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Palmsonntag
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Palmsonntag

Harald Seredzun
Ein Beitrag von

Harald Seredzun,

Katholischer Pfarrvikar, Pfarrei Sankt Maria Magdalena, Rheinhessen

Palmsonntag – für manche ein Sonntag unter Palmen. Mit den Osterferien beginnt die Urlaubssaison. Die Reisebüros locken die Menschen in den Süden. Man gestatte mir die Feststellung: Die Freizeitkultur hat die Kultur des Kirchenjahres sehr an den Rand gedrängt. Aber mit Palmen, Meeresstrand und Urlaub hat der Palmsonntag als solcher nichts zu tun. Er ist vielmehr der Beginn der Karwoche. Die Karwoche erinnert an den Leidensweg Jesu. Der Karfreitag ist sein Todestag, an dem er am Kreuz hingerichtet wurde. Doch woher kommt der Name Palmsonntag? Vor dem Leidensweg kam ein Triumphzug. Von der Menge umjubelt zog Jesus in Jerusalem ein. Die Leute winkten ihm zu mit Zweigen, die sie von den Bäumen schnitten. Und weil es dort Palmen gab, denkt man, dass es Palmzweige waren. Daher der Name des heutigen Tages: Palmsonntag.

Die katholischen Gottesdienste beginnen mit einer so genannten Palmprozession, die an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnern will. Die Teilnehmer erhalten grüne Zweige. Da hierzulande Palmen nicht heimisch sind, nimmt man meistens die immergrünen Zweige der Buchssträucher. Sie werden mit Weihwasser besprengt und dazu wird ein Segensgebet gesprochen. Dann wird das Evangelium verkündet, das vom Einzug Jesu in Jerusalem erzählt. Im Evangelium nach Matthäus heißt es:

„Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte…schickte er zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: ‚Geht in das Dorf, das vor euch liegt, dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir. Und wenn jemand euch zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen‘.
Dies ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen…
Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und Jesus setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute…riefen: ‚Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen Gottes. Hosanna in der Höhe!‘
Als Jesus in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung und man fragte: Wer ist das? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.“ (vgl. Matthäus 21,1ff.)

Hosanna dem Sohn Davids! ruft die Menge, als Jesus in Jerusalem einzieht. Sohn Davids, das ist einer der Titel für den Messias, auf den sie so dringlich warten. Doch fünf Tage später ruft die Menge: Ans Kreuz mit ihm! So schnell kippt die Stimmung. Die Menge ist wankelmütig. Wenn einer anfängt, „Hosianna“ zu rufen, rufen plötzlich alle mit. Ruft einer „Ans Kreuz mit ihm“, brüllen sie es genauso. Die Menge ist wankelmütig. Sie hängt ihre Fahnen in den Wind. Der Einzelne, der eine eigene Meinung hat, eine Meinung, die vielleicht von der herrschenden Meinung abweicht, geht in der Menge unter.

Warum haben sie ihm zugejubelt, als Jesus in Jerusalem einzog? Weil sie wollten, dass endlich der Messias kommt. Die sozialen und politischen Verhältnisse waren bedrückend. Die Sehnsucht nach einem starken Mann, der alles regelt, war groß. Und das machte auch die Bereitschaft groß, einem zuzujubeln, dem ein gewisser Ruf vorauseilte. Jesus stand im Ruf, ein Wundertäter zu sein, ein machtvoller Redner, der das Kommen des Reiches Gottes verkündete. Was er damit meinte, wollte man wohl gar nicht so genau wissen. Man hatte seine eigene Vorstellung vom Reich Gottes und vom Messias, und die wurde einfach  auf Jesus projiziert. Man erwartete vom Messias, dass er die Besatzungsmacht, die Römer aus dem Land jagen sollte. Das Reich Gottes sollte das alte Reich des Königs David wieder auferstehen lassen. Der Messias musste ein starker Mann sein.

