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Dunkelheit und Licht
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Dunkelheit und Licht

Prof. Dr. Karlheinz Diez
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Prof. Dr. Karlheinz Diez,

Weihbischof, Fulda
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Evangelium vom Sonntag: Mt 4, 12-17

Seit Jahren kursiert in der Winterzeit ein besonderes Wort: der Winterblues. Es umschreibt charmant und abmildernd einen Zustand, in dem sich manche Leute in der kalten und dunklen Jahreszeit befinden: in der Melancholie bis hin zur Depression. Eben im Winterblues. Viele Leute neigen zur Traurigkeit, ziehen sich ein Stück weit in sich zurück, es fehlt ihnen an Lebensfreude und Schwung. Die Medizin kann dieses Phänomen erklären. Seine Ursache liegt im fehlenden Tageslicht. Und das Tageslicht, das von der Sonne kommt, hat einen wichtigen Einfluss auf viele biochemische Prozesse im menschlichen Körper. Fehlt es, produziert der Körper zu viel Melatonin, zu viel von dem Schlafhormon, das eigentlich nur nachts im Dunkeln ausgeschüttet wird. Es macht müde und antriebslos. Und so kann die dunkle Jahreszeit den Menschen aufs Gemüt schlagen. Zwei bis fünf Prozent der Deutschen sollen davon betroffen sein, mehr Frauen als Männer. Sie sind vom Winterblues gepackt und leiden unter dem fehlenden Licht. Manchmal hilft ein spezielles künstliches Licht, die Menschen aus dem Gefühl der Dunkelheit herauszubringen.

Die Weihnachtsgeschichte (CD: Die Weihnachtsgeschichte - Kammerchor der Hochschule für Musik Weimar, Track 2) -  bis  4:63   

Von Licht und Dunkelheit berichtet auch das Evangelium des heutigen Sonntags. Der Evangelist Matthäus hat es überliefert. Er berichtet über das Wirken Jesu in Galiläa. Gerne möchte ich Ihnen den Text einmal in Abschnitten vorstellen.

Als Jesus hörte, dass man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück. Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali.

Jesus geht von seinem Heimatort Nazaret nach Kafarnaum am See Genezareth im Gebiet der Stämme von Sebulon und Naftali. Sebulon und Naftali. Die Juden zur Zeit Jesu durchzuckt es, wenn sie diese beiden Worte hören. Sebulon und Naftali sind die beiden Stämme Israels, die als erste von den feindlichen Assyrern vernichtet wurden. Ausradiert von der Landkarte des jüdischen Lebens. Mit Sebulon und Naftali verbinden die Juden nichts als Trauer, Tod und Hoffnungslosigkeit. Mit den Bewohnern war auch der jüdische Glaube ausgelöscht worden im Norden Israels. Sebulon und Naftali stehen für ein verlorenes Land, für eine verlorene Zukunft, für Trostlosigkeit. Dort will niemand sein. Aber genau dort geht Jesus hin, in dieses weltverlorene Gebiet in Galiläa. Was für immer für die jüdische Welt verloren geglaubt ist, nimmt Jesus neu in den Blick. Dass Johannes der Täufer im Gefängnis sitzt, weil er den kommenden Messias verkündet hat, davon lässt Jesus sich nicht abschrecken. Johannes ist Jesus, dem Messias, vorangegangen, hat ihm den Weg geebnet. Mit seinem Weg nach Sebulon und Naftali beginnt Jesu öffentliches Wirken auf der Erde. Egal, ob ihm Verfolgung oder Gefängnis drohen. Er beginnt seine Mission.

So liegt in diesen wenigen Worten der Schrift schon viel Sprengkraft. Jetzt erst recht, könnte man meinen. Jesus geht in das Gebiet der Hoffnungslosigkeit, obwohl und weil Johannes im Gefängnis sitzt und nichts tun kann. Jesus kommt, er bringt Hoffnung und neues Leben – und Licht.

Weiter heißt es im Text von Matthäus:
Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Das Land Sebulon und Naftali, die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa: das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein helles Licht erschienen.

