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Macht und Stärke als Tattoo
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Macht und Stärke als Tattoo

Dr. Matthias Viertel
Ein Beitrag von

Dr. Matthias Viertel,

Evangelischer Pfarrer, Kassel
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In meiner früheren Gemeinde hatte ich einen festen Nachmittag in der Woche, an dem ich in der Kirche saß und für alle zu sprechen war. Zur Einladung hatte ich ein Plakat an der Kirchentür befestigt mit dem Hinweis: Wo Kirche draufsteht, ist auch Pfarrer drin!

Ein junger Mann kommt in die offene Kirche

An einem Nachmittag im November, es war schon ein wenig dunkler geworden, stand plötzlich ein junger Mann vor mir. Etwas Respekt einflößend wirkte er. Groß und breit, die kräftigen Armen mit einigen Tätowierungen versehen. Und doch wirkte er etwas eingeschüchtert in dem großen Kirchenraum.

Können Sie Latein übersetzen?

Schließlich sprach er mich an und sagt, ich sei doch Pfarrer und da könnte ich bestimmt lateinisch sprechen. Verblüfft fragte ich nach: Warum das denn für ihn wichtig sei? Der junge Mann zog einen kleinen Zettel aus der Hosentasche und reichte ihn mir.

Geheimnisvolle Worte

Darauf standen die sorgfältig mit Bleistift gemalten Worte „Potestas et fortitudo“. Er wollte wissen, was das bedeutet. Denn einem Studio für Tätowierungen hatte er sich den Schriftzug aus einem Katalog ausgewählt, um damit seinen Unterarm zu schmücken. Die lateinischen Worte fand er gewichtig und irgendwie geheimnisvoll. Allerdings traute er dem Tätowierer nicht so richtig. Er wollte sicher gehen, dass es stimmt, was der ihm gesagt hatte.

Potestas et fortitudo heißt Macht und Stärke

Ich konnte ihn beruhigen: Macht und Stärke bedeuten die lateinischen Worte, und genau das hatte er sich auch gewünscht. Aber da wir nun schon mal im Gespräch waren habe ich ihm gesagt, dass ich persönlich Macht und Stärke nicht so wichtig finde, dass ich es mir in die Haut schreiben wollte. Außerdem denke ich als Pfarrer eher an die Kraft des Glaubens.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig

Schließlich sprachen wir über die Worte Macht und Stärke in der Bibel. Nach einigem Blättern fand ich die Stelle im 2. Brief an die Korinther (2. Korinther 12,9), die mir wichtig ist. Da steht: Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Ich finde es stark, wie hier das gewohnte Denken umgekehrt wird.

Wer stark aussieht, muss es nicht sein - und umgekehrt

Stark sind nicht die angeblich starken Typen. Gottes Kraft ist gerade in den Schwachen mächtig. Gott zeigt sich dadurch stark, dass er auf die Bedürftigen schaut, auf die Schwachen. Und die Schwachen bleiben nicht hilfsbedürftig. Sondern werden durch diese Zuwendung selbst stark.

Liebe ist die größte Macht

Genauso wichtig ist die Art und Weise, wie sich Gottes Macht zeigt: Die Macht, von Gott zeigt sich in der Liebe zum Mitmenschen. Das hat Kraft, das ist stark, das wirkt: Die ansehen, die übersehen werden. Sich denen zuwenden, die etwas brauchen.

Das bleibt mein Geheimnis

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Das ist für mich ein schönes Motto. Ich habe dem jungen Mann angeboten, ihm diese Worte der Bibel  in lateinischen Worten mitzugeben. Aber er hat dankend abgelehnt. So ein ganzer Satz auf dem Arm erschien ihm dann doch zu viel. Außerdem muss ja nicht jeder gleich wissen, woher seine Kraft und Stärke kommt. Das, so sagte er zum Schluss, kann ja auch mein Geheimnis bleiben.

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