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Du hast die Wahl...
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Du hast die Wahl...

Stefan Herok
Ein Beitrag von

Stefan Herok,

Pastoralreferent i.R. in der Pfarrei St. Bonifatius, Wiesbaden
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Guten Morgen und einen schönen Sonntag!

Heute ist also Bundestagswahl. Ein spannender Tag. Natürlich mache ich hier – sozusagen auf den letzten Drücker - auch noch kräftig Wahlwerbung! Klar, nicht für eine spezielle Partei. Da habe ich zwar meine persönliche Meinung, aber die äußere ich nicht in einer Kirchensendung. Außerdem ist mein Motto für heute: „Du hast die Wahl, lieber Mitmensch!“ Und damit verbinde ich mehrere Aussage-Absichten.

Bitte wähle!

Zunächst einmal werbe ich dafür, überhaupt zu wählen! Besonders bei denjenigen, die bis zuletzt nicht wissen, wem sie ihre Stimme geben wollen! Wer bei allen Kandidat*innen viel Negatives wahrnimmt, den erinnere ich freundlich an die starke, praktische Lebensregel vom „geringsten Übel“. Wenn z.B. bei meiner Essenauswahl nichts dabei ist, was mich so richtig lockt, dann nehme ich doch trotzdem das, was am Ehesten geht. Bei gar nichts würde ich ja verhungern. Sich gerade bei einer ungewissen Deutschlandwahl wie dieser ganz herauszuhalten, da „verhungert“ unser Staat und unsere Gesellschaft! Seine „Körperschaften“ und „Gliederungen“ werden in der Qualität immer magerer, demokratischer Mangel und soziale Vergiftung machen sich breit.

Mach dein Kreuz!

Fast die Hälfte der Wahlberechtigten hat Briefwahlunterlagen bestellt. Die Hälfte davon hatte sie allerdings bis Anfang letzter Woche nicht abgeschickt. Also bitte, lieber Mitmensch! Ein Kreuz ist zwar ein Kreuz und damit in unserem ehemals christlich geprägten Umfeld eher ein „Leidenszeichen“… Aber aus so manchem Leid gehen wir durchaus gestärkt hervor, wenn wir uns ihm vernünftig stellen, die richtigen Schlüsse ziehen und vor allem die Sache nicht verdrängen… Also, zuerst einmal, bitte machen Sie Ihr Kreuz und gehen Sie wählen!

Sei politisch!

„Du hast die Wahl, lieber Mitmensch“, grundsätzlich überhaupt eher politisch oder unpolitisch zu sein. Daran hängt für mich das eben angesprochene Qualitätsmoment unserer Demokratie. Es stimmt schon, nahezu alle politischen Fragen sind heute sehr komplex und schwierig. Lösungen sind nicht einfach zu finden. „Ich bin ja kein Fachmann und auf mich hört sowieso keiner…“, denken viele. Trotzdem darf uns das nicht davon abhalten, uns überhaupt eine Meinung zu bilden. Ich treffe zu viele Leute, die aus Resignation weitgehend unpolitisch sind. Oder noch schlimmer: politverbittert. Klar, auch ich tue mich oft schwer. Aber dann sage ich mir, Stefan Herok, da musst du jetzt durch. Da musst du halt noch ein paar mehr Informationen sammeln, am besten aus deutlich verschiedenen Quellen. Da musst du halt noch ein paar mehr gute Freunde fragen. Viel sprechen über das, was man wahrnimmt, gerade im Internet. Das hilft wirklich. Wenn wir möglichst alle geübte „passive“ Politiker*innen wären, dann könnten wir auch die Auswahl an „aktiven“ Politikerinnen und Politikern, die sich uns heute zur Wahl stellen, besser beurteilen. Vielleicht hätten wir auch etwas mehr Respekt vor ihrem Engagement, selbst wenn sie nicht unserer Meinung sind… Das wär‘ dann unser Beitrag zur Steigerung politischer Qualität!

Sei sachorientiert!

„Du hast die Wahl, lieber Mitmensch“! Du kannst dich politisch an Sachfragen und Inhalten orientieren oder an Stimmungen und Feindbildern. Was will welche Partei wirklich? Welche Positionen vertritt sie konkret? So kommen wir auch „Fakenews“ und Verschwörungslegenden auf die Spur und können sie entlarven. Lerne die Parteienprogramme am besten durch authentische Quellen kennen. Und höre nicht nur darauf, vor was und vor wem sie dich warnen und womit sie dir Angst machen.

Den Gegner nicht dauernd zum Feindbild machen!

Stellen wir uns mal vor, wir wollten in einem Lokal essen gehen und auf der Speiskarte steht hauptsächlich: Vorsicht! Nur nicht griechisch essen, das ist zu Fett! Vorsicht! Mit Pizza finanzierst du die Mafia! Vorsicht! Deutsch-bürgerliche Küche ist zu kalorienreich! Damit bleibt doch völlig unklar, welche Kost dieses Lokal dir anbietet und ob du dort etwas findest, was dir schmecken könnte. Für mich ist wichtig: Welche politische Kraft verzichtete weitgehend auf Angst- und Panikmache und musste den Gegner nicht dauernd zum Feindbild machen.

Sei freundlich!

