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Eine Stunde geschenkt

Eine Stunde geschenkt

Prof. Dr. Markus Tomberg
Ein Beitrag von

Prof. Dr. Markus Tomberg,

Professor für Religionspädagogik, Fulda und Marburg
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Am kommenden Wochenende ist es wieder so weit. Da finden nicht nur Landtagswahl und die Volksabstimmung statt. Da werden auch die Uhren umgestellt. Das Wochenende – eine Stunde länger! Und das zum – vielleicht – letzten oder vorletzten Mal. Denn die Zeitumstellung steht nach einer Volksbefragung in Europa tatsächlich auf der Kippe. Bürgerinnen und Bürger in Europa – dem Vernehmen nach vor allem aus Deutschland – zeigen sich zeitsouverän: Über unsere Zeit bestimmen wir selbst!
Weil die Zeit uns alle verbindet, geht das nur per Mehrheitsentscheid und Kompromiss: Wenn jede und jeder nach einer ganz eigenen, individuellen Zeit leben würde – das Chaos bräche aus. Das war nicht immer so. Bis zur Einführung des Schienenverkehrs hatte jedes Dorf und jede Stadt eine eigene Zeit. Für das Gemeinsame sorgten Rathaus- oder Kirchturmuhr. So weit ihr Glockenschlag trug, so weit galt ihre Zeit. Damit Züge unfallfrei nach Fahrplan fahren konnten, reichte dieses System nicht mehr aus. Bis 1893 galten in Deutschland eigene Eisenbahnzeiten. Wer mit der Bahn fuhr, trat gleichsam in eine eigene Zeitzone ein. Erst dann wurde eine gemeinsame gesetzliche Zeit eingeführt. Hinter den verschiedenen Zeitsystemen und Zeitumstellungen steckt bis heute ein großes Rätsel. Was ist die Zeit überhaupt? Seit Jahrtausenden denken Menschen darüber nach. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Um die Zeit bleibt es ein Geheimnis. Die Bibel weiß deshalb von der Zeit als Gabe Gottes. Sie erzählt davon in poetischer Form: als Erschaffung der Welt in sieben Tagen. Gemeint ist: Alles, was ist, ist zeitlich. Zeit ist so etwas wie der Nährboden der Schöpfung. Und damit haben wir Menschen allerhand angestellt. Durch Uhren und Kalender haben wir die Zeit einigermaßen in den Griff bekommen. Wir haben sie geordnet. Aber wir nicht durchschaut und auch nicht wirklich unterworfen. Zeitsouverän sind wir nur in der Gestaltung der Zeit. Aber durch die wiedergewonnene Stunde am kommenden Wochenende wird niemand von uns auch nur eine Sekunde älter. Unsere Zeit ist nicht in unserer Hand. Gläubige Menschen ahnen: Sie ist ein Gottesgeschenk.

 

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