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Im Dunkeln ein Licht

Im Dunkeln ein Licht

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

Gottesdienst am 2. Weihnachtstag aus der St. Jakobskirche in Frankfurt-Bockenheim

Teil 1

Liebe Gemeinde! Liebe Hörerin, lieber Hörer!

Eine Winterwanderung in den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester. Zwei Freunde sind in den Bergen unterwegs. Am Morgen ist die Luft klar. Die Sonne scheint. Von Stunde zu Stunde ziehen immer mehr Wolken auf. Schneeregen setzt ein. Der Weg wird steiler und steiniger. An einer Stelle ist er nur noch einen Fuß breit. Links der Felsen, rechts geht es steil den Berg hinunter. Der eine Wanderer sagt: „Da bringst du mich nicht rauf. Den Weg traue ich mir nicht zu, schon gar nicht bei diesem Wetter.“ Sein Freund antwortet: „Dann müssen wir zurück, und den Weg außen herum nehmen. Der ist allerdings viel länger.“

Die beiden kehren um und nehmen den längeren Weg. Es wird dunkel. Die Wanderer sehen kaum, wo sie hintreten. Der eine stolpert und kann sich gerade noch fangen. Die Schneenässe kriecht durch die Jacke und mit ihr die Angst in die Glieder: Kommen wir jemals heil an? Sie kommen an eine Wegkreuzung. Durch die Dunkelheit und den Schneeregen hindurch sehen sie ein Licht. „Halleluja!“, ruft der eine Wanderer. Sie wissen wieder, wo es lang geht. Sie sehen: Es ist nicht mehr weit. Das Licht gibt den Beinen neue Kraft. Sie laufen mit festen Schritten darauf zu und kommen zu einer Hütte. Die beiden Wanderer treten in den Gastraum. Licht und Wärme empfängt sie. Raus aus den nassen Jacken und Schuhen. Sie setzen sich an den Tisch. Der Wirt bringt ihnen eine heiße Suppe. Gerettet!

Im Dunkeln ein Licht. Ich dachte schon, es geht nicht mehr. Da kommt ein Licht und gibt mir neue Mut und frische Kraft. Ich sehe wieder meinen Weg vor Augen. Ich kann mein Ziel erkennen. Jesus Christus sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Das feiern wir an Weihnachten. Gott kommt in Jesus Christus in die Welt. Da, wo das Leben dunkel ist, da, wo es in mir finster ist, dahinein bringt Gott sein Licht. Das feiern wir an Weihnachten mit vielen Lichtern. Mit dem Leuchtstern im Fenster und den Lichtspielen vor dem Haus und im Garten. Mit den Lichtern am Christbaum und dem Glühlämpchen, das in der Krippe bei dem Jesuskind leuchtet. Jesus Christus, Licht der Welt. Wie kann ein Mensch Licht sein?

Teil 2

Jesus Christus sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“ Das haben die Leute schon damals in Bethlehem bei seiner Geburt gespürt. Mit diesem Kind fängt alles an. Ein Neugeborenes liegt da in einem Futtertrog, von der Geburt noch etwas zerknautscht. Jedes neugeborene Kind lässt seine Eltern strahlen, wenn sie seine kleine Hand berühren und über sein Köpfchen streicheln. Das Jesuskind in der Krippe leuchtet, so dass Menschen von weit her kommen, um dieses Kind zu sehen.

So erzählt es das Weihnachtsevangelium. Hirten machen sich auf von ihren Feldern und gehen zu der Krippe, in der Jesus liegt. Weise Männer im Morgenland sehen den Stern, der zu Jesu Geburt aufgegangen ist. Tiere werden auch dabei gewesen sein. Die Schafe und Ziegen der Hirten, ein Hütehund vielleicht. Die Esel und Kamele, auf denen die Weisen aus dem Morgenland nach Bethlehem reiten. Sogar die Engel verlassen ihre Plätze im Himmel und kommen auf die Erde. Sie sagen von dem Jesuskind in der Krippe: Das ist der Heiland der Welt. Und sie singen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden.

So wirkt das Licht von Weihnachten, das vom Jesuskind in der Krippe ausgeht. Es bringt die Welt zusammen. Die Kleinen und die, die in ihrem Bereich ein großes Tier sind. Die gut Betuchten und die, die in ihrer Arbeitskleidung zur Krippe kommen. Leute aus der Nachbarschaft und Fremde. Jesus Christus sendet die Botschaft in die Welt: Gott will, dass Frieden wird. Was verletzt und zerrissen ist, kann heil werden. Wo Menschen getrennt und gespalten sind, können sie zusammenfinden.

Ich brauche dieses Licht von Weihnachten. In diesem Jahr macht mir Vieles Angst. Die Fanatiker und Fundamentalisten dieser Welt versuchen, die Menschheit im Hass zu spalten. Weihnachten ist da wie ein Licht im Dunkeln. Nicht der Hass herrscht. Gottes Licht scheint in der Welt. Es bringt die Menschen guten Willens zusammen. Das ist meine Hoffnung.