Der Prophet Jesaja hat das Schicksal von Sebulon und Naftali vorausgesagt. Und er gebraucht drastische Worte. Vom Schattenreich des Todes spricht er, vom heidnischen Galiläa, vom Dunkel, in der Summe eben von einer Gegend, die nur Schaudern und Entsetzen erzeugt. Es gibt auch in unserer Zeit Begriffe oder Orte, die negativ besetzt sind. Jeder und jede kennt das aus dem eigenen Leben: Worte, Bilder oder auch Gerüche assoziieren dunkle Gefühle, Magengrimmen, unverarbeitete Verletzungen und schlechte Erfahrungen. Daraus kann nichts Gutes mehr kommen, denken sie. Einfach nur hinter sich lassen. Aber Jesaja prophezeit etwas anderes. Ausgerechnet dort, wo gar nichts mehr geht, wo alles verloren ist, soll sich etwas tun. Dorthinein scheint ein helles Licht. Hierfür gibt es viele Bilder: der erste Sonnenstrahl nach einer klirrend kalten Nacht; ein Schritt aufeinander zu nach einem ewig langen Streit; jede Hoffnung auf Zukunft und Leben, die schon längst aufgegeben war; oder Frieden nach jahrelangem Krieg. Das steht für das Licht, das Jesus Christus ist.

Hail, Gladding Light (CD: O Sing Joyfully - Worcester College Boys´Choir, Track 2)  -  1:51

Vor ein paar Jahren war ich in Uganda zu einem Besuch. Das Land und die Menschen haben mich fasziniert. Besonders eindrücklich war für mich einmal die Erfahrung von totaler Dunkelheit in der Nacht weit draußen auf dem Land. Nein, ich habe mich nicht gefürchtet. Es war nur die Erfahrung von absoluter Dunkelheit, die ich so vorher noch nie erlebt hatte. Stockfinster war es, weit und breit gab es kein Licht, selbst die Sterne waren nicht zu sehen. Die Nächte in Deutschland sind selbst außerhalb der Städte vergleichsweise hell. An irgendwas kann man sich immer orientieren. Dort, wo ich damals war, gab es keine Straßenlaternen, keine Lampen, keine Kerzen, nichts. Nur Finsternis. Ich musste mich vorsichtig vorantasten, an ein normales Gehen war nicht zu denken. Hör- und Tastsinn waren gefragt. In diesen Momenten habe ich die enorme Bedeutung von Licht gespürt, und wenn es nur ein brennendes Streichholz ist. Seit dieser Erfahrung in Uganda kann ich ein bisschen erahnen, was Blindsein bedeutet: das komplette Fehlen von Helligkeit, ein Leben ohne Licht. Was das heißt, habe ich auch in meiner eigenen Familie erlebt. Denn mein Vater hat 19 Jahre bis zu seinem Tod als blinder Mensch gelebt. Und trotzdem ging es weiter. Denn er hatte eine Helligkeit in sich behalten, eine innere Sonne, die ihm Kraft und Hoffnung gegeben hat. Seinen Glauben an Jesus Christus. Ohne ihn und die helfende Unterstützung meiner Mutter hätte mein Vater auch innerlich in Dunkelheit gelebt.

Doch zurück zu den Stämmen in Sebulon und Naftali. Auch sie haben in Dunkelheit gelebt, bis ihnen ein helles Licht erschien, Jesus Christus, der Retter. Zu Weihnachten wurde seine Menschwerdung gefeiert. Was heißt es, wenn Christen sagen, Jesus Christus ist das Licht? Ganz theologisch bedeutet das, Jesus hat den Menschen den Weg zu Gott neu eröffnet, den Weg des Lebens. Licht meint Hoffnung. Wenn vom Volk, das im Dunkel lebt, die Rede ist, heißt das: die Beziehung zwischen Gott und den Menschen ist gestört durch Schuld und Sünde. Jesus Christus, so glauben Christen, hat diese Schuld stellvertretend für alle durch seinen Tod am Kreuz auf sich genommen. Er hat aus Liebe zu den Menschen sein Leben gegeben und sie so mit Gott versöhnt. Mit Jesus Christus kam und kommt bis heute Hoffnung in das Leben der Menschen. Er ist Leben, Licht und Liebe. Was bedeutet das? Es gibt immer eine neue Hoffnung auf Zukunft, auf Versöhnung, auf Gemeinschaft mit Gott und untereinander. Um bei dem Bild von Sebulon und Naftali zu bleiben, es gibt IMMER einen neuen Weg, es gibt immer neues Leben, ja selbst ein Leben nach dem Tod. Manchmal sind Menschen gepackt von Trauer und Depression, aber Gott möchte gerade dann bei den Menschen sein. Er möchte ihnen sagen: Du bist nicht alleine, ich gehe deinen Wüstenweg mit dir. Vertraue mir, ich führe dich zurück ins Leben. Mit Jesus kommen neue Perspektiven, neue Hoffnungswege und Heilung. Für mich ist es das größte Licht, dass Gott mich und mein Leben trägt und hält. Diese tiefe Glaubensgewissheit bringt mich über das irdische Leben hinaus. Was hier nicht gelungen ist, wo Scheitern, Krankheit und Leid sind, wird eines Tages in der Herrlichkeit Gottes überstanden sein, ist geläutert und bereinigt, ist verziehen und gerecht gemacht. Aber dieses neue Leben in Jesus Christus beginnt schon hier und jetzt. Weil Gott die Liebe ist, dürfen Menschen selbst die Liebe wagen. Sie ist immer stärker als Hass und Zerstörung. Es geht darum, den ersten Schritt zu tun, auf jemanden zugehen, zu verzeihen und um Verzeihung zu bitten.

