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Christus in der Unterwelt
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Christus in der Unterwelt

Dr. Ansgar Wucherpfennig
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Dr. Ansgar Wucherpfennig,

Jesuitenpater, Professor für Neues Testament und Rektor der Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt
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Im Frankfurter Städel ist mir schon häufiger ein Bild von Emil Nolde aufgefallen. Christus in der Unterwelt heißt es. Im Unterschied zu den sonst oft fröhlich farbigen Bildern von Nolde ist es in fahlem Gelb und in Grüntönen gehalten. In der Mitte spricht Christus: Auch Jesus ist in unnatürlichen Farben gemalt. Sein Gesicht ist leichenblass gelb, seine Haare sind feurig rot, und auch seine Lippen und Augen strahlen rot. Die Augen hat er weit geöffnet und schaut die Menschen an. Seine Hände hält er ihnen wie zu einer Schale geformt ausgestreckt entgegen. Er will von einem kostbaren Schatz erzählen.

Christus ist umgeben von lauter Gestalten, die für Nolde zur Unterwelt gehören. Rechts von ihm steht ein älterer, feister Mönch mit Kapuze und Gewand. Aus seinem grinsenden Mund blitzen ein paar Zähne hervor, und seine knopfgroßen Augen machen sich über Jesus lustig. Links von Christus steht ein Pfarrer mit Bäffchen und im schwarzen Talar. Die Arme hat er ausgebreitet. Sein einer Arm streckt sich fast durch das ganze Bild. Er will segnen, aber mit seinem ausgebreiteten Arm versperrt er den Weg zu Christus. Mit wutrotem Gesicht fährt er zu Christus herum, als würde der ihn stören. Unten auf dem Bild ist der Teufel. Auch ihm hat Nolde ein tiefrotes Gesicht gemalt. Er schreit grimmig, als wenn er sich am liebsten wie das Rumpelstilzchen in der Luft zerreißen wollte. Christus ist eingezwängt zwischen dem Mönch, dem Pfarrer und dem Teufel, aber dennoch erreicht sein Blick eine Reihe von Menschen. Sie hören ihm zu. Ihre Köpfe und ihre Körper wippen im Rhythmus seiner Worte. Christus hat sie trotz des geballten Widerstands mit seiner Predigt erreicht.

Christen waren schon früh davon überzeugt, dass Jesus zwischen seinem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung in der Unterwelt war. Ich kann mir schwer vorstellen, wie das gegangen sein soll, aber ich bete es selbst im Glaubensbekenntnis: „gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes und auferstanden von den Toten.“ Mich beeindruckt, was Christus in der Johannesoffenbarung dazu selber sagt (Offb 1,18): „Ich war tot, doch siehe, ich lebe in alle Ewigkeit. Ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.“ Als er tot war, ist Jesus durch die Pforten der Unterwelt gegangen. Er hat sie aufgeschlossen und die Schlüssel mitgenommen, dass sie niemand mehr zusperren kann.

Ich glaube: Christus erreicht auch die Verstorbenen, die ohne den Segen der Kirchen aus dem Leben geschieden sind, genauso wie die Lebenden, die die Kirchen schon lange nicht mehr erreichen. Er spricht auch zu denen, die für mich schon lange gestorben oder die mir gleichgültig geworden sind. Kein Mensch hat die Macht, der Güte Gottes die Tore zu verschließen. Das ist für mich die Botschaft von Jesu Gegenwart in der Unterwelt, eine befreiende Botschaft in der Osterwoche: Gott dringt mit seiner Liebe auch dorthin vor, wo Menschen sie nicht wahrhaben wollen.

 

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