Eigentlich hätte die Menge sehen können, dass Jesus ganz und gar nicht ihrer Vorstellung entsprach. Da kam keiner auf einem Schlachtross, da kam keiner, der machtvoll in Erscheinung trat, mit großem Gefolge, womöglich unter Waffen. Da saß einer auf einer Eselin und hatte ein Fohlen dabei. Das sah ganz und gar nicht nach Kampf gegen die Römer aus.
Wer vermag es zu sagen, aber vielleicht war in dem Hosannageschrei schon ein Unterton der Ablehnung, vielleicht was das „Kreuzige ihn!“ schon näher, als es den Anschein hatte.
Jesus zog friedfertig in Jerusalem ein. Er ritt auf einer Eselin. Er hatte nichts vom Gebaren eines mächtigen Kämpfers oder Herrschers dieser Welt an sich. Sein ganzes Leben war frei von Machtdemonstration. Sein Leben begann in einem Stall, und es endete am Kreuz. Der Palmsonntag ist der Beginn eines Leidensweges. Jesus wusste, was ihm bevorstand, als er in Jerusalem einzog.

Wenn ich Palmsonntag feiere, weiß ich: Hoffnung auf eine starken Mann, der machtvoll das Elend aus der Welt schafft, ist keine Hoffnung, die sich aus der biblischen Botschaft nährt. Die Sehnsucht nach dem starken Mann hat sich zudem in der Geschichte immer als gefährlich erwiesen. Gerade der Palmsonntag erteilt dieser Sehnsucht eine Absage. Wenn ich Palmsonntag feiere, bin ich unterwegs nach Ostern. Und es gibt keinen Weg nach Ostern, der um den Hügel Golgota einen Bogen machen könnte. Der Weg nach Ostern kann dem Kreuzweg nicht ausweichen.

Das Kreuz ist unverrückbar das Zeichen der christlichen Botschaft. Der christliche Glaube bekennt sich zu einem Gott, der leidet. Kein Mensch ist Jesus ähnlicher als der leidende Mensch. Gewiss, wer Jesus in der Nächstenliebe nachfolgt, ist ihm auch ähnlich. Aber der Höhepunkt des Wirkens Jesu sind nicht seine Taten der Nächstenliebe. Der Höhepunkt seines Wirkens ist seine Erniedrigung am Kreuz. Und weil dies der Höhepunkt seines Wirkens ist, nennt der Evangelist Johannes die Kreuzigung auch Erhöhung.

Wenn ich den Palmsonntag und die Karwoche innerlich mitvollziehen will, dann führt mich das in eine gesegnete Passivität. Gesegnete Passivität – das bedeutet: Ich setze nicht auf meine Aktivität, auf meine Taten, so gut und hilfreich sie sein mögen,  ich setze meine Hoffnung nicht auf das, was ich tun kann, sondern auf das, was Jesus tut. Sein Tun, nach allem Umherziehen als Wanderprediger und nach allen Wundertaten, gipfelt in seiner Passion, in seinem Leiden und Sterben. Die Passion Jesu bringt Segen in die Welt. Mein Glaube sagt mir: Der Kreuzestod Jesu überschwemmt die Welt mit einer Sintflut der Gnade. Alles Leid der Menschen, alles Leid der unzähligen unschuldigen Opfer von Krieg und Elend, von Verbrechen und Katastrophen, all das fällt in die ausgebreiteten Arme des Gekreuzigten. All das geht ein in seinen Karfreitag. All das hat Anteil an einer österlichen Verwandlung. Alles Sterben, jeder Tod wird in Auferstehung verwandelt. Sein Reich ist nicht von dieser Welt.

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, sagt Jesus im Johannesevangelium (Johannes 18,36). Ein oft missverstandenes Wort. Das Missverständnis zeigt sich, wenn dieses Wort als Weltverneinung verstanden wird. Immer wieder gab es in der christlichen Geschichte Tendenzen der Weltverneinung und Weltfremdheit. Das Reich Gottes hatte dann nichts mehr mit dieser Welt zu tun. Es war eher eine Gegenwelt, es stand in scharfem Kontrast zu dieser Welt. Aber diese Denkweise ist biblisch nicht gedeckt. Unsre Welt ist Schöpfung Gottes. Gott zu lieben heißt auch, seine Schöpfung zu lieben. Es ist christlicher Auftrag, diese Schöpfung zu bewahren und zu gestalten, sich für weltweite Gerechtigkeit einzusetzen, damit allen Menschen ein gutes Leben möglich wird. Das Reich Gottes ist die Wirklichkeit, in der es kein Leid und keinen Tod mehr geben wird, in der die Schöpfung neu gestaltet wird zum Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. Dieses Reich Gottes ist zwar nicht von dieser Welt, aber es beginnt in dieser Welt. Es beginnt überall dort, wo Menschen für Gerechtigkeit und Frieden eintreten, wo Menschen die Liebe als Sinnerfüllung ihres Lebens betrachten. Das Reich Gottes beginnt in dieser Welt. Und nach christlichem Glauben hat das Kommen Jesu in unsre Welt ein unzerstörbares Fundament gelegt. Wer nach dem Evangelium Jesu leben will, darf nicht weltfremd sein.
Aber soweit ich sehe, muss man das heutzutage hierzulande auch nicht mehr allzu sehr betonen. Die Weltverantwortung des Christen ist unumstritten.

