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Botschafter der Versöhnung

Botschafter der Versöhnung

Dr. Dr. h.c. Volker Jung
Ein Beitrag von

Dr. Dr. h.c. Volker Jung,

Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Ein kleines Mädchen, vielleicht vier Jahre alt, kommt in eine Kirche. Offenbar