Ihr Suchbegriff
Beitrag anhören:
Kosmas und Damian: Die „Gesundheits-Heiligen“
Bild: Pixabay

Kosmas und Damian: Die „Gesundheits-Heiligen“

Stefan Wanske
Ein Beitrag von

Stefan Wanske,

Katholischer Pfarrer und Dekan, Friedberg
Beitrag anhören:

Plötzlich war sie da, die neue Schlussformel.: „Bleiben Sie gesund!“

Als sie zum ersten Mal unter Emails und Briefen stand, hab ich sie noch gar nicht so richtig registriert. Aber dann tauchte sie immer öfter auf, am Schluss von E-Mails, Briefen und Dienstanweisungen. Und auch beim Bäcker oder in der Bank haben wir angefangen, uns so zu verabschieden: „Schönen Tag noch! Und bleiben Sie gesund!“

Wenig später hab ich diesen Gesundheits-Gruß dann sogar selbst mehrmals geschrieben, zum Beispiel auf Hinweisschilder für unsere Kirchen in Friedberg, als wieder öffentliche Gottesdienste gefeiert werden durften und wir die „AHA-Regeln“ einhalten mussten: „Diese Bank bitte frei lassen. Vielen Dank, und bleiben Sie gesund!“ Ich wollte damit den Kommandoton in all den vielen Sicherheitsvorschriften etwas abmildern.

Ausdruck von Solidarität, Wertschätzung und Empathie

Inzwischen haben sich schon Kolumnisten und Kulturwissenschaftler(innen) im ganzen deutschen Sprachraum mit diesem Gruß befasst. Manche protestieren dagegen und finden die Wendung irgendwie übergriffig und doppelbödig. Andere dagegen meinen, sie ist eher als Ausdruck von Solidarität, Wertschätzung, Empathie und Mitgefühl zu verstehen, und finden sie gut.

Was heute in den Feuilletons so leidenschaftlich diskutiert wird, das war in der Geschichte lange Zeit selbstverständlich. In der ganzen römischen Antike fingen eigentlich alle Briefe mit Gesundheitswünschen für den Empfänger an: „Gesundheit und Heiterkeit wünsche ich dir, bester Kaiser, für mich persönlich und im Namen des Staates.“ – Das ist im ersten Jahrhundert die Anrede in einem Brief, den Plinius der Jüngere an den Kaiser Trajan nach Rom schickt.

Sie passen gut in diese Zeiten

Die Sorge um das Wohlergehen an Leib und Seele, die hat auch in der Geschichte des christlichen Glaubens über die Jahrhunderte Spuren hinterlassen. Der Heiligengedenktag, der heute am 26. September im Kirchenkalender steht, ist zwei heiligen Ärzten gewidmet, den Brüdern Kosmas und Damian. Um die beiden soll es heute gehen. Ich finde, sie passen gut in diese Zeiten, in denen wir uns aus gutem Grund immer wieder gute Gesundheit wünsche: bleiben Sie gesund!  

Musik 1:Joseph Haydn, Menuet alla Zingarese (Streichquartett D-Dur, op. 20,4); CD 2/2: „Buchberger Quartet: Haydn String Quartets Op. 20 Vol. 5“, Label Brilliant Classic (93545/2), Track 07  

Ein Blick hinein lohnt sich

Unter den vielen Kirchen Roms gibt es eine besondere, die man beim ersten Vorbeigehen leicht übersieht. Sie steht Wand an Wand mitten in der Häuserreihe am antiken Forum Romanum: Santi Cosma e Damiano. Zwei antike Tempel sind im 6. Jahrhundert zu diesem Kirchenbau vereint worden. Gewidmet hat man die Kirche den Brüdern Kosmas und Damian, heiligen Ärzten und Märtyrern. Von außen ist sie zwischen den großen römischen Sehenswürdigkeiten eher unscheinbar. Ein Blick hinein lohnt sich aber: Aus der ersten Zeit des Umbaus sind noch bemerkenswerte Mosaiken erhalten, und auch aus späteren Zeiten gibt es dort beeindruckende Malereien, Fresken und eine prächtige barocke Ausgestaltung zu sehen. Unter dem Altar befindet sich ein Schrein mit Reliquien der beiden Zwillingsbrüder aus Syrien.

Die meisten Überlieferungen über Kosmas und Damian bestehen aus Legenden. Wissenschaftlich lässt sich über ihr Leben kaum etwas nachprüfen. Ihre Verehrung ist aber so früh belegt, dass all die spannenden Geschichten um die beiden heiligen Ärzte durchaus auf einem historischen Kern beruhen können.