Kinder des Lichts (CD: Improvisationen/Engel & Heilige,
Track 8)  -  3:07                                                

Und weiter überliefert der Evangelist Matthäus:
Von da an begann Jesus zu verkündigen: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.

Jesus verwendet einen Begriff, der für moderne Menschen nicht leicht zu fassen ist: Himmelreich. Was, so höre ich oft, ist das Himmelreich? Himmel steht heute als Synonym für ein gutes Gefühl, für ein Stück Wellness, für himmlische Genüsse. In der Werbung gibt es dafür viele Beispiele. Verliebte schweben im siebten Himmel. Und sie wissen intuitiv, irgendwann hört es wieder mit diesem himmlischen Gefühl auf, die Realität kommt zurück. Für einen gläubigen Menschen ist das Himmelreich jedoch weit mehr: die endgültige Erfüllung aller kühnsten Sehnsüchte und Wünsche. Im „Himmelreich“ findet die Begegnung statt zwischen Gott und Mensch, von Angesicht zu Angesicht. Wer den Tod überwunden hat, ist - so der christliche Glaube - im Himmelreich angekommen. Er darf die über alles erfüllende Nähe Gottes erfahren, für immer und ewig. Im Himmelreich gibt es auch ein Wiedersehen mit allen, die schon von dieser Erde gegangen sind. Diese Verheißung gibt mir Trost und so etwas wie eine Vorfreude auf lang ersehnte Begegnungen. Ich stelle mir den Himmel so vor, wie es in der Heiligen Schrift beschrieben ist: als großes Festmahl mit Gott und Menschen in Freude und Glück. Jesus selbst hat vom Himmelreich in vielen Bildern gesprochen. Immer taucht darin neben dem Bild vom Hochzeitsmahl eines auf: die Spaltung von Arm und Reich wird überwunden sein, Gerechtigkeit ist hergestellt in der Fülle des ewigen Lebens.

Wenn Jesus sagt, das Himmelreich ist nahe, dann steckt darin auch die Botschaft, das Himmelreich steht allen offen. Nutze die Zeit auf dieser Erde, um dem Himmel näher zu kommen. Kehre um! Das heißt nichts anderes, als das eigene Leben im Licht Gottes auf den Prüfstand zu stellen und sich von ihm führen und beschenken zu lassen. Mit Blick auf den Himmel verändern sich Sichtweisen und Prioritäten. Wer sich von Gott geliebt und angesehen weiß, darf sich entspannen, hat das tragende Fundament des Lebens gefunden. Für andere ist die Beziehung zu Gott der Sinn des Lebens schlechthin. Das verändert das eigene Leben, manchmal bis hinein in die Grundmauern. Es geht nicht mehr darum, hier und jetzt das größtmögliche Glück, den größtmöglichen Erfolg zu haben. Die Begegnung mit Gott bringt Gelassenheit und Freude. Die große Kirchenlehrerin Teresa von Avila hat den berühmten Satz gesprochen: „Gott allein genügt“. Ich gebe zu, um diesen Satz sagen zu können, muss ein Mensch auf dem Weg des Glaubens schon ein ganz großes Stück gegangen sein. Aber dennoch hat sie Recht, die hl. Teresa von Avila, die große spanische Mystikerin. Wer die Einladung Gottes annimmt und ihn in sein Leben lässt, erfährt ein helles Licht, das selbst in der tiefen Dunkelheit Leuchtkraft hat. Dieses Geschenk darf ich in aller Freiheit empfangen. Dazu lädt der Herr an diesem Sonntag ein.

Der Morgenstern ist aufgedrungen (CD: Die Weihnachtsgeschichte - Kammerchor der Hochschule für Musik Weimar, Track 5)  -  1:24   

Musikauswahl: Regionalkantor Ludwig Zeisberg        

                       

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