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Herbst-Blues und Aufbruch
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Herbst-Blues und Aufbruch

Karl Waldeck
Ein Beitrag von

Karl Waldeck,

Direktor Evangelische Akademie, Hofgeismar
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Heute ist Donnerstag – in einer Woche, die besonders ist: Sie verbindet zwei Sonntage, die von ihrem Charakter und von ihrer Stimmung kaum unterschiedlicher sein können. Ewigkeits- oder Totensonntag und 1. Advent. Was beide Feste verbindet: Sie liegen am Ende des Kalenderjahres. Auf der nördlichen Hälfte der Erde ist das die kalte, die dunkle Zeit. Gerne igelt man sich deshalb zu Hause ein oder träumt von wärmeren Tagen, fernen Orten, wohin die Zugvögel schon aufgebrochen sind. Dieses Gefühl ist nicht neu: Vor bald 150 Jahren beschrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche seinen Herbst-Blues so:

Dies ist der Herbst: der bricht dir noch das Herz!
Flieg fort! flieg fort! -
Die Sonne schleicht zum Berg
Und steigt und steigt
und ruht bei jedem Schritt.
Dies ist der Herbst: der bricht dir noch das Herz.
Flieg fort! flieg fort!


Die Zeilen des Gedichtes ziehen nach wie vor in ihren Bann. Der Herbst, der das Herz bricht. Die Sonne, die scheinbar schwächer wird und Atempausen braucht, um aufzugehen. Ein starkes Bild – und ein Gefühl, das man gut nachvollziehen kann.

Flieg fort, flieg fort! Der alte Traum des Menschen vom Fliegen! Nichts wie weg, Grenzen überwinden, auch die, die dem menschlichen Körper gesetzt sind. Höher hinaus, dem Himmel entgegen, dorthin, wo Aus- und Überblick und vielleicht auch die Freiheit grenzenlos sind. Zu Nietzsches Zeit konnte man beim Fliegen tatsächlich nur an die Vögel denken. Der uns vertraute schnelle Urlaub per Flieger – raus aus der Dunkelheit und Kälte hin in südlich-sonnige Gefilde, war unvorstellbar. Fliegen ist in den letzten Jahrzehnten fast selbstverständlich, die Reise in den Süden hierzulande zumindest für viele erschwinglich geworden. In diesem Jahr ist auch hier alles anders: Es wird für fast alle bei der Sehnsucht nach dem Süden bleiben: Reisen? – Dringende Dienstreisen ja, Private Reisen möglichst vermeiden, da faktisch ganz Europa und darüber hinaus ein einziges Corona-Risikogebiet ist. Wohin also mit dem Herbst-Herzschmerz, mit der Sehnsucht, davon zu fliegen?

Fliegen – für Nietzsche geht es dabei um einen Aufbruch; er kann, muss aber nicht unbedingt mit einem Ortswechsel verbunden sein. Man kann ihn – auch im Herbst – daheim erleben oder bei einem Ausflug in der näheren Umgebung. Es geht darum, für sich eine Haltung des Aufbrechens zu finden und einzuüben. Große Ortswechsel sind dazu nicht nötig. Der Gang durch die herbstliche Natur auf unbekanntem Weg und dabei Neues entdecken – oder unter Auflagen das Treffen mit Freunden, das man lange aufgeschoben hat. Das Buch, das ich lange schon lesen wollte, zu Hause den Film sehen, den ich schon lange einmal sehen oder die Musik, die ich schon immer hören wollte, oder daheim das Essen kochen, was ich schon immer kochen wollte. Ich bin mir sicher: Die Begegnung mit Neuem, bereits im Kleinen, kann den Herbst-Herzschmerz vorbeugen oder lindern. Versuchen wir es!

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