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Kraftquelle Natur
Bild: Mabel Amber/Pixabay

Kraftquelle Natur

Dr. Willi Temme
Ein Beitrag von

Dr. Willi Temme,

Evangelischer Pfarrer, Martinskirche Kassel
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"Sommer-Gesang" – so hat der Liederdichter Paul Gerhardt das Lied überschrieben, das wahrscheinlich sein bekanntestes ist. "Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit" – so beginnt es.

Und kaum hat man die Worte gesagt, regt sich bei vielen sicher auch der Impuls, sie zu singen. Denn gar zu schön und auch wahrhaftig sommerlich ist die Melodie, die dazu erfunden wurde.

Vielen vertraut - der Sommer-Gesang von Paul Gerhardt

Während es viele Gesangbuchlieder heute schwer haben, bei den Leuten anzukommen – Melodie und Text werden oft als fremd und veraltet empfunden – verhält es sich mit dem Sommergesang von Paul Gerhardt ganz anders. Und das, obwohl der Text immerhin fast 380 Jahre alt ist. Und die bekannte, beschwingte Melodie dazu ist immerhin mehr als 200 Jahre alt. Aber Text und Melodie wirken so frisch wie ein klarer Sommermorgen. Alles kommt da so farbig und lebendig daher. Die Freude, die da besungen wird, springt einfach über.

Musik: EG 503,1-3

An diesem Sommermorgen soll es einmal um Paul Gerhardts Lied "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" gehen. Und ich möchte unseren Blick nicht nur auf die allerbekanntesten Strophen richten, wie etwa die drei ersten, die wir gerade gehört haben, sondern auch auf ein paar andere, weniger bekannte.

15 Strophen lang!

Denn immerhin hat Paul Gerhardts Sommergesang nicht weniger als 15 Strophen. Und in der Mitte des Liedes schlägt der Dichter da Töne an, die uns dann vielleicht doch ein wenig fremd vorkommen – aber weil die geläufige Melodie ja gar zu beschwingt und heiter ist, nimmt man die ernsteren Töne der Dichtung oft gar nicht so wahr. Wir heute Morgen wollen aber darauf einmal genauer schauen.

Eine idyllische Gartenlandschaft - bildlich vor Augen

Aber erst nochmal zum Anfang zurück. Wie uns der Dichter da hineinführt in eine idyllische farbige Gartenlandschaft, das ist ganz wunderbar. Wir sehen alles ganz bildlich vor uns: die üppigen Bäume und die Blumen. Wir hören und sehen die Lerche, wie sie da in hohen Lüften am Sommerhimmel tiriliert, sehen die Tauben wie sie miteinander schnäbeln und hören die Nachtigall, die hochbegabte – wie der Dichter mit einem Schmunzeln sagt -, wie sie mit ihrem Gesang „Berg, Hügel, Tal und Felder“ erfüllt. Und da sehen wir auch Reh und Hirsch friedlich grasen und sehen – wenn wir den Blick wenden – auch die Tiere der bäuerlichen Lebenswelt.

Der Dichter beschreibt eine herrliche, heile Welt

Da ist die Glucke, die ihre Kinderschar ausführt, da summen und brummen die Bienen in den Bäumen, und auf den Wiesen lagern die Schafe, behütet von ihrem guten Hirten. (Nur was der Dichter wohl meint, wenn er vom "Lustgeschrei der Schaf und ihrer Hirten" spricht – das bleibt mir doch ein Rätsel).

Was für eine herrliche, heile Welt wird hier beschrieben. Da trübt keine dunkle Wolke den hellen Sommertag. Alles lebt in Freude, in Harmonie und Frieden.

Schon merkwürdig, dass diese Bilder uns immer noch so sehr ansprechen und berühren, obwohl ja unsere Lebenswelt heute meist ganz anders aussieht.

Heute finden wir unberührte Natur eher selten

Die unberührte Natur – sie ist uns wohl im großen Maßstab abhandengekommen. Und die bäuerliche Viehzucht sieht heute meist ganz anders aus. Wie selten etwa sieht man jetzt noch Kühe unter freiem Himmel weiden. Sonnenlicht und frisches Gras kommt im Leben der meisten Kühe bei uns nur mehr selten vor. Und auch die Mehrzahl unserer Hühner ist immer unseren Augen verborgen und fristet ihr Leben unter bedrückenden Umständen. Ich erspare mir und Ihnen heute Morgen, das Elend unserer industriellen Landwirtschaft hier näher zu beschreiben. Wir wissen sicher alle, wovon die Rede ist.

Gott sei Dank hat ein Umdenken begonnen

Aber Gott sei Dank hat da auch ein Umdenken begonnen. Und es gibt sie auch wieder vermehrt, die schöne Welt der Bauernhöfe mit glücklichen Hühnern, Schafen und Rindern. Und ihr Anblick macht auch so manche Urlauberfamilie glücklich. Besonders Kinder lieben das Leben auf dem Bauernhof. Der weit entfernte Strand von Mallorca kann damit ganz bestimmt nicht konkurrieren. Wieviel interessanter und lebendiger sind da doch der Stall und die Wiese und der grüne Wald ganz in der Nähe.

