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"Es ist ein Ros entsprungen...

"Es ist ein Ros entsprungen...

Dr. Johannes zu Eltz
Ein Beitrag von

Dr. Johannes zu Eltz,

Katholischer Stadtdekan, Frankfurt am Main
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„Es ist ein Ros’ entsprungen...“. Ich liebe dieses alte Weihnachtslied mit der schlichten Melodie und den wundersamen Worten. Ich kenne es seit Kindertagen und kann es auswendig. Für die Klangwolke im Kaufhaus und das Gedudel auf dem Weihnachtsmarkt ist es zu leise. Es braucht Stille, damit es gut zu hören ist. Aber dann trifft es den Ton, der mir zu Herzen geht. Um das Jahr 1600 ist das Lied in Köln und Trier entstanden. Es kommt also nicht vom Lande, aus der heimeligen Dorfidylle. Es kommt aus der Stadt. „Stadtluft macht frei“, sagte man damals. In den großen Zentren ließ es sich besser leben als auf dem Lande. Die Bauernkriege waren vorbei und der 30-jährige Krieg hatte noch nicht begonnen. Die Streitigkeiten zwischen Katholiken und Evangelischen waren fürs erste gebändigt. Das Bürgertum kam auf die Beine, mit Handel und Handwerk ging es aufwärts und die Kultur florierte. Aber ein Paradies auf Erden war das Leben in der Stadt trotzdem nicht. Nicht nur die Armen lebten mit dem Tod Tür an Tür. Geschrei und Gestank in den engen Straßen, Willkür und Gewalt in den häuslichen Verhältnissen, unmenschliche Härte in der Rechtspflege, Hexenwahn und Aberglaube, Hungersnöte und Seuchen jederzeit in Reichweite. Das Leben war oft genug ein Kampf ums Überleben. Die Historiker können einem erzählen, wie das die Menschen geprägt hat. Könnten wir heute unseren Vorfahren begegnen, sie würden uns reichlich grob erscheinen und offen auf ihren Vorteil bedacht wie Leute, denen nichts geschenkt wird. Ihr Misstrauen, ob wir es gut mit ihnen meinen, würde uns befremden. Genauso die Verschlossenheit, mit der jemand das Helle und Zarte im eigenen Inneren für andere unsichtbar macht. Aber es muss sie wohl gegeben haben, diese andere Seite. Das Lied legt ein beredtes Zeugnis davon ab: „…und hat ein Blümlein bracht, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.“

Wie den Leuten wohl zumute war, wenn sie dieses Lied gesungen haben, eng aneinander gerückt in den eiskalten Kirchen, die im Schein der wenigen Kerzen auch tagsüber nicht richtig hell wurden? Vielleicht schlossen sie für einen Moment die Augen und ließen sich von der süßen Melodie gefangen nehmen. Und dann haben sie die rätselhaften Bilder der ersten Strophe auf sich wirken lassen, hinter denen sich ein tiefer Sinn verbirgt…  

Musik 1: „Es ist ein Ros entsprungen...“ Str. 1 und 2 (CD: Weihnachtslieder, Carus-Verlag / SWR 2, Kammerchor Stuttgart, Frieder Bernius, Track 1).

„Das Röslein, das ich meine…“. In der zweiten Strophe wird das Bilderrätsel aufgelöst. Es geht um die Nachkommen Isais, der hier Jesse heißt: „Von Jesse stammt die Art.“ Isai war der Vater des Königs David. Die Generationenfolge wird bildhaft als ein Rosenstock beschrieben. Als der jung war, trieb er kräftig aus und blühte. Im  Lauf der Jahrhunderte nahm er Schaden und war weitgehend abgestorben. Aber jetzt, oh Wunder, hat der Rosenstock einen frischen Trieb hervorgebracht: die Jungfrau Maria. Sie ist der neue Reis aus der alten Wurzel Jesse. Dieser Reis hat „ein Blümlein bracht“, das heißt: Maria hat ein Kind geboren, einen Sohn. Dem sollte sie den Namen Jesus geben, auf Hebräisch: Jehoschua. Das heißt auf Deutsch: Gott hilft. Gott rettet. In dem Namen liegt also eine Verheißung. In ihm ist das ausgesprochen, was Gott so sehr am Herzen liegt: dass die Menschen nicht zu Grunde gehen, nicht zum Teufel gehen. Sie sollen sich von Gott ansprechen und aufrichten lassen. Und dann rechtschaffen und menschenfreundlich ihren Weg gehen. Wie das geht - das wollte Gott als Mensch den Menschen zeigen. Dafür wurde Jesus geboren, und dafür steht er mit seinem Namen ein. Im Evangelium kann man nachzeichnen, wie wichtig es Gott war, dass dieser Name richtig verstanden wurde. Er wollte, dass seine Verheißung sich mit dem Kind von Bethlehem verband. Ein Engel schärfte das erst Maria und dann Josef ein: Ihr sollt das Kind Jesus nennen.

