Ein guter Freund ist mehr wert als Gold
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Ein guter Freund ist mehr wert als Gold

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von

Dr. Ulf Häbel,

Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen

In unserer Küche waren eine unserer Töchter und ihr Freundeskreis versammelt. Die sind alle um die dreißig Jahre alt. Einige von ihnen sind verheiratet und haben kleine Kinder – so wie unsere Tochter-, andere leben alleine. Sie redeten über eine Party, die sie am Abend zuvor besucht hatten. Eine Freundin, die gerade dreißig Jahre alt geworden war, hat das Fest veranstaltet. Den Abschied von der Jugend hatte sie es genannt.

Begeistert waren sie von dieser Party nicht; soviel hatte ich mit halbem Ohr mitbekommen. Der Grund für ihren Missmut war, dass es den ganzen Abend nur ums Geld gegangen sei. Da hat einer angegeben wie viel er verdient; man müsste zu noch mehr Geld kommen, auch wenn dabei mal ein anderer übers Ohr gehauen wird. Es wurde von einer Erbschaft erzählt, wodurch die ganze Familie zerstritten und verbittert ist. So nach dem Motto: Wenn’s ums Geld geht, hört jede Freundschaft auf.

Durch die aufgeregte Diskussion hatte niemand bemerkt, dass unsere dreijährige Enkeltochter, die in der Küche auf dem Fußboden gespielt hatte, verschwunden war. Wo ist Lea, so heißt sie. Wenn sie auf die Straße rennt? Wir haben sie gesucht. Ich fand sie im Garten im Sandkasten, in dem sie gerne spielt wenn sie bei uns, ihren Großeltern ist. Als ich sie fragte, was sie im Garten gemacht habe, antwortete sie: „Opa, ich habe Geld weggeschmeißt.“ Dann hat sie mir ihr Kinderportemonnaie gezeigt, in dem etwas Spielgeld war, vielleicht auch ein paar Cent. Nun war es leer. „Warum hast du das weggeworfen?“, habe ich sie gefragt. „Geld ist nicht gut. Macht Leute böse“, hat sie geantwortet. Ich war sehr verwundert, wie das Kind zu einer solchen Aussage kommt. Karl Marx und das Kapital hatte sie ja noch nicht gelesen.

Doch dann fiel mir die Szene in unserer Küche wieder ein. Ihre Mutter und deren Freunde hatten von der Party geredet, die ihnen nicht gefallen hat, weil es die ganze Nacht nur um das Geld gegangen war. Das hatte das Kind alles gehört. Und dann hat es auf seine kindliche Art gehandelt. Wenn Geld die Leute böse macht, dann werf ich es eben weg.

Geld ist nicht gut, macht Leute böse. So hat meine Enkelin erklärt warum sie ihr Geld einfach weggeworfen hat. Was sollte ich dazu sagen? Ich war in der Klemme. Auf der einen Seite stimmt es: Wenn das Geld die Leute böse macht, dann schafft es doch ab. Der deutsche Philosoph Karl Marx hat vor fast zweihundert Jahren die negativen Auswirkungen des Geldes und der Gier der Menschen danach kritisiert. Wenn Menschen nur noch nach immer mehr Geld streben, sind sie in Gefahr rücksichtslos gegen andere zu werden. Sie beuten die Natur aus für den eigenen Gewinn.

Der eigentliche Sündenfall des Menschen sei die Erfindung des Geldes. Das sagt er in Anspielung auf die biblische Geschichte vom Sündenfall. Da wird gleich am Anfang der Bibel erzählt, dass die ersten Menschen Adam und Eva im Paradies leben. Und weil sie ein Gebot Gottes missachten, wirft er sie aus dem Paradies hinaus. Noch schlimmer als der Rausschmiss aus dem Paradies soll die Erfindung des Geldes und die maßlose Gier danach sein? Also doch abschaffen, damit es keinen Streit, keine Auseinandersetzung, keinen Krieg darum gibt?

Doch auf der anderen Seite ist klar, dass wir ohne das Geld, ohne eine gültige Währung zu haben den Alltag kaum bewältigen könnten. Geld brauchen wir, um den lebensnotwendigen Dingen einen Wert beizumessen. Wie sollten wir sonst zu Lebensmitteln oder Autos kommen, die Arbeit eines Bauern bezahlen oder die Leistung eines Arztes honorieren? Zu alledem braucht es eine gültige und tragfähige Währung – eben Geld. Wir können nicht mehr wie Naturvölker einfach tauschen – eine Frau gegen ein paar Kamele, einen Acker für ein paar Schafe, schöne Perlen für Seide.

Geld ist seit Jahrtausenden in allen Kulturen das Tauschmittel für Waren und Dienstleistungen geworden. Das kann niemand rückgängig machen. Geld ist und bleibt ein Wertmaßstab für Dinge und Leistungen. Und doch hat unsere kleine Enkeltochter irgendwie gespürt, was den Umgang mit Geld schwierig macht: nämlich die Gier danach. Die ausschließliche Fixierung aufs Geld und seine Vermehrung, macht blind für andere Werte in unserem Leben.

Wenn Menschen in der Geldgier gefangen sind, redet die Bibel vom Mammon, der beherrscht. Eine zeitgenössische Journalistin hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Was Geld mit Menschen macht". Darin sind einige Beispiele aufgeführt, wie Menschen geldgierig, in ihren Ansprüchen maßlos und dadurch rücksichtslos gegen andere sind.

