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Licht in der Dunkelheit
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Licht in der Dunkelheit

Dr. Dr. h.c. Volker Jung
Ein Beitrag von

Dr. Dr. h.c. Volker Jung,

Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt
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Wir feiern Weihnachten, wenn die Tage am dunkelsten sind – und die Nächte am hellsten. Viele zünden in dieser Zeit gerne Kerzen an und stellen Lichter auf. Sie leuchten gegen die Dunkelheit an. Ganz besonders natürlich die Lichter am Weihnachtsbaum. Sie legen über diese Tage eine ganz besondere Stimmung. Ich mag diese Zeit sehr. Das hat sicher mit den wunderbaren Weihnachtsfesten der Kindheit zu tun. Unvergesslich die Spannung vor dem Fest und dann der Heilige Abend. Bei uns zuhause war das Weihnachtszimmer am Heiligen Abend zunächst verschlossen. Dann läutete ein Glöckchen. Die Tür öffnete sich. Und im dunklen Zimmer erstrahlte der Weihnachtsbaum im Glanz seiner Lichter.

Auch heute noch hat Weihnachten für mich diesen geheimnisvollen Zauber, wirken die Lichter in der Dunkelheit. Dieser Zauber hat sich inzwischen mit vielen Erfahrungen verbunden. Unvergesslich die Weihnachtsfeste mit unseren Kindern, als sie klein waren. Unvergesslich das erste Weihnachtsfest in meiner ersten Pfarrstelle – in zwei kleinen Dörfern im Vogelsberg. Damals sogar mit Schnee. Und irgendwie gehört auch zu den Weihnachtsfesten immer die Erinnerung an diejenigen, die nicht mehr dabei sind – schon lange die eigenen Großeltern, seit wenigen Jahren auch mein Vater und die Mutter meiner Frau. In diesem Jahr freuen wir uns über das erste Weihnachtsfest mit unserem ersten Enkelkind.

Die Weihnachtszeit ist für mich eine besondere Zeit. Eine Zeit, in der ich oftmals bewusster lebe und auch – so denke ich manchmal – mein Glaube irgendwie tiefer geht. Ich mag diese Zeit, gerade weil in ihr Dunkelheit und Licht auf intensive Weise beieinander sind.

Die Dunkelheit macht Angst. Zunächst ganz praktisch: Man sieht nicht viel da draußen, wenn es dunkel ist. Deshalb ist die Dunkelheit auch ein Symbol für tiefergehende Ängste. Niemand tappt gerne im Dunkeln, lieber möchte man die Dinge erhellen. Niemand sieht gerne Schwarz, lieber erkennt man Licht am Ende des Tunnels und hat wenigstens einen Hoffnungsschimmer vor Augen. Wenn etwas finster aussieht, dann steht es darum schlecht. Von geistiger Umnachtung spricht die deutsche Sprache, wenn sich jemand ganz vom Leben abgewandt hat. Diese Sprachbilder über Dunkel und Hell machen deutlich: in einer ganz tiefen Weise steht die Dunkelheit für das Bedrohliche und den Tod. Licht steht dagegen für die Hoffnung und das Leben.

An Weihnachten spüre ich mehr als sonst, wie dunkel es in dieser Welt werden kann - im Leben anderer Menschen und auch in meinem eigenen Leben. Und ich spüre mehr als sonst die Kraft des Lichtes. Manchmal sitze ich einfach da und schaue nur in das Licht der Kerzen hinein. Immer wieder einmal fällt mir dabei ein Satz das Evangelisten Johannes ein: „Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat´s nicht ergriffen.“ Kann das Licht die Finsternis vertreiben? Offenbar nicht so ganz. Die Finsternis bleibt. Das Licht aber auch. Mir scheint sogar: je stärker das eine, desto stärker wirkt auch das andere. Wir leben in Licht und Finsternis.

Ich schaue in die Kerze und meine Gedanken sind bei denen, die eher mit der Finsternis zu kämpfen haben. Viele Menschen bangen um ihre Existenz, um ihre Gesundheit, um ihr Leben, um ihre Hoffnung. Viele Menschen leben im Krieg, sind auf der Flucht.