Zum Wohle der leidenden Menschheit

Beide, so wird erzählt, erhielten ihre medizinische Ausbildung in Syrien und lebten später als Christen im frühen vierten Jahrhundert in der Stadt Ägea in Kilikien, dem Süden der heutigen Türkei. In einem alten Buch mit Heiligenlegenden heißt es:

„Da sie sich zum Christentum bekannten und auch von dessen Geiste beseelt waren, verwandten sie eifrig und uneigennützig ihre Wissenschaft zum Wohle der leidenden Menschheit. Sie waren durch ihre wohltätige Geschicklichkeit allgemein beliebt und geachtet. Es war die Zeit der Christenverfolgung unter Diokletian, und Lysias, der Landpfleger, ein ungewöhnlicher Wüterich, ließ die heiligen Ärzte ergreifen und ins Gefängnis werfen.“

An ihrem Bekenntnis zum christlichen Glauben, so betont die Erzählung, haben sie aber trotz Haft und Folter unerschütterlich festgehalten. Auch im Kerker haben sie weitergewirkt: als Glaubensboten und als Mediziner.  

Musik 2: Giuseppe Torelli, „Sonata a cinque – Allegro“. CD 2/2 „Torelli – Complete Trumpet Concertos. Thomas Hammes / Peter Leiner / European Chamber Soloists / Nicol Matt”, Label Brilliant Classics (92401/2), Track 12

Der vierte Anlauf mit dem "Schwert"

Das Martyrium der Brüder Kosmas und Damian im vierten Jahrhundert wird in sehr abenteuerlichen und dramatischen Bildern geschildert, die den Vergleich mit modernen Action-Filmen nicht zu scheuen brauchen:

Lysias, der Statthalter, lässt Kosmas und Damian zuerst fesseln und ins Meer werfen. Aber auf wundersame Weise lösen sich im Wasser die Fesseln, und beide werden unverletzt an den Strand gespült. Daraufhin versucht Lysias, die beiden zu verbrennen und lässt sie ins Feuer werfen. Kosmas und Damian stehen in aller Ruhe auf und steigen wohlbehalten von ihrem brennenden Scheiterhaufen herunter. Als sie anschließend gekreuzigt werden sollen, da will Lysias auf Nummer sicher gehen und lässt sie zugleich noch mit Pfeilen beschießen und mit Steinen bewerfen, aber beides prallt an ihnen ab, so dass sich entgegen der Absicht die Schützen in Sicherheit bringen müssen. Erst im vierten Anlauf gelingt schließlich die Hinrichtung von Kosmas und Damian: mit dem Schwert.

Das Böse hat nicht das letzte Wort

Für mich ist die Geschichte von Kosmas und Damian ein gutes Beispiel dafür, wie Legenden funktionieren. Die alten Märtyrer-Sagen wollen Mutmach-Geschichten sein. Das Böse hat nicht das letzte Wort. Es zahlt sich aus, wenn Menschen sich selbst und ihrer Überzeugung treu bleiben.

Auch in der Bibel gibt’s solche Botschaften. Zum Beispiel im letzten und jüngsten Buch der Bibel, in der Offenbarung des Johannes. Eine „Stimme im Himmel“ proklamiert dort das Ende des Kampfes zwischen Gut und Böse und den Sieg des auferstandenen Christus über die Mächte der Finsternis. (Offenbarung des Johannes Kapitel 12, Vers 10)

Johann Sebastian Bach hat diese Worte aus dem Neuen Testament vom Sieg des Guten über alles Lebensfeindliche in einer Chorkantate zum Erzengelfest musikalisch gestaltet: „Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich und die Macht unsers Gottes seines Christus worden, weil der verworfen ist, der sie verklagete Tag und Nacht vor Gott“ 

Musik 3: Johann Sebastian Bach: Chor „Nun ist das Heil und die Kraft“, BWV 50; CD: „BachEdition – Cantatas / Kantaten BWV 104 / 83 / 50 / 183“, Netherlands Bach Collegium / Pieter Jan Leusink, Label Brilliant Classic (99377/4), Track 12

Die Fantasie der Kunstschaffenden angeregt

Die Legende der beiden Heiligen Kosmas und Damian hat quer durch die Jahrhunderte Menschen immer wieder ermutigt, gerade in schwierigen Zeiten. Nicht nur in Rom werden sie verehrt; auch in der Münchner Michaelskirche in der Fußgängerzone gibt es in einer Seitenkapelle einen kostbaren Schrein mit Reliquien der beiden, ebenso im Hildesheimer Dom. Bei uns im Bistum Mainz sind die beiden auch als Pfarr- und Kirchenpatrone vertreten, etwa im rheinhessischen Gau-Algesheim.

In der Malerei haben Kosmas und Damian die Fantasie der Kunstschaffenden besonders angeregt. Als Patrone der Ärzte, der Kranken und der Apotheker wurden sie besonders gern in Zeiten verheerender Seuchen und während großer Pestepidemien gemalt. Viele Darstellungen zeigen sie mit vornehmen Gewändern und mit typisch medizinischem Gerät aus der jeweiligen Zeit: Arzneiflaschen und Salbenbüchsen, Spatel und Mörser, Eimer und Apothekerkästchen gibt es da zu sehen. Oft haben sie einen Äskulapstab in der Hand oder lesen in dicken Büchern.