Nur aufs Geld fixiert zu sein, ist nicht gut. Das zeigen Erbstreits in Familien, Rechtsstreits zwischen Firmen sowie die Unsummen hinterzogener Steuern oder illegaler Geldtransfers. Ich verstehe nicht, warum ein Fußballer, der bei seinem Verein fünfzehn Millionen im Jahr bekommt, beim nächsten verein gleich dreißig Millionen erhält. Ist da nicht der Maßstab für Realitäten verloren gegangen? Die einen wollen und kriegen immer mehr, und wo bleiben die anderen? Maßlosigkeit und Gier sind nicht gut. Bezogen auf das Geld verfälschen sie auch seinen ursprünglichen Sinn nämlich ein angemessenes Tauschmittel für Dienstleistungen oder Waren, für Lebensmittel oder Strom, für Lebenshilfe oder Pflege zu sein.

Wenn das Geld zum absoluten Wertmaßstab erhoben wird, dann wird es schräg. Wo bleiben dann die anderen Werte, die unser Leben auf andere Weise sinnvoll machen und erfüllen: Freundschaft oder Zuneigung, Liebe und Treue. Leben ist mehr als die Fixierung aufs Geld

Das Geld abzuschaffen oder ihm verfallen zu sein, ist keine Alternative. Eine andere Möglichkeit finde ich in einer Geschichte der Bibel. Es ist ein Ereignis aus dem Leben Jesu. Das kann man nachlesen bei dem Evangelisten Markus, Kapitel elf. Jesus kommt in den Jerusalemer Tempel, in das Haus Gottes wie es die Juden genannt haben. Dorthin gehen Menschen, um Gottesdienste zu feiern, zu beten oder auch Opfer zu bringen. Sie brachten Opfer dar mit gespendeten Geld und vor allem mit Opfertieren; das war zur Zeit Jesu im Judentum – wie auch in anderen Religionen üblich.

Jesus sieht im Tempel die Opfertierverkäufer, die Händler, die Geldwechsler, die ihre Geschäfte machen. Sie wollen nur daran verdienen – sonst nichts. Da wird Jesus zornig und er wirft sie aus dem Tempel hinaus. Das passt doch nicht zusammen – der Tempel und die daran verdienen wollen. Sie haben aus dem Tempel, dem Haus des Gebets eine Mördergrube gemacht. So ungeschminkt und krass steht es in der Bibel. Also raus! Wenigstens an diesem Ort muss noch etwas anderes gelten.

Es muss noch eine andere Sicht auf das Leben geben als nur die ökonomische wie und wo man am meisten verdient. Mindestens für diesen Ort, den Tempel, passt das nicht. Es muss Lebensräume geben, in denen das Geld und die Gier danach nicht alles bestimmen . Dem Geld soll man seinen Platz einräumen. Es gibt aber auch die anderen Plätze im Leben, an denen andere Werte gelten.

Vielleicht hat meine kleine Enkeltochter das irgendwie gespürt, als sie ihrer Mutter und ihren Freunden zugehört hat bei deren Gespräch übers Geld. Die sind alle in dem Alter, in dem sie für sich, bzw. für ihre Familie sorgen müssen. Die müssen Geld verdienen und manche müssen auch gut rechnen um über die Runden zu kommen. Doch wenn’s nur noch ums Geld geht, dann wird das Leben eng. Und so hatte das Kind entschieden, es wegzuwerfen.

Doch das ist keine Lösung; es war auch keine Lösung für mich in der Situation mit dem Kind. Wir beide sind dann noch einmal in den Garten gegangen und haben das Geld aus dem Sandkasten wieder aufgesammelt. „Vielleicht brauchst du es noch einmal, wenn du etwas einkaufen willst“, habe ich gesagt. Und dann habe ich –wahrscheinlich mehr für mich als für das Kind – hinzugefügt: Alles bestimmen soll das Geld nicht; da gibt es noch andere Werte

Ob das angemessen oder klug war, wie ich mich da verhalten habe, weiß ich nicht. Doch irgendwie haben wir uns verstanden, das Kind und ich Hand in Hand haben wir dann den Sandkasten und den Garten verlassen. Vielleicht war in uns beiden, jedem auf seine Weise, ein Wert im Leben klar geworden, der in bestimmten Situationen mehr gilt als Geld, nämlich menschliche Nähe, Zuneigung und Freundschaft. In der Bibel wird diese Erkenntnis so formuliert: Ein guter Freund ist mehr wert als Geld.

Ich will meine Gedanken in dieser Morgenfeier zu Ende führen, in dem ich ein Märchen erzähle. Ein Kind aus unserer Dorfschule hat es geschrieben. Es war einmal eine Familie, die hatte viele Kinder. Die ist spazieren gegangen und hat dabei den Mond gesehen. Plötzlich kam der Kasper und sagte: „Guckt mal, ich kann viele Kunststücke.“ Dann hat der Kasper ein Kunststück gemacht und alle haben geklatscht. Der Mond hat das auch gesehen und wollte mitklatschen, aber er hatte keine Hände. Die Familie wollte, dass der Kasper ihr Geld herbeizaubert, aber so ein Kunststück konnte er nicht. In diesem Moment bekam der Mond Arme. Der Mond nahm alle Menschen in den Arm und sagte: „Wozu braucht ihr Geld, wenn ihr euch habt?“

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