Musik: EG 503, Strophe 7

Wo kommt das Wort "Gott" im Lied vor?

Sieben stattliche Strophen lang beschreibt der Liederdichter Paul Gerhardt die schöne Natur um ihn herum. Und für ein kirchliches Gesangbuchlied bemerkenswert ist: das Wort "Gott" kommt sieben Strophen lang so gut wie gar nicht vor. Nur ein einziges Mal, ganz am Anfang des Liedes gibt es da so eine Andeutung:

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben.

Das ist der einzige Hinweis darauf, dass hier ein Dichter spricht, dem es vor allem um Gott geht und darum, was Gott für unser Leben bedeutet.

Paul Gerhardt lässt die Natur sprechen

Toll ist das, was Paul Gerhardt hier in seiner großen Kunst gelingt: Er lässt einfach die Natur sprechen und singen. Und er hat keinen Zweifel daran: die Herrlichkeiten der Natur weisen über sich hinaus auf den, der sie erschaffen hat. Narzissus und die Tulipan, Glucke und Täublein, Reh und Hirsch, Honig und Weizen und was da alles sonst noch ist: die ganze Natur applaudiert ihrem Schöpfer. Das macht sie aus sich selbst heraus, und niemand muss es ihr sagen.

Gott kommt durch die Sprache der Natur zu uns

Mag sein, dass auch das ein Grund dafür ist, dass dieses Lied heute noch so gut ankommt. Gott kommt hier durch die Sprache der Natur zu uns. Und diese Sprache verstehen viele Zeitgenossen womöglich besser als die Sprache aus Menschenmund, insbesondere von solchen Menschen, die das Wort "Gott" viel zu oft im Munde führen.

Der Dichter ergreift selbst das Wort

Nichtsdestoweniger aber lässt auch der Pfarrer Paul Gerhardt sich nicht ganz von der Kanzel vertreiben, und endlich, aber erst in der 8. Strophe des Liedes, ergreift er gewissermaßen selber das Wort und sagt:

8. Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.

Paul Gerhardt mischt sich in den Lobgesang des Schöpfers

Der Dichter mischt sich ein in den Lobgesang der Schöpfung. Mit seinen menschlichen Mitteln möchte auch er die Herrlichkeit Gottes und seiner Werke preisen. Aber so richtig geht das offenbar nur mit Singen. Der Kanzelprediger kommt da offenbar doch an seine Grenzen:

Ich singe mit, wenn alles singt, - sagt er.

Ohne Singen geht es offensichtlich nicht

Ohne Singen geht es offensichtlich nicht. Wer als Mensch auf die Schönheiten der Natur (und auf die Herrlichkeit des Lebens überhaupt) antworten will: der braucht dazu offensichtlich Musik. Nur wenn wir selber in Schwingung geraten, nur mit Tönen können wir antworten auf all das Große und Herrliche, das uns da entgegentritt.

Musik: L. van Beethoven, Sinfonie Nr. 6 F-Dur, 1. Satz: Allegro ma non troppo

Ich vermute: Paul Gerhardts Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ wird meistens nur bis zur 8. Strophe gesungen – allenfalls. Meistens sind es wohl nur die Strophen 1-3.

Aber das, was dann nach der 8. Strophe kommt, ist wohl weitgehend unbekannt. Und auch will die bekannte, beschwingte Melodie zu diesen folgenden Strophen gar nicht mehr so recht passen.

Paul Gerhardt predigt und lässt uns in sein Herz schauen

Es ist, als würde jetzt doch der Pfarrer auf der Kanzel stehen. Nun aber nicht nur singenderweise, sondern auch zu seiner Gemeinde predigen. Wobei: mir selber gefällt, wie der Kollege Paul Gerhardt das tut. Er lässt uns nämlich in sein Herz schauen und gibt uns Anteil an seinen Gedanken und Gefühlen. Wir als Zuhörer werden nicht angepredigt sondern eingeladen, uns auf ihn und seine Vorstellungen einzulassen.
Versetzen wir uns einmal in das Jahr 1653 und besuchen wir den Gottesdienst in der gotischen Backsteinkirche in Mittenwalde im Brandenburgischen. Da steht der Pfarrer Gerhardt auf der Kanzel und nimmt uns in seine Gedankenwelt hinein. Fast ein wenig träumerisch klingen seine Worte, wenn er spricht:

9. Ach, denk ich, bist du – Gott – hier so schön
und läßt du’s uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden;
was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden!

10. Welch hohe Lust, welch heller Schein
wird wohl in Christi Garten sein!
Wie muß es da wohl klingen,
da so viel tausend Seraphim
mit unverdroßnem Mund und Stimm
ihr Halleluja singen?

11. O wär ich da! O stünd ich schon,
ach süßer Gott, vor deinem Thron
und trüge meine Palmen:
So wollt ich nach der Engel Weis
erhöhen deines Namens Preis
mit tausend schönen Psalmen.

