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Der Dichter im Schnee
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Der Dichter im Schnee

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Es liegt viel Schnee, damals, an Weihnachten (1956). Der Schweizer Dichter Robert Walser macht einen Spaziergang. Er legt sich kurz in den frischen Schnee und stirbt. Friedlich. Er ist 78 Jahre alt und in der Heilanstalt. Da ist er freiwillig, seit zwanzig Jahren. Damals sagt er: Schluss mit der Welt. Immer Angst, immer Nerven. Er hat genug von der Welt. Will versorgt werden, ohne Anspruch sein. Und schreibt den großartigen Satz:

 Anspruchslosigkeit ist eine Waffe;
 vielleicht eine der glänzendsten, die es gibt.

Das hätte auch Jesus sagen können, der gerade Geborene. Jesus wird dann groß, zieht durch die Lande, spricht hier und da und berührt Menschen. Mit Händen und Worten. Sammelt nichts an. Hofft auf die Hilfe von Menschen. Und sagt Sätze wie: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Angst hat mit Haben zu tun, mit Festhalten, Angst hat mit Anspruch zu tun, ich müsste dies und das behalten oder bekommen. Wer sagt, dass ich immer bekommen und behalten muss? Ansprüche können mal retten. Das stimmt. Aber sie können auch eine Last sein.

Auf nichts kann ich bestehen. Das weiß Jesus. Und Robert Walser, der Dichter im Schnee, weiß das auch. Anspruchslosigkeit ist eine Waffe; vielleicht eine der glänzendsten, die es gibt. Es käme auf einen Versuch an. Den Versuch des Lässigen. Ich will mich nicht klammern, an Besitz nicht und ans Leben auch nicht. Vielleicht bin ich lässiger, heiterer, je weniger ich habe. Je weniger ich fürchte, etwas zu verlieren. Es gehört mir doch nichts. Außer Gott. Dem gehöre ich. Im Leben und Sterben und immer.

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