In diesem Jahr denke ich besonders oft an Menschen, die ihre Kindheit in einem Heim verbracht haben. Einige von ihnen habe ich in diesem Jahr getroffen und sie haben mir erzählt wie das war, als Kind in den 1950er, 60er und 70er Jahren in einem Heim leben zu müssen. Viele haben dort Schreckliches erlebt. Und zwar in staatlichen wie auch in kirchlichen Heimen. Nicht alle waren schlecht. Manche ehemalige Heimkinder erzählten auch von Menschen, die in guter Weise für sie da waren. Aber es gab eben auch andere Betreuerinnen und Betreuer, die ihre Macht ausgenutzt und missbraucht haben. Mit grauenhaften Erziehungsmethoden haben sie die Kinder gedemütigt – etwa indem die Kinder mit ihren Zahnbürsten den Fußboden putzen mussten. Oder sie mussten ihren Mund mit Seifenwasser auswaschen. Und immer wieder Gewalt – auch sexuelle Gewalt. Die Kinder waren all dem schutzlos ausgeliefert, niemand half ihnen. Deutlich konnte ich spüren, wie diese Menschen, die heute erwachsen sind, ihr ganzes Leben lang darum ringen, Halt zu finden und jemandem vertrauen zu können. Ich bin traurig darüber, wie dunkel für manche Menschen die Kindheit und das weitere Leben sein können, wenn das Licht die Finsternis einfach nicht durchdringt. Oder, wie es Johannes schreibt, wenn das Licht zwar in die Finsternis scheint, aber die Finsternis es nicht ergreift.

Zu denen, die mit der Finsternis ringen, gehört auch ein Freund, der mit einer schweren Krankheit kämpft. Im letzten Jahr hat er mir diese Sätze geschrieben: „Vielleicht war dies mein letztes Weihnachtsfest. Ich spüre viel Dunkelheit in mir und um mich herum. Aber trotzdem, oder besser: weil ich das so erlebe, ist mir die Weihnachtsbotschaft noch viel näher gekommen als sonst. Immer wieder habe ich auf das Kind in der Krippe geschaut. Geboren in der Dunkelheit der Nacht. So klein. So verletzlich. Und ganz fest sind mit dem Kind in der Krippe die Worte der Engel verbunden: Fürchtet euch nicht!“ Die Worte meines Freundes haben mich sehr berührt. Ich spüre, wie er mit der Finsternis ringt und dass er zugleich eine Kraft erfährt, die von dem Licht der Weihnachtsgeschichte ausgeht.

Die Geschichte von der Geburt des Jesus von Nazareth ist ja wirklich hineingeschrieben in die Dunkelheit der Welt. Damals regiert ein mächtiger Kaiser die Welt. Er selbst versteht sich als Friedenskaiser. Aber es ist auch klar, wie er den Frieden sichern will - mit seiner Macht, seinen Truppen, mit seiner Gewalt. Gibt er einen Befehl, haben die Menschen bis in den hintersten Winkel seines Reiches zu folgen. Ein solcher Befehl steht am Anfang der Weihnachtsgeschichte. Alle Untertanen sollen gezählt werden, damit der Kaiser besser Steuern erheben kann. Bewusst stellt der Evangelist Lukas die Geschichte von der Geburt Jesu in diesen großen Zusammenhang. Er erinnert damit an das Schicksal und die Not der kleinen Leute. Zu ihnen zählen Maria und Josef. Auch sie müssen sich auf den Weg in ihre Heimatstadt machen – zu einer gänzlich unpassenden Zeit, denn Maria ist hochschwanger. Weil so viele andere auch unterwegs sind, finden die beiden keinen Raum in einer Herberge. So kommt ihr Kind dort zur Welt, wo es nicht einmal ein Bett für sie gibt: in einem Stall bei Bethlehem. Es ist kein passender, aber ein besonderer Ort für eine besondere Geburt. Es ist ja auch ein besonderes Kind. Die ersten, die das erfahren, sind Hirten. Während sie draußen auf dem Feld lagern, wird die dunkle Nacht plötzlich hell erleuchtet. Die Bibel sagt, dass die Hirten die Klarheit Gottes sehen. Dazu erscheinen Engel und sagen: „Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren!“ Das wollen die Hirten mit ihren eigenen Augen sehen. Sie machen sie sich auf den Weg nach Bethlehem. Dort sehen sie ihn, den Heiland, ein Licht für diese Welt, mit ihren eigenen Augen: das neugeborene Kind in der Krippe.