Darum ist der Weihnachtsschmuck im Wohnzimmer und in der Kirche nicht nur Dekoration. Wir setzen damit starke Zeichen der Hoffnung, dass unser Leben und die Welt so sein können, wie Gott sie gemeint hat. Wir stellen die Krippe auf. Jede Krippenfigur erzählt die Botschaft: Gott gibt keinen einzelnen Menschen verloren. Gott will, dass allen Menschen geholfen wird. Wir lassen Lichter leuchten. Jede Kerze, jedes Weihnachtslicht ist ein Hoffnungslicht gegen alles Dunkle.

Wir lassen es in uns selbst licht werden und freuen uns darüber, wenn wir andere zum Strahlen bringen. Mit dem, was wir ihnen zu Weihnachten schenken. Mit einem lieben Gruß, einer Weihnachtskarte, mit der Nachricht „Ich denke an dich“, mit Besuchen und Zusammensein in den Weihnachtstagen. Licht ins Dunkel bringt auch das, was viele zu Weihnachten spenden für Menschen, die Hilfe brauchen in der Nähe und in anderen Ländern. Jesus Christus sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wo spüre ich dieses Licht? Darum geht es nach der Musik. Wir hören die Pastorale aus dem Weihnachtskonzert von Arcangelo Corelli.

Teil 3

Wir feiern Weihnachten, die Geburt Jesu. Der erwachsene Jesus Christus sagt von sich: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Die Zuhörer von Jesus hatten das vor Augen. Israel damals gehört zum Römischen Reich. Die Römer haben einige wichtige Straßen gepflastert.

Aber viele Wege über Land sind nicht angelegt und schlecht markiert. Bei Tageslicht kann man seinen Weg einigermaßen finden. Aber wer bis zum Abend keinen sicheren Platz zum Übernachten gefunden hat, für den wird es gefährlich. Er kann sich in der Dunkelheit verlaufen oder auf dem steinigen Weg stolpern. Blaue Flecken und Schrammen sind da noch harmlos. Man weiß nie, ob wilde Tiere oder Räuber auf dem Weg lauern. Das hat Jesus vor Augen, als er sagt: „Wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Lebenswege sind wie die Wege damals. Ich kann mich verlaufen und auf den falschen Weg geraten. Ich tappe im Dunkeln, fühle mich allein und flüstere in die Finsternis: Gott, ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Ich weiß nicht, wo es weitergeht. Hilf mir! Die Großmutter einer Freundin hatte auf einer Kerze stehen: „Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Als Anfang Zwanzigjährige haben die Freundin und ich darüber geschmunzelt. Die Großmutter sagte: „Lächelt ihr nur! Der Spruch klingt einfach. Aber mir hat er geholfen, wenn ich nicht weiter gewusst habe. Ich habe oft erlebt, dass Hilfe kam, wenn ich schon gar nicht mehr damit gerechnet habe.“

Heute weiß ich besser, was die Großmutter gemeint hat. Ich kenne Nächte, in denen mich die Angst im Griff hat. Im Dunkeln fühlt sich das, was mir Sorge macht, viel schrecklicher an als bei Tageslicht. Ich nehme in solchen Nächten Gott beim Wort und halte mich daran fest. Du, Jesus Christus, hast gesagt: Wer dir nachfolgt, wird nicht im Finstern wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben. Sei jetzt mein Licht! Ich brauche dich, mein Heiland, an Weihnachten und in den anderen Nächten und an den anderen Tagen. Jesus Christus sagt: Ich bin das Licht der Welt. Und dann geht er einen Schritt weiter: Wer mir nachfolgt, wird das Licht des Lebens haben.

Licht kommt von außen. Licht tragen wir in uns. Wir können Licht für andere sein. Davon haben vorhin im Gottesdienst drei Menschen aus der Gemeinde erzählt. Die Frau, die dem Flötisten nach dem Weihnachtskonzert sagt: „Sie haben so schön gespielt.“ Der Flötist bekommt strahlende Augen. Der Mann, der mit seiner schwer kranken Frau leuchtende Momente erlebt hat. Die Tochter, die mit ihrer Lebendigkeit den Vater jung hält. Sie sagt: „Meine Eltern, meine Familie sind Licht für mich. Und ich für sie.“

Liebe Gemeinde! Liebe Hörerin, lieber Hörer! Sie sind auf Ihre Weise Licht für jemanden. Vielleicht merken Sie es oft nicht, wie viel Licht Sie in das Leben von anderen bringen. Manchmal können Sie es sehen und spüren, wenn der andere strahlt und leuchtet. Ja: Wir sind Licht füreinander. Weil Gottes Licht in unserem Leben und in unserer Welt leuchtet. Das ist Weihnachten. Amen.

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