„Als Jesus in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung“, heißt es im Matthäusevangelium. Ob Matthäus dabei etwas übertrieben hat, weiß ich nicht. Historiker sagen immerhin, dass es damals eine geradezu fiebrige Erwartung des Messias gab. Eines gab es damals jedenfalls nicht: Menschen, die keinen Bezug zur Religion hatten. Gewiss gab es die so genannten Heiden. Und das war die große Mehrheit. Aber das waren ja keine areligiösen Menschen. Sie glaubten nicht an den einen Gott. Sie glaubten an viele Götter. Sie hatten eine andere Religion als die Juden und später die Christen. Aber sie hatten eine Religion. Und sie waren an allem Religiösen interessiert. Der Einzug eines potentiellen Messias in Jerusalem konnte schon die Stadt in Aufregung versetzen.

Die Feier des Palmsonntags und die Feier der Karwoche erregt heutzutage keine allgemeine Aufmerksamkeit. Die Menge, die Mehrheit der Menschen heutzutage hierzulande nimmt die Karwoche nicht in ihrer ursprünglichen Bedeutung wahr. Ich möchte dennoch versuchen, von Karfreitag und Ostern her mein Leben und die Geschehnisse in der Welt zu deuten. Die unzähligen Leidenswege, die Menschen überall auf der Welt gehen müssen, kann ich in den Zusammenhang mit dem Leidensweg Jesu bringen. Alles Sterben in den Zusammenhang mit dem Karfreitag. Dem Tod Jesu am Kreuz wohnt in meiner Vorstellung eine Urgewalt inne. Er ist für mich wie ein schwarzes Loch, das mit unbändiger Energie den Tod aller Menschen aller Zeiten, alles Leid und alle Schuld der Menschheit in sich hineinzieht. „Verschlungen ist der Tod im Sieg“, heißt es bei Paulus (1Kor 15,55). Verschlungen und in unsterbliches, ewiges Leben verwandelt.  

Die ältesten künstlerischen Darstellungen des Gekreuzigten zeigen ihn nicht als den Sterbenden, sondern als den Sieger. Christus hängt nicht am Kreuz, er steht am Kreuz, die Arme ausgebreitet, als wolle er rufen: „Seid umschlungen Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt“ (Ode an die Freude, F. Schiller). Dieser Christus trägt keine Dornenkrone, sondern ist königlich gekrönt. Das Kreuz besteht nicht aus Holzbalken, sondern leuchtet farbenfroh und ist oft mit Edelsteinen geschmückt. Es ist der österliche Christus, der am Kreuz steht.
Wer Palmsonntag feiert, ist unterwegs nach Ostern. Und dorthin führt der Kreuzweg. Es gibt keinen anderen Weg nach Ostern als den, der über den Hügel Golgota führt. Aber dieser Hügel ist eben nicht Endstation. Endstation, oder besser gesagt, der Gipfel der Verklärung, ist Ostern, ist die Auferstehung. Die Menschen, die Jesus am Palmsonntag zujubelten, ahnten nicht, welch unendlich tiefer Grund ihrem Jubel innewohnte. Der da auf einer Eselin durch Jerusalem ritt, war nicht am Ende seines Weges. Er war am Anfang.
Ich lese in diesen Tagen, und besonders am Palmsonntag gern Verse, die Manfred Hausmann einmal geschrieben hat:

Wer des Lichts begehrt,
muss ins Dunkel gehen.
Was das Grauen mehrt,
lässt das Heil erstehn.

Wo kein Sinn mehr misst,
waltet erst der Sinn.
Wo kein Weg mehr ist,
ist des Wegs Beginn.   

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