Die Geschichte von der Geburt Jesu ereignet sich in der Dunkelheit der Nacht. Das ist kein Zufall, denn viele Menschen ringen mit der Dunkelheit, nicht nur damals, sondern auch heute. Gerade ihnen sendet Gott sein Licht. Die Botschaft der Engel macht nicht nur damals den Hirten Mut, sondern allen Menschen bis heute. Immer noch scheint das große Licht, das in dem Jesuskind die Welt berührt.

Das Leben Jesu wird ein besonderes Leben sein. Das lässt bereits die Geburtsgeschichte erkennen. Sie erzählt, wie Gottes Sohn in die Welt kommt. Von Geburt an und bis über seinen Tod hinaus trägt Jesus Gottes Botschaft in die Welt. Alle sollen wissen: Gottes Liebe gilt allen Menschen. Jesus bringt die Botschaft von einem Frieden, den Gott schenkt, der aus den Herzen der Menschen kommt. Frieden, wirklichen Frieden, erreicht man nicht durch Gewalt. Frieden entsteht, wenn Menschen sich respektieren, wenn Menschen sich als Menschen begegnen. Frieden kommt von Himmel und aus den Herzen.

Das klingt so einfach und so unwiderstehlich. Doch nicht alle leiden unter der Dunkelheit. Manche suchen sie direkt und wollen oder können sie nicht aufgeben. Zu tief ist ihre Finsternis, zu fremd ist ihnen das Licht, das Jesus bringt. Dem Frieden trauen sie nicht. Gottes Liebe überfordert sie. Sie fürchten um alles, was sie bislang im Dunkeln so gut machen konnten. Deshalb scheuen viele das Licht. Im Dunkeln ist gut munkeln. So sagt es das Sprichwort.

Das bekommt Jesus zu spüren. Von Anfang an. Aus Holz geschnitzt sind die Krippe, in der das Jesuskind nach der Geburt gelegt wird, und Kreuz, an das Jesus am Ende seines Lebens geschlagen wird. Gott sendet sein Licht in die Welt, aber die in der Finsternis erkennen es nicht. Sie ergreifen es nicht, viele wollen es sogar auslöschen.

Diese Erfahrung fasst der Evangelist Johannes zusammen, indem er schreibt: „Das Licht scheint in der Finsternis, aber die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“ Dieser Satz ist allerdings nicht der bittere Schlusssatz des Johannes, sondern damit beginnt er sein Evangelium. Er erzählt die Geschichte des Jesus von Nazareth, um sie dieser Erfahrung entgegenzustellen. Seine Botschaft lautet: Die Dunkelheit wird nicht siegen, auch nicht die Nacht des Todes. Jesus Christus ist das Licht der Welt. Und dieses Licht leuchtet immerzu – in alle Ewigkeit.

Daran erinnert die Weihnachtszeit mit ihren Lichtern. Wenn ich in die Kerzen schaue, spüre ich etwas von der Kraft des Lichts inmitten der Dunkelheit. Diese Lichterkraft ist für mich gefüllt mit der Weihnachtsbotschaft. Dazu gehören die Engel mit ihrem „Fürchtet euch nicht.“ Dazu gehört für mich, wie Jesus Frieden verkündigt und lebt. Dazu gehört, dass Gott in Jesus seine Liebe zeigt.

„Das Licht scheint in der Finsternis, aber die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“ Mit diesem Satz fordert der Evangelist Johannes alle heraus, die ihn hören oder lesen. Damit fragt er indirekt: Bleibt es dabei, dass die Finsternis ihre Chance verpasst und das Licht nicht ergreift? Oder geschieht etwas Neues? Die Frage stellt sich ganz persönlich. Versinke ich in Trübsal angesichts der vielen Dunkelheiten in dieser Welt? Werde ich zynisch, bitter oder einfach nur verzweifelt?

