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Die Oma aus Eritrea
Bildquelle: Rajesh Balouria/Pixabay

Die Oma aus Eritrea

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Endlich kommt Oma. Der Junge kann es kaum erwarten. Oma darf ausreisen aus Eritrea. Das liegt in Afrika. Der Enkel ist schon in Deutschland. Drei Jahre hat er die Oma nicht gesehen. Jetzt kommt sie, kurz vor Weihnachten. Der Junge zappelt und rennt hin und her am Flughafen in Frankfurt. Oma kommt. Sie freut sich auf Weihnachten und ihren Enkel und auf Deutschland. Hier ist sie frei. Daheim wurde sie verfolgt, weil sie Christin ist, gedemütigt auch. Ausgelacht.

Kaum sind sie Zuhause, muss Oma mit auf den Weihnachtsmarkt in der Stadt. Sie ist außer Puste, spricht auch kaum Deutsch. Der Enkel kann es. Er zeigt Oma dies und das. Er will mit ihr aufs Karussell. Da winkt Oma ab. Die langen Kleider, der weite Schal. Das geht nicht. Und alt ist sie auch. Muss jetzt neu anfangen im fremden Land. Sprache, Geld, Gefühle, Weihnachten. Alles ist neu für Oma. Sie kommt kaum hinterher bei dem Jungen, keucht ein bisschen.

Ist aber glücklich. Und traurig zugleich. Deutschland ist nicht ihr Land. Hier feiert man anders. Man isst auch andere Sachen. Achtzig Jahre Eritrea tauscht man nicht mal eben gegen was Neues. Aber hier sind die Kinder. Und der Enkel. Der Enkel ist Omas Glück. Er zeigt ihr alles. Er hilft ihr. Weihnachten gehen sie alle in die Kirche. Die Oma staunt. Die Musik, der Baum, die vielen Menschen. Ihr kommen die Tränen. Weil sie ein Lied kennt. Stille Nacht, heißt das bei uns. Die Oma aus Eritrea kann den Text nicht, aber die Melodie. Sie summt mit, bei jeder Strophe etwas lauter. Weihnachten ist nach Hause kommen. Wie in Gottes Arme.

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