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Zwei auf dem Weg ins Vergessen
Ales Kartal/Pixabay

Zwei auf dem Weg ins Vergessen

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Um sechs Uhr morgens sind sie da. Zwei auf dem Weg ins Vergessen. Dick angezogen; lange schon wach. Weil sie früh zu Bett gehen. Was sollen sie auch tun im Männerheim. Sie wachen auf, so gegen vier Uhr. Waschen sich, sehen sich. Erkennen vielleicht, dass sie ganz unten sind. Keine Wohnung, keine Arbeit. Sie ziehen sich an. Und machen sich auf den Weg zum Supermarkt. Der öffnet um sechs Uhr. Dann sind sie da. Zwei auf dem Weg ins Vergessen. Ins Vergessen ihrer Lage.

Eine Flasche Korn, um zu vergessen

Das Geld reicht für eine Flasche. Kein guter Korn, dafür billig. Einer kauft, der andere wartet. Dann geht‘s los. Die Flasche wandert hin und her. Sie wollen nicht nüchtern sein. Wer mag sich schon sehen, wenn er unten ist. Und kaum mehr hochkommen wird. Wie auch - ohne Arbeit und Wohnung, dafür Schulden. Der Teufelskreis. Ihre Hilfe heißt: nicht nüchtern bleiben. Sich selber nicht sehen. Nicht sehen müssen, was ist. Das kann man verstehen, oder? Wer trinkt schon, weil er gerne trinkt. Man trinkt auch, um zu vergessen. Die eigene Aussichtslosigkeit. Wer will die denn sehen, jeden Tag. Ab vier Uhr morgens. Dann lieber um sechs das bisschen Geld ausgeben. Um zu vergessen. Sich und die Welt.

Jemand erinnert sich an die Vergessenen

Eine Frau kommt aus dem Markt; als schickte sie der Himmel. Sie geht zu den beiden, greift in ihre Tasche und gibt jedem ein Brötchen. Mit Salami. Die Zwei staunen nicht schlecht. Erheben zum Dank ihre Flasche. Jemand erinnert sich an sie. Also gibt es den Himmel. Der sorgt für Vergessene. Manchmal sogar mit Salami.

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