Oder orientiere ich mich an dem Licht, mit dem Gott die Welt mit Leben erfüllt? Genau das will der Evangelist Johannes natürlich erreichen: Dass Menschen das Licht sehen, das mit der Geburt Jesu aufgeleuchtet ist. Und dass sie es ergreifen. Johannes geht sogar noch einen Schritt weiter: Menschen sollen sogar selbst zum Licht werden. An anderer Stelle schreibt er: „Glaubt an das Licht, solange ihr´s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet.“ Darum geht es im Glauben: ein „Kind des Lichtes“ zu werden. Und zwar nicht nur an Weihnachten, sondern immer, im Leben und im Sterben. Aber: wie geht das?

Einige Lichtblicke will ich nennen. In dunklen Stunden tut es gut, nicht allein zu sein, sondern gut begleitet zu werden. Das gilt insbesondere für die letzten Tage des Lebens. Das haben viele wiederentdeckt. In den vergangenen zwanzig Jahren wurden an vielen Orten Hospize aufgebaut. Dort werden sterbende Menschen nicht nur medizinisch gepflegt, sondern auch umfassend begleitet. Je nachdem, wie sie es selbst wünschen, ist jemand an ihrer Seite. Menschen, die hier helfen, sind für mich „Kinder des Lichts“, denn sie füllen die dunklen Stunden mit Leben. Und immer wieder höre ich, wie intensiv und wie lichtvoll dadurch auch noch die letzten Tage und Stunden sein können.

„Kinder des Lichts“ - das sind für mich auch die, die geflüchteten Menschen helfen, hier in unserem Land Fuß zu fassen. Ein junger Mann aus Afghanistan erzählt, wie dankbar er der Familie ist, die ihn nicht nur eine Zeit lang bei sich aufgenommen hat. Sie hat ihm auch geholfen, die Schule abzuschließen und einen Ausbildungsplatz zu finden. Über das viele Dunkle in seinem Leben, den gewaltsamen Tod eines Bruders, das Schicksal seiner Eltern, mag er gar nicht viel reden. Und wie er da redet, mit feuchten, aber leuchtenden Augen, da geht selbst Licht von ihm aus.

Aber sind Menschen nur in Ausnahme- und Grenzsituationen „Kinder des Lichtes“? Nein – sie sind es auch im Alltag, wenn Kinder für ihre alten Eltern da sind und sich um sie kümmern. „Kinder des Lichtes“ sind auch die, die als Mütter und Väter für ihre Kinder da sind. Wenn sie ihnen Sicherheit und Rückhalt geben, wenn sie ihre Kinder stark machen durch ihre Liebe. „Kinder des Lichts“ sind für mich alle Menschen, die mit Zuversicht leben. Menschen, die die Gegenwart und Zukunft nicht schwarz und düster malen. Die sich nicht dunklen Phantasien des Untergangs hingeben. Es sind Menschen, die Bilder der Hoffnung in sich tragen. Solche Menschen sind nicht unkritisch. Sie sehen und erkennen sehr wohl, was nicht gut läuft. Sie kennen sehr wohl auch die menschlichen Abgründe. So wie Jesus, der sich selbst auch nicht gescheut hat, Unrecht und Schuld beim Namen zu nennen. „Kinder des Lichts“ sehen genau, was das Leben dunkel macht. Aber sie leuchten dagegen an, indem sie für das eintreten, was dem Leben dient.

Man kann auf verschiedene Weise ein Kind des Lichts sein. Und man muss dabei auch nicht gleich leuchten und glänzen wie ein Weihnachtsbaum. Wenn man zu einem Menschen sagt: Du bist nur ein kleines Licht, dann ist das abschätzig gemeint. Aber dabei kann es manchmal – mitten im Alltag – schon genügen, ein kleines Licht zu sein. Denn eines haben alle gemeinsam, die großen und die kleinen Lichter – davon bin ich überzeugt: In ihnen scheint das Licht auf, das Gott in diese Welt hineingegeben hat.  

An Weihnachten spüre ich mehr als sonst, wie dunkel es in dieser Welt werden kann. Zugleich spüre ich mehr als sonst die Kraft des Lichtes – es leuchtet aus dem Stall in Bethlehem hinaus in die ganze Welt – bis zu uns heute. Wir feiern Weihnachten, wenn die Tage am dunkelsten sind - und wenn die Nächte am hellsten sind.

Das hat für mich wunderschön ein altes Lied zum Klingen gebracht, natürlich ein Weihnachtslied: „Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein neuen Schein. Es leucht wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht.“

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