Der Dichter träumt vom Himmel

Merkwürdig finde ich, wie der Dichter-Pfarrer hier nun plötzlich von dem Himmel träumt. Eben gerade noch gefiel es ihm so sehr gut auf dieser Erde mit all ihren Herrlichkeiten – und nun spricht er mit einem Male von der "armen Erde" und sehnt sich nach einem himmlischen Leben, das dieses irdische an Schönheit noch übersteigen soll. Wie kommt er darauf? Was ist denn da plötzlich passiert?

Zwei Vermutungen dazu

Ich habe dazu zwei Vermutungen.

Zum einen: ich selber habe hin und wieder die Erfahrung gemacht: Wo ich vollkommene Schönheit erlebe, da erfahre ich meine eigene Begrenztheit manchmal bis zur Schmerzgrenze. Das Erleben der Schönheit kann zu einer Grenzerfahrung werden, die über dieses Leben hinausweist.

Der Dichter August von Platen findet für diese Erfahrung einen romantischen Ausdruck und sagt ins Extreme gesteigert:

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
ist dem Tode schon anheim gegeben.

Schönheit versetzt uns in eine andere Welt

Man könnte vielleicht sagen: Das intensive Erleben von Schönheit ist schon nicht mehr von dieser Welt. Wer in Schönheit versunken ist, der hebt ab. Der schwebt in anderen Regionen. In gewissem Sinne könnte man vielleicht auch sagen: Schönheit kann wie eine Droge wirken. Sie sprengt das Erleben unserer Begrenztheit und zieht uns in eine andere Welt.

Und so verstehe ich, warum Paul Gerhardt in der Mitte seines Sommergesangs unbedingt auch von Christi Garten im Himmel reden muss. Die Schönheit hier sehnt sich nach einer Schönheit dort. Und der barocke Dichter-Pfarrer kleidet das in Worte seiner Glaubenswelt.

Die "arme Erde" und "dieses Leibes Joch"

So etwa erkläre ich mir, warum hier plötzlich vom Himmel die Rede ist. Aber es mag auch noch einen anderen Grund geben für die dichterische Reise aus dieser Welt weg in den himmlischen Garten hinein.

Neben dem kurzen Hinweis auf die "arme Erde" in Strophe 9 macht Strophe 12 noch eine weitere Andeutung, wenn sie von "dieses Leibes Joch" spricht:

12. Doch gleichwohl will ich, weil ich noch
hier trage dieses Leibes Joch,
auch nicht gar stille schweigen;
heißt es da.

Während in anderen Gedichten und Liedern der Barockzeit die Bürde und das Elend dieses Lebens breit und plakativ ausgebreitet wird – belässt es Paul Gerhardt in seinem Sommergesang bei diesen beiden schlichten Andeutungen. Da ist die „arme Erde“, und da ist "dieses Leibes Joch".

Ein himmlischer Garten erwartet uns

Die Menschen, die damals den 30-jährigen Krieg miterleben mussten – sie wussten, wovon da die Rede war. Und für viele war es sicherlich ein trostreicher Gedanke, wenn der Pfarrer sagte: nach diesem Leben wartet ein himmlischer Garten auf euch. Dessen Schönheit werdet ihr genießen können. Es wird alles gut.

Musik: W.A: Mozart, Klarinettenkonzert A-Dur, 2. Satz: Adagio

Hier die wunderbare Gartenlandschaft bei uns auf Erden – dort der blühende und singende Garten Christi bei Gott im Himmel – beide Gärten werden in der schon teils zitierten 12. Strophe zusammen gebracht. Und zusätzlich bekommen wir auch noch einen Leitfaden für unser Leben mit auf den Weg.

Hier die ganze Strophe 12:

12. Doch gleichwohl will ich, weil ich noch
hier trage dieses Leibes Joch,
auch nicht gar stille schweigen;
mein Herze soll sich fort und fort
an diesem und an allem Ort
zu deinem Lobe neigen.

Für mich ist diese Strophe ein Schlüssel zum Verständnis des ganzen Liedes. Und ich verstehe sie so:

Das Leben ist nicht leicht

Ja, dieses Leben ist nicht leicht. Vieles ist da schwer zu tragen und schwer zu ertragen. Unsere Erde seufzt, die Natur, die uns umgibt, leidet, und ich selber trage auch mein Joch.

Mich "zu Gottes Lobe neigen"

Jedoch und trotz alledem will ich mich „zu Gottes Lobe neigen“. Denn neben allem Elend gibt es da nach wie vor so viel Schönheit zu entdecken. Im Erleben der Natur und anderer Herrlichkeiten bekomme ich neue Kraft und neuen Mut. Ich verbinde mich mit allem, was lebt, und werde hinein gezogen in das Lob des Schöpfers. Möge es auch heute so sein!

Ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem höchsten klingt,
aus meinem Munde rinnen.

Musik: EG 503, Strophe 8 

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