In der Heiligen Nacht riefen die himmlischen Heerscharen: „Christ, der Retter, ist da!“ Also wieder: Jehoschua. Gott hilft, Gott rettet. Er bindet sein Versprechen an einen Menschen, der wie alle Welt zur Welt kam. Ein Säugling, der in Windeln gewickelt in einer Krippe lag. Christ, der Retter, ist da. Das berührt mich jede Weihnachten von neuem:  Vom ersten Augenblick an war Jesus als Retter da. Obwohl er im Stall von Bethlehem niemandem helfen konnte, noch nicht einmal sich selber. Im Gegenteil: er war total auf Hilfe angewiesen. Er brauchte eine Mutter, die ihn an die Brust legte und stillte. Er brauchte einen Vater, der für Mutter und Kind sorgte. Er brauchte eine Familie, in der er aufwuchs, und ein Umfeld, das ihn forderte und förderte. Er brauchte Lehrer für das Wissen und Meister für das Handwerk. Er brauchte die Synagoge in Nazareth, wo er mit den heiligen Schriften vertraut wurde, und den Tempel in Jerusalem, wo er Gott als seinen Vater entdeckte. Er brauchte Gefährten, denen er sich mitteilen konnte, und Freundinnen, die ihn liebten und ihm beistanden. Jesus ist der Helfer in der Not, der selber Hilfe nötig hatte.

Es heißt: „Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart.“ Aber die Macht der Liebe hat Grenzen. Wenn die Liebe nicht erwidert wird, ist sie ohnmächtig. Das zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben Jesu. Und wirkt auf manche wie ein rotes Tuch. Am Ende seines Lebens, als er am Kreuz hing, verlachten die führenden Männer des Volkes Jesus und riefen: „Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten. Der Christus, der König von Israel. Er soll jetzt vom Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben“ (Mk 15, 31). Er hat keine Anstalten gemacht. Er ist drangeblieben. Ein Helfer, der sich nicht helfen konnte. Das kann man schwach finden. Aber in dieser Schwachheit liegt eine große Kraft.    

Musik 2: aus: „Sinfonia“ aus der 2. Kantate des Weihnachtsoratoriums von J. S. Bach (CD: Weihnachtsoratorium, Gächinger Kantorei / Bach-Kollegium Stuttgart / Helmuth Rilling).

„Es ist ein Ros´ entsprungen aus einer Wurzel zart.“ Die Weihnachtsgeschichten im Evangelium sind eigenartig. Sie stehen nicht in einer Reihe mit den Sagen des klassischen Altertums und gleichen auch nicht den Mythen der Moderne. Unser Retter ist kein Held, der fertig vom Himmel fiel. Jesus ist kein sagenhafter Halbgott wie Herkules und auch kein Jedi-Ritter vom anderen Stern. Wo diese Übermenschen auf die Kampfbahn treten, da wächst kein Gras mehr. Bei Jesus ist das irritierend anders. Er ist auf dem Boden des Heiligen Landes von klein auf herangewachsen. Ein „Blümelein“, sagt das Lied. D. h. einer, der anderen Freude machen wollte, nicht Eindruck, und schon gar nicht Angst. Jesus war ein Mensch, an dem äußerlich nichts Besonderes war. Er hat in sozialen Bezügen gelebt und seine Identität in Beziehungen ausgebildet. Er hat beim Ganzwerden die Ergänzung durch andere zugelassen. Ich finde diesen entspannten Umgang mit der eigenen Unfertigkeit wunderbar. Als Jesus in die Öffentlichkeit ging, hatte er ein kraftvolles Bewusstsein von seiner Sendung: er wusste, wer er war und wohin er wollte. Aber er hat die Macht seiner Persönlichkeit nicht dazu missbraucht, die Menschen in seiner Umgebung klein zu halten. Im Gegenteil, er hat sie dazu gebracht, dass sie ihre Talente erkannten und von ihren Gaben verantwortlich Gebrauch machten. Er hat sie ermächtigt. In seiner Nähe sind Menschen zu reifen Persönlichkeiten herangewachsen. Das ist eine Facette im Bild Jesu, die ich früher so nicht gesehen habe. In jungen Jahren hat mich eher die Göttlichkeit Jesu fasziniert – der Goldgrund seines Bildes. Ich wollte die Alleinstellungsmerkmale herausarbeiten und habe großen Wert auf all das gelegt, was ihn anders machte als mich. Zu viel Menschheit und Menschlichkeit waren mir verdächtig. Karl Lehmann hat damals im Mainzer Dom mal eine Weihnachtspredigt gehalten, die hatte die Pointe: „Einer von uns ist Gott geworden!“ Ich fand das in meinem Glaubenseifer total daneben und ärgerte mich so sehr über die vermeintliche Ketzerei, dass ich den Bischof am liebsten in Rom angezeigt hätte.

Seither ist einiges passiert. Heute verstehe ich gut, was Karl Lehmann damit sagen wollte, und freue mich daran. Gottes Humanität ist bodenlos. Er setzt alles daran, uns groß rauskommen zu lassen. Wir können von uns überhaupt nicht groß genug denken.

Musik 3: „Es ist ein Ros entsprungen...“ Str. 3 (CD: Weihnachtslieder, Carus-Verlag / SWR 2, Kammerchor Stuttgart, Frieder Bernius, Track 1).

„Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß“ - immer noch ist das Bild in zarten Farben gemalt; die hingehauchten Töne der deutschen Weihnachtsseligkeit. Aber dann gerät alles in Bewegung: „Mit seinem hellen Scheine vertreibt´s die Finsternis.“ Ein merkwürdiges „Blümelein“: es fängt auf einmal zu strahlen an und verscheucht das Dunkel. Es bringt Licht in die Nacht. Licht ist in allen Religionen das Milieu, in dem Gott sich zeigt. Das Licht von Bethlehem ist nur ein kleines Licht. Es ist ein Baby. Es ist Jesus. Aber das Lied behauptet: Das war Licht vom Himmel, ewiges Licht. Es geht nicht aus. Es hält der Nacht stand. Es vertreibt die Finsternis. In diesem Licht weitet sich das Sichtfeld. Das alte Weihnachtslied, das am Anfang ganz der Erde verhaftet ist und dem, was sie hervorbringt, richtet sich am Ende zur vollen Größe auf und wird grundsätzlich: „Wahr‘ Mensch und wahrer Gott. Hilft uns aus allem Leide. Rettet von Sünd‘ und Tod.“ Mir stockt fast der Atem, wenn ich das singe. Was für eine Kühnheit, mit einem einzigen Satz den Rahmen der Bilder zu sprengen und den Gipfel des Glaubens zu erklimmen! Mehr geht nicht. Aber weniger geht auch nicht. Das wäre dann nicht mehr Weihnachten. „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren. Es ist der Messias, der HERR.“ Das war die Botschaft der Engel an die Hirten von Bethlehem. Und für den Fall, dass die rauen Männer sich den Retter wie einen Riesen vorstellen, jedenfalls größer als sie selber; als einen Hirtenkönig, der jedem Wolf mit bloßen Händen den Kragen umdrehen kann; als einen HERRN, der die herrschenden Schichten das Fürchten lehrt und die Römer aus dem Land jagt - für den Fall, dass die Hirten sich das so vorstellen, bekommen sie noch einen kleinen Hinweis: „Das soll euch zum Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ Der kleine Mensch im Stall von Bethlehem ist der große Gott. Unvorstellbar. Ich sehe nicht, dass die Hirten lammfromm sich gleich auf den Weg gemacht haben. Sie mussten ja erst die Fassung wiederfinden und eine Entscheidung treffen, ob sie ihren Augen trauen wollten. Da war sicher die Versuchung, so zu tun, als sei nichts gewesen. Im stillen Einvernehmen einfach Schwamm drüber und fertig. Aus Angst, nicht die richtigen Worte zu finden oder sich lächerlich zu machen. Es fällt schwer, über religiöse Erfahrungen zu sprechen und sie anderen mitzuteilen. „Sag mal – hast Du das gehört? Hast Du gesehen, was ich gesehen habe? Was bedeutet das? Wie – wie gehst Du damit um?“

Weiß der Himmel, wie die Hirten das hinbekommen haben. Aber sie haben es geschafft. Ich glaube, das hat mit Musik zu tun. Wenn den Menschen die Worte fehlen, dann kommt ihnen die Musik zu Hilfe. Mit ihr geht alles besser, auch der Weg zum Himmel mit erdenschweren Beinen. Die Engel in der Heiligen Nacht haben ihr „Gloria!“ bestimmt nicht nur gesprochen. Sie haben es gesungen, wunderbar im Chor. Das steht zwar nicht in der Bibel, aber es kann gar nicht anders sein.

Und ähnlich im ausgehenden Mittelalter in Köln und Trier. Den Bürgersleuten konnte man kein X für ein U vormachen. Sie hatten ein hartes Leben und waren nicht gutgläubiger als wir. Und dennoch…oder deshalb: für sie ist der Ros entsprungen aus einer Wurzel zart. Das schöne, warme Weihnachtslied hat das Beste in ihnen zum Vorschein gebracht, das Hellste und Lebendigste. Ich glaube, das ist heute immer noch so. Den Menschen, die bei uns an Weihnachten die Kirchen füllen, ist oft nicht nach Reden zumute. Viele sind erschöpft und einfach froh, wenn man sie in Ruhe lässt.

Auch der Erwartungsdruck vor dem Fest schließt manchen den Mund, und die Enttäuschung darüber, wie es in Wirklichkeit war. Und dann kommt die Musik und wirkt Wunder. Das Blümelein fängt an zu leuchten und vertreibt die Finsternis. Jetzt möchte ich mich mitnehmen lassen in die Gewissheit, dass alles gut ist. „Wahr´ Mensch und wahrer Gott. Hilft uns aus allem Leide. Rettet von Sünd´ und Tod.“ Ich fasse mir ein Herz und singe aus Leibeskräften das Bekenntnis meines Glaubens.       

Musik 4: „Es ist ein Ros entsprungen...“ Str. 1-3 (CD: Weihnachtslieder, Carus-Verlag / SWR 2, Kammerchor Stuttgart, Frieder Bernius, Track 1).

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