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Tränen im Flugzeug
Bildquelle Pixabay

Tränen im Flugzeug

Christoph Wildfang
Ein Beitrag von

Christoph Wildfang,

Evangelischer Pfarrer, Arnoldshain

Im Flieger sitze ich in einer Dreierreihe in der Mitte. Nicht so toll. Irgendwie stoße ich immer mit den Armen oder den Oberschenkeln an die beiden anderen Menschen neben mir. Ich lächele verlegen. Sie auch. Ich konzentriere mich auf den Film auf dem Bildschirm in der Lehne vor mir. Passe auf, dass ich nun keinen mehr anstoße. Und doch wenigstens ein Stückchen Armlehne rechts erobere. Mir graut schon vor dem Essen. Wie krieg ich da überhaupt die Gabel zum Mund? Ich schaue den Kinofilm. So vergeht die Zeit im Flugzeug schneller. Ist ja schließlich mein Urlaub.

Teuer genug der Flug. Jetzt möchte ich mich entspannen. Ich tauche gedanklich in meinen Film ein. Vielleicht schlafe ich zwischendurch auch mal kurz ein. Ich merke, dass es neben mir wackelt. Ich schaue nach rechts. Mein Sitznachbar weint. Sein Körper zuckt und Tränen kullern. Betreten schaue ich zurück auf meinen Bildschirm. Vielleicht will er nicht, dass ich ihn so sehe. Worüber weint er? Ich kann nicht einfach so dasitzen, wenn jemand weint, ich schaue hin und unsere Blicke treffen sich. Er weint wie ein Kind. So richtig doll. Ich nehme meinen Kopfhörer ab. Als Geste, dass wir reden könnten.

Er tut das auch. „Ich muss so heulen. Wegen des Films. Sie ist gestorben.“ Er deutet auf den Bildschirm. Eine Figur in seinem Film ist tot. Ich sehe ohne Ton eine Beerdigungsszene mit vielen Menschen in schwarz. „Ich muss dann immer heulen. Es tut mir gut. Wenn ich auch mal weinen kann. Sonst muss ich immer stark sein. Und kontrolliert. Aber hier im Flieger. Keiner kennt einen …“ Ich nicke vorsichtig. Mein Sitznachbar steht zu seinen Tränen. Er wischt sie nicht weg.

Nach ein paar Momenten atmet er ruhiger. Wir beide setzen wieder unsere Kopfhörer auf. Ja, es tut gut, weinen zu können. Gefühle rauszulassen. Mal heulen zu können wie ein Kind.

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