Freiheit oder Leere?
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Freiheit oder Leere?

Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von

Dr. Peter Kristen,

Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt

Montags, zu Beginn einer Arbeitswoche, denke ich manchmal: Wie das wohl wäre, nicht mehr arbeiten zu müssen, im Ruhestand zu sein und jetzt eben nicht loszufahren? Eine Freundin hat uns gerade geschrieben, wie sich ihr Mann jetzt aus dem Berufsleben zurückgezogen hat. Sie planen große Reisen, Konzerte, genussvolles Essen und die Treffen mit ihren großen Kindern. Ja, das wünsch ich mir auch, in – na sagen wir – zehn Jahren oder fünfzehn.

Ganz so rosarot scheint die Sache mit dem Ruhestand aber nicht zu sein. Das kann auch schiefgehen. Der Journalist Manfred Prosinger schreibt: „Wäre die Rente ein Medikament, würde man sie verbieten, wegen der Nebenwirkungen: Unter Rentnern gibt es mehr Selbstmorde, mehr Depressionen und mehr Alkoholismus. Besonders Männer haben Schwierigkeiten mit dem Ruhestand. Sie verlassen sich oft mehr auf ihren Beruf als viele Frauen und suchen erst als Rentner nach neuen Aufgaben.

So wie bei Loriot im Film „Pappa ante Portas“. „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein“, sagt der frisch gebackene Frührentner und kauft Senf palettenweise, um einen guten Preis zu bekommen. „Das ist mein erster Ruhestand, ich übe noch.“ Könnte es sein, dass sich die große Freiheit als Leere entpuppt, wenn ich all die Leute aus dem Job nicht mehr sehe? Würde das auch meine Partnerschaft belasten, wenn ich dauernd zuhause wäre?

Was würde ich machen nach den „Flitterwochen des Ruhestands“, wenn ich regelmäßig ausgeschlafen habe, die große Reise gemacht ist und der Garten zum Park gepflegt? Wer gibt mir Anerkennung, wenn ich sichtbar gar nichts mehr leiste? Ich hab da viele Fragen, aber eins macht mir Mut: Ich glaube: Am Ende kommt es nicht darauf an, was ich leisten kann.

Oder wie es der evangelische Theologe Fulbert Steffensky sagt: „Am Ende des Lebens ist man durch gar nichts mehr gerechtfertigt außer durch den Blick der Güte, der uns schöner findet, als wir sind und je waren“. Ich hoffe, dass Gott es ist, der die Bruchstücke meines Lebens einmal zusammengefügt zu einem schönen Ganzen. Jetzt heißt für mich Montagmorgen: Ich fahr erst mal zur Arbeit. Für meine Ruhestandspläne hab ich hoffentlich noch ein paar Jahre Zeit. Aber schon mal dran zu denken, dafür ist es nie zu früh.

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