„Du hast die Wahl, lieber Mitmensch“: Du kannst in Sachen Politik freundlich und positiv zu bleiben oder böse und verbittert zu werden. Das ist für mich das so erschreckend Andere an dieser Zeit und an diesem Wahlkampf: der Ton. Hier beginnt für mich eine höchst dramatische „KlimaKrise“ lange bevor wir auf’s Wetter schauen! Hier liegt auch der tiefste Grund, warum ich mir als Kirchenmensch in einer Verkündigungssendung Gedanken und regelrecht Sorgen um die Politik mache: das vergiftete gesellschaftliche Klima!

Stell dich dem Hass wirkungsvoll entgegen!

Woher kommen nur der viele Hass, die Beschimpfungen, die Unterstellungen, die persönlichen Angriffe und Verunglimpfungen? Woher kommen die Gewaltandrohungen und tätlichen Übergriffe, denen viele Politiker*innen und andere Personen im öffentlichen Leben (Rettungskräfte, Polizisten, Journalisten…) heute ausgesetzt sind!? Warum fühlen sich so viele Bürgerinnen und Bürger offensichtlich so sehr als Opfer und so persönlich verletzt, dass sie nur wild um sich schlagen und nur verbittert schimpfen können? Und wo sind die humanen, die sozialen und vor allem auch die christlichen Kräfte, die sich dem Hass wirkungsvoll entgegenstellen?

Klar, nur ein Einzelbeispiel…. Oder?

Während einer Behandlung habe ich regelmäßig für eine Stunde Kontakt mit der gleichen Person. Natürlich unterhält man sich dabei über dies und das; hoch lebe der Smalltalk! Neuerdings bin ich dabei einer Kraft ausgeliefert, die ununterbrochen über alles und jeden verächtlich und vernichtend schimpfen kann. Über die Lehrer der Kinder, über Deutschland ganz allgemein, natürlich auch über die Politik, vor allem, wenn jetzt die Grünen drankämen. Ich hatte auch meinen kirchlichen Beruf erwähnt und bekam dafür natürlich die volle „Breitseite“ von „Hexenverfolgung“ bis „alle Priester sind Missbrauchstäter“. Als ich – nach erster verhalten-verständnisvoller Zustimmung – irgendwann nicht mehr antwortete, sondern in betretenes Schweigen verfiel, wurde mein Gegenüber nicht leiser, sondern immer heftiger. Schließlich bat ich um Mäßigung. Ich hätte nichts gegen kritischen, auch deutlichen Meinungsaustausch, mag auch keine Vertuschung und Beschönigung, ganz im Gegenteil, aber diese unterscheidungslose Schimpftirade sei mir einfach zu heftig. Ich würde jetzt gerne mal hören, was einem am Leben überhaupt und an Deutschland vielleicht auch gefallen könnte. Einen Moment lang bemühte sich mein Gegenüber, verfiel aber schnell wieder ins pure Schimpfen.

Ich fürchte, das ist kein Einzelbeispiel. Manche Menschen können gar nicht mehr anderes als bitter, können kaum mehr positiv kommunizieren. Sie meinen, ihre Meinung habe nur Gewicht, wenn sie heftig auftreten und laut und sprachlich derb.

Initiative „gut sprechen“!

Der Trend zur Hassrede ist wahrscheinlich ein Reflex auf zu viel Schönfärberei und Drumrumgerede im öffentlichen Leben, auf zu viele „leere“ Worte und nicht gehaltene Versprechen. Da haben öffentliche Einrichtungen - von den Parteien über Wirtschaftsunternehmen bis zu uns Kirchen - durch ihre Skandale und Lügen viel Vertrauen verspielt. Und trotzdem hast du, lieber Mitmensch, auch ganz persönlich die Wahl, welche Worte du wählst und welchen Ton du anschlägst.

Verzichte eine „herbstliche Fastenzeit“ lang auf respektlose Sprache!

Als diesjahr die große Flutkatastrophe kam, zeigten so viele Menschen Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Menschen dieser Haltung lade ich hier zur großen Sprach-Offensive ein und zu einer Art „herbstlicher Fastenzeit“! Zwischen Schönfärberei und Hassrede einen anderen Sprachstil zu platzieren, mag vielleicht nicht leicht sein. Aber ich lade alle „Mitgefühl-Menschen“ dazu ein, ganz offensiv, ja geradezu demonstrativ eine freundliche und positive Sprache zu sprechen. Und die christlichen Kirchen fordere ich ausdrücklich dazu auf, denn „gut sprechen“ ist eigentlich eine ihrer Kernkompetenzen. Das lateinische Wort „bene-dicere“ (gut-sagen) wird kirchlich meist etwas zu schnell mit „segnen“ übersetzt. Eigentlich bedeutet es genau das, was wir heute in Deutschland dringend brauchen: Im Gegenüber zuerst das Gute sehen und es auch benennen. Ihm Achtung und Vertrauen zusprechen: Du bist wertvoll. Du kannst was. Ich verstehe dich. Ich bin dir nah. Ich kann dir Schwächen nachsehen und Fehler verzeihen. Und wo wir einander kritisieren müssen, da kann es auch konstruktiv und freundlich geschehen. Verzichten wir eine „herbstliche Fastenzeit“ lang demonstrativ auf die Sprache von Hass und Gewalt. Und „segnen“ wir so diesen Sonntag und die Bundestagswahl und unser ganzes Land! Danke für jeden Versuch…

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