Einsatz mit Herzlichkeit und Fürsorge

Ich stelle mir vor: Heilige wie Kosmas und Damian waren in den unterschiedlichen Epochen Ansprechpartner für Gläubige, die Sorgen rund um die Gesundheit hatten, die selbst unter Schmerzen oder körperlichen Beschwerden gelitten haben oder die sich um kranke Familienangehörige gesorgt haben. Damit passen sie gerade ganz gut in unsere Zeit der Pandemie. Und sie laden ein, all das ins Gebet zu nehmen und Gott anzuvertrauen.

Für mich sind sie auch heute noch Heilige, die ich im Blick hab, wenn es um die Gesundheit geht. Ich denke an die beiden heiligen Ärzte, wenn ich zuhause bete. Aber auch besonders, wenn ich bei Krankenbesuchen in der Klinik bin: Dann seh ich etwas von diesen heiligen Ärzten auch in den Menschen, die sich heute in ihrem Beruf mit Herzlichkeit und Fürsorge für Kranke und Schwache einsetzen, Tag für Tag. Die in den Krankenhäusern und Pflegeheimen immer wieder mit Sorgen, Angst und Trauer von Patienten und Angehörigen umgehen müssen. Und immer wieder Energie dafür mobilisieren, dass niemand alleingelassen wird.

Als Helfer in Angst und Sorge

Auch Gott selbst ist so ein Arzt und sorgt sich um jede und jeden, den ganzen Menschen, mit Seele und Leib: Das hat er, so der christliche Glaube, in Jesus gezeigt. Im Leiden am Kreuz und in seinem Tod ist Jesus in alle Dunkelheiten des Daseins mit hineingegangen. – Ostern und seine Auferstehung, der Sieg des Lebens, das ist Gottes Antwort darauf.

Gott als Schöpfer des Lebens, als Helfer in Angst und Sorge, und Jesus Christus als ein Arzt, der Schwache stützt und Leidende heilt, diesen Glauben hat Johann Sebastian Bach 1725 auch in einer Kirchenkantate für den Sonntag zwei Wochen nach Ostern zum Klingen gebracht. Hören Sie seine Arie: „Kein Arzt ist außer dir zu finden“.

Musik 4:Johann Sebastian Bach: Kantate „Ihr werdet weinen und heulen“, BWV 103; CD: „Edition Bachakademie Vol. 33 (Kantaten BWV 103-105)“, Arie: „Kein Arzt ist außer dir zu finden“, Künstler, Label (Code), Track

Wenn ich in Corona-Zeiten bete um Kraft und Durchhaltevermögen für mich und alle Menschen, dann glaube ich daran: Einer ist da, von dem wirklich heilende Kraft ausgeht.

Ein Kirchenlied aus dem 16. Jahrhundert drückt dies, ähnlich wie Bach mit seiner Arie, in schönen Worten aus: „Ein Arzt ist uns gegeben, der selber ist das Leben; Christus für uns gestorben, der hat das Heil erworben.“ (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 320 „Nun lasst uns Gott, dem Herren“, Strophe 4)

....nicht nur in Pandemiezeiten

Am Gedenktag der „Gesundheitsheiligen“ Kosmas und Damian merk ich heute: Im Sinne Jesu „heilend“ zu wirken, das ist sicher nicht nur die Sache von Profis in den heilenden Berufen.

Ich selbst kann ja in meinem Alltag Verantwortung für eine heilere Welt übernehmen, nicht nur in Pandemiezeiten. Ich kann offen sein für Menschen, die mich brauchen, und wenn es manchmal vielleicht nur für eine Viertelstunde am Telefon ist. Anderen Menschen heilsam begegnen, das kann ich schon, wenn ich mich für scheinbar Selbstverständliches bedanke, auch bei meinen Verwandten oder Mitarbeitern, die mir Zuwendung und Fürsorge schenken.

Menschen Heilung schenken: Das geht für mich zum Beispiel schon dadurch, dass ich an sie denke und für sie bete. Dazu lädt mich dieser Gedenktag der heiligen Ärzte Kosmas und Damian ein. Und in diesem Sinn sage und schreibe ich es auch selbst - als einen echten Segenswunsch: „Alles Gute! Und bleiben Sie gesund!“  

Musik 5:, Johann Sebastian Bach:„Von Gott will ich nicht lassen“, BWV 658; CD: CD 10/12 „Bach – The Organ Works“ von Helmut Walcha, Label Archiv Produktion Polydor International GmbH (463 722-2), Track 8

 

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren