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Nachgetragene Liebe
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Nachgetragene Liebe

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Ich habe kein Grab zu versorgen. Immer zu Totensonntag sage ich mir: Du hast kein Grab zu versorgen. Und kriege einen Schrecken. Viele sorgen sich um Gräber, haben sie in den vergangen Wochen winterfest gemacht und schauen heute auf dem Friedhof vorbei, ob alles noch recht ist. Ich tue das nicht. Ich habe kein Grab, um das ich mich kümmern muss. Seltsam, wenn man so alt geworden ist. Tanten, Onkel und Eltern sind gestorben. Um ihre Gräber haben sich andere gekümmert. Ich wüsste gar nicht genau, wie das geht. Habe es nie gelernt. Schon vor 50 Jahren kümmerten sich andere, weil das Grab der Oma so weit weg war. Bei  Mutter und Vater ebenso. Mir fehlt etwas, sagt mir mein Schreck. Mir fehlt die Sorge um ein Grab, um ein Stück Leben.
Gräber gehören zum Leben. Wie ein Zuhause außer Haus. Man kann sich um sie sorgen, macht das Laub weg und pflanzt etwas Lebendiges. Im Winter schützt man die Pflanzen mit ein paar Zweigen. Stell‘ ich mir vor. Ich mache es ja nicht. Sehe aber Menschen, die sich viel Mühe geben an einem Grab. Stellen Blümchen hin oder gießen, waschen den Stein ab oder zupfen Unkraut. Was man so macht. So kleine Liebe eben.
Sie fehlt mir, die nachgetragene Liebe. Ich stehe nicht am Grab und spreche mit Oma oder Mutter. Andere mit ihrem Kind. Die Toten sind mir lieb, ich bewege aber meine Hände nicht an ihrem letzten Ort. An Tote denke ich, kann aber nichts für sie tun. Täte ich gerne. Wie Sie, wenn Sie heute zum Friedhof gehen, ein Grab anschauen, dieses Zuhause außer Haus. Und da vielleicht die Hände falten. So kleine Liebe eben. Die nicht nur im Herzen ist, sondern auch in Ihren Händen. Sie tragen ein bisschen Liebe hinterher als winterfestes Pflänzchen. Aus Sorge vielleicht, ob Sie im Leben genug davon gegeben haben. Dabei kann Liebe ja doch nie genug sein. Wenn Sie am Grab stehen, denken oder flüstern, holen Sie den Toten wieder zu sich. Und sind denen ganz nahe, die Gott aus dieser Welt genommen hat. Zu sich genommen hat in seine Welt. Sie sind ja nicht weg, die Toten. Sind nur in ihrer Welt. Dahin tragen wir, was wir noch geben können. Blümchen oder Gebete. So kleine Liebe eben.

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