Worte lebendig. Nicht nur beim Abendgebet. In dieser Woche haben sie sogar die Agenda bestimmt. Zumindest in der Kirche, rund um die Bischofskonferenz in Fulda. Die Katholische Frauengemeinschaft und weitere Frauen aus der Initiative Maria 2.0 werben für Frauenrechte in der Kirche. Sie fragen kritisch zurück. Verschaffen sich Gehör. Begehren auf: Ohne sie und ihr Wort soll nichts mehr geschehen.
In einer Kirche, die Weiheämter für Frauen bis vor kurzem nicht einmal mehr zu denken wagte, ist das auch fast eine Revolution. Und genau die ist fromm. Es gibt diese Frömmigkeit aus Entrüstung, Fragen und Aufbegehren.
Das kann doch gar nicht sein? Aber ja doch. Es ist die Frömmigkeit der Maria der Bibel.

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