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Hinter den Trümmern leuchtet es hell

Hinter den Trümmern leuchtet es hell

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt

Beim Eintritt in die Frankfurter Katharinenkirche bin ich von einem Goldschimmer überrascht worden. Er schimmerte und schien durch den ganzen Kirchenraum. – Das war eine Installation der Künstlerin Katrin Ströbel, die in der Kirche ausgestellt worden war. Große, goldene Faltwände standen in einem Halbrund im Chor und füllten den Altarbereich beinahe völlig aus. Das Altarbild war nicht mehr zu sehen. Oben hatten die Faltwände unregelmäßige Spitzen. Es sah aus wie eine bizarre Berglandschaft. Immer wieder musste ich sie anschauen, fast magisch angezogen und eingehüllt von diesem Goldton.

Auf die großen Goldwände war eine schwarz gezeichnete Stadtkulisse geklebt: Frankfurt. Man erkannte: Es ist eine Trümmerlandschaft. Irgendwo ragt das Skelett des Römers, des Frankfurter Rathauses, heraus. Frankfurt neunzehnhundertfünfundvierzig. Menschenleere Ruinen. Die Wucht der Kriegszerstörung hatte vor nichts haltgemacht. Die Installation der Künstlerin vermittelte eine merkwürdige Doppelbotschaft: Gerade weil nur noch Ruinen stehen, kann das Gold seine Leuchtkraft entfalten. Es schimmert durch die Ruinen hindurch und verwandelt den trostlosen Anblick der Ruinen in einen hoffnungsvollen. Dieser Eindruck schien von der Künstlerin durchaus gewollt.

Das Gold auf den Stellwänden ist keine normale Lackfarbe. Die Wände sind mit goldfarbigen Notdecken beklebt, wie man sie aus dem Erste-Hilfe-Kasten im Auto kennt. Überlebensfolien, die bei Unfällen eingesetzt werden. Die Sanitäter hüllen damit Verletzte oder vom Unfall traumatisierte Menschen ein und bewahren sie so vor Schockreaktionen. Solche Notdecken gehörten in den vergangenen Monaten zu den wenigen Hilfsmitteln, die Flüchtlinge in den Grenzgebieten zur EU bekommen haben. Eine temporäre Schutzhülle gegen Kälte und Nässe. Eine kleine Unterbrechung auf dem langen mühsamen Weg.

Ich höre zurzeit öfters diese Stimmen: „Die Flüchtlinge suchen doch nur den goldenen Westen. Die halten die EU für das gelobte Land, in dem Milch und Honig fließen.“ Tatsache ist: Viele Flüchtlinge haben Krieg hinter sich. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan und aus dem Irak. Ihre Heimat liegt in Trümmern. Ihnen geht es nicht um ein einfaches Mehr: mehr Wohlstand, ein besseres Leben. Sie wollen überhaupt an so etwas wie Zukunft denken können. Sie wollen hoffen, dass hinter Zerstörung und Gewalt ein neues Leben möglich ist. So, wie auf den Faltwänden in der Katharinenkirche ein Schimmer Gold hinter den schwarzen Ruinen hervorleuchtet.

Die Künstlerin Katrin Ströbel zeigt mit ihrer Installation deutsche Geschichte. Wer hätte in den Trümmern von neunzehnhundertfünfundvierzig zu hoffen gewagt, dass Sicherheit und Frieden in Europa einmal wieder Realität werden könnten? Diese Hoffnung lag in weiter Ferne. Aber gerade in solchen Zeiten kann Hoffnung lebendig werden. Der Apostel Paulus hat einmal geschrieben, dass sie eine Kraft ist, die nicht vergeblich ist. Er schrieb im Römerbrief: „In unserer Hoffnung werden wir nicht enttäuscht.“ (Römer 5,5)

Hoffnung trägt, setzt Energie frei und Durchhaltevermögen – das galt neunzehnhundertfünfundvierzig wie auch heute. Sie trägt heute nicht nur Menschen auf der Flucht, sondern auch Menschen, die sich heute Sorgen machen, wie die Aufnahme so vieler Menschen bewältigt werden kann. Gold schimmert es durch die Ruinen: Ja, in unserer Hoffnung werden wir nicht enttäuscht!

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