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Mitgehen
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Mitgehen

Anke Jarzina
Ein Beitrag von

Anke Jarzina,

Katholische Pastoralreferentin in der Pfarrei St. Peter und Paul Rheingau, Eltville

Vor ein paar Tagen ist schon wieder jemand, den ich kannte, an Krebs gestorben. Eine Frau Ende 50. Bis zum Schluss hat sie tapfer gekämpft und versucht, den Krebs zu besiegen. Aber: es war ein Kampf, den sie nicht gewinnen konnte. Ein Weg, von dem alle wussten: Wahrscheinlich wird er kein gutes Ende nehmen. Wahrscheinlich wird sie am Ende sterben. Trotzdem hat sie versucht, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Ich muss sagen: ich bewundere diese Frau. Für ihren Optimismus, für ihre Stärke, ihre Zuversicht. Ich wünschte, ich hätte ihr das mal gesagt. Jetzt ist sie tot. Die Chance hab ich verpasst. Ich war mit ihr ja nur weitläufig bekannt und hab meistens von anderen erfahren, wie es ihr gerade geht. Ich hab sie nicht besucht, wollte mich nicht aufdrängen. Und ganz ehrlich: ich hatte wohl auch Angst. Angst davor, mit ihrem Leiden konfrontiert zu werden, ihrer Verzweiflung angesichts des nahen Todes – und auch Angst davor, damit dann nicht umgehen zu können. Ich weiß: sie hatte Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter, sie war nicht alleine. Ihre Familie hat sich bis zuletzt um sie gekümmert, auch in den letzten Wochen, als sie schon im Hospiz war. Die hatten diese Scheu nicht. Sie haben ihre Mutter, Oma, Schwiegermutter, Tante begleitet beim Leiden und Sterben, sind mit ihr mitgegangen.

Ich hab das noch nie so intensiv getan oder tun müssen. Wenn Menschen in meinem Umfeld sterben mussten, dann waren sie meistens „weiter weg“. Das heißt: es gab immer jemanden, der sich um sie gekümmert, mit ihnen mitgegangen ist. Viel besser, als ich das hätte tun können, denke ich mir. Aber es braucht ja nicht nur das ganz intensive Kümmern und die medizinische Begleitung: Ich glaube, es geht einfach darum, dass Menschen da sind für denjenigen, der aufs Sterben zugeht, vielleicht auch nur mit kurzen Besuchen und einfachen Gesten, die zeigen: „Hallo, ich hab dich nicht vergessen, bloß weil du bald sterben wirst.“

Mitgehen auch durch schwere Stunden, durch Leid und Tod, das ist gar nicht so einfach. Einen Krankenbesuch machen, das fand ich früher relativ leicht: Mal vorbeischauen, Kekse mitbringen, ein bisschen Smalltalk machen. Aber wenn es zu jemandem geht, der wirklich todkrank ist, dann fühlt sich das auf einmal ganz anders an: Dann funktioniert das oberflächliche Schwätzchen vielleicht nicht mehr, und die Mitbringsel wie Blumen oder Zeitschriften erscheinen mir plötzlich überflüssig und ohne Bedeutung. Das ganze Leben kommt mir irgendwie bedeutsamer, gewichtiger vor, wenn ich weiß: es ist bald vorbei.

Das ist nicht leicht zu ertragen. Aber ich stelle mir vor: Gerade deshalb könnte es auch gut für mich sein, die letzten Wochen, Tage, Stunden im Leben eines Menschen mitzugehen, ihn zu begleiten. Denn: Belanglosigkeiten erkenne ich auf einmal als wirklich belanglos, Oberflächlichkeiten kann ich mir sparen. Möglicherweise reden wir stattdessen über Wesentliches, zum Beispiel über die Fragen: Was war und was ist dir wichtig im Leben? Was würdest du anders machen, wenn du nochmal leben könntest?

Leben und Tod sind nun mal untrennbar miteinander verbunden. Und das Leben gewinnt im Angesicht des Todes an Bedeutung. In der Bibel heißt es: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ (Psalm 90,12).

