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Gesicht zeigen
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Gesicht zeigen

Andrea Wöllenstein
Ein Beitrag von

Andrea Wöllenstein,

Pfarrerin im Referat Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Marburg
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Nach den Übergriffen auf einen Mann, der in der Öffentlichkeit eine Kippa getragen hat, gab es in den vergangenen Wochen an vielen Orten Kundgebungen und Aktionen der Solidarität. „Gesicht zeigen – mit Kippa, Kopftuch ... (Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen)“ hieß der Aufruf zu einer Demonstration für religiöse Toleranz in Marburg. Die jüdische und die islamische Gemeinde hatten sich zusammen getan und auch die christlichen Kirchen mit ins Boot geholt. Ich bin gerne mitgegangen – aber was sollte ich tragen als Zeichen meiner religiösen Identität? Wir Christinnen und Christen haben kaum etwas Vergleichbares zu Kippa und Kopftuch. Ein Kreuz höchstens, das manche am silbernen oder goldenen Kettchen tragen. Das habe ich nicht. Also bin ich so mitgegangen. Mit Pünktchen, Pünktchen. Sprich: Mit leichter Jacke und Sommerhose. Auf dem Marktplatz hatte sich eine ansehnliche Menschenmenge zur Kundgebung versammelt. Muslimische Frauen mit Kopftuch, viele Männer mit Kippa, die die jüdische Gemeinde verteilt hatte als Zeichen der Solidarisierung. Und viele Frauen so wie ich, die ihr Gesicht gezeigt haben ohne ein besonderes Zeichen.

Es ist ein Grundrecht in unserem Land, dass jeder und jede ihre Religion frei ausüben kann. Dazu gehört auch das Recht, seine Identität offen zu zeigen, betonten die Rednerinnen und Redner. Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit haben in unserem Land keinen Platz! Wir sind verschieden und wollen einander wertschätzen in unserer Verschiedenheit. Männer mit Kippa dürfen nicht angepöbelt, muslimische Frauen nicht als „Kopftuchmädchen“ abgewertet werden, und junge Leute, die sagen, dass sie sich in der Kirche engagieren, sollen nicht belächelt oder gar ausgelacht werden.

Mir persönlich ist die Haltung von Jesus sympathisch, der eher skeptisch ist gegenüber den  äußeren Zeichen. Er sagt: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht an den Straßenecken stehen und beten, damit die Leute euch sehen, sondern wenn du betest, geh in dein Kämmerlein und bete zu deinem Vater, der  im Verborgenen ist.“ (Mt 6,5.6)
Nicht auf äußere Zeichen kommt es an, sondern darauf, dass ich Gesicht zeige. Mein Gesicht - das bin ich, das ist meine unverwechselbare Persönlichkeit. Mit der will ich mich einbringen für meinen Glauben und für die Freiheit aller Menschen, die glauben. Und ich möchte ihnen auf Augenhöhe begegnen. Zuerst ihr Gesicht sehen, den Mann, die Frau, die Kinder. Ihren Kummer, ihre Freude, ihre Geschichte -  und dann erst die Religion und ihre äußeren Zeichen.

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