Das ist auch ein Aspekt des Festes, das die Christen heute feiern, nämlich des Palmsonntags. Dabei wird an den Einzug Jesu in Jerusalem gedacht (vgl. Mt, 21,7-11). Viele Menschen feierten Jesus damals als den neuen König, der endlich den Frieden bringen sollte. Als er auf einem Esel nach Jerusalem hineingeritten kam, haben sie ihm deswegen begeistert zugejubelt.

Heute denken Gläubige auf der ganzen Welt an dieses Ereignis. Oft treffen sie sich vor der Kirche zur Segnung ihrer Palm- oder Buchsbaumzweige, dann ziehen sie in einer fröhlichen Palmprozession in die Kirche. In der Messe gibt es dann den „cut“: Der Priester verkündet dann zum ersten Mal in dieser besonderen Woche vor Ostern die Botschaft vom nahenden Leiden und Sterben Jesu. Ich finde: das verdirbt schon ein bisschen die Stimmung. Eben noch freuen wir uns, dass Jesus endlich kommt – und dann denken wir auch schon wieder daran, dass er bald stirbt.

Warum tun sich Christen das an? Ein Grund ist vielleicht dieser: Es geht ans Eingemachte, es geht um Leben und Tod. Bei den vielen oberflächlichen und belanglosen Themen, die unseren Alltag heute oft bestimmen, kann das meinen Blick wieder mal aufs Wesentliche lenken. Aber noch wichtiger scheint mir: Wenn ich daran glauben kann, dass Jesus Gottes Sohn war und dass selbst der gelitten hat und sterben musste, dann kann mir das helfen. Wenn es mir nämlich mal dreckig geht, ich verraten und verlassen werde, an irgendetwas schrecklich leiden muss oder ich sogar den Tod vor Augen habe: dann weiß ich: Jesus musste das auch durchmachen. Ich bin nicht allein, ich hab jemanden, der solidarisch mit mir ist, der mitleidet, der auch die schweren Wege mitgeht. Und dieser jemand ist niemand geringerer als Gott selbst.

Der Glaube daran, dass ich auch in Krankheit, Sterben und Tod nicht alleine sein werde, tut mir unheimlich gut. Aber ich kenne auch Zweifel: Was ist, wenn ich plötzlich nicht mehr glauben kann? Wenn ich so verzweifelt oder so voller Angst oder einfach nur enttäuscht bin, dass ich Gottes Solidarität nicht mehr spüren kann?

Ich hoffe, dass mir Gott gerade in dieser schweren Situation nahe kommt, dass er sich irgendwie bemerkbar macht. Vielleicht auch gerade durch Menschen, die mitgehen und mitleiden. Die mir helfen, die schweren Seiten meines Lebens mitzutragen. Mein Kreuz sozusagen. Ich wünsche mir, dass sie keine Angst vor meiner Angst haben oder vor meinen Fragen, auch wenn es da ans Eingemachte geht.

Ja, ich weiß: das ist eine ganz schön hohe Erwartung. Aber vielleicht gibt es ja auch schon jetzt ab und zu mal die Gelegenheit, das einzuüben. Weg von der oberflächlichen, belanglosen Plauderei zum Beispiel, hin zu dem, was wirklich wichtig ist: Was macht dich glücklich? Welchen Traum würdest du gerne verwirklichen? Was macht dich unglücklich? Woran glaubst du, worauf hoffst du? Wie würdest du gerne sterben?

Mit der krebskranken Frau aus meinem Bekanntenkreis oder anderen Sterbenden habe ich mich nicht über diese Fragen unterhalten. Das hab ich verpasst. Aber ich muss ja auch nicht warten, bis der Tod an die Tür klopft: Ich kann mich doch auch schon jetzt mit meiner Familie und meinen Freunden darüber austauschen. Nach dem Smalltalk und dem Spaß, der natürlich auch seinen Platz haben darf, könnte ich mal einfach ans Eingemachte gehen, vielleicht gerade jetzt in der Karwoche. Dann spüre ich auf einmal: Wir sind zusammen unterwegs! Und zwar nicht nur in Richtung Grab, sondern einfach im Hier und Jetzt, auf dem Weg durchs Leben. Wir gehen mit, einer mit dem anderen. Und ich begreife: Das Leben ist bedeutsam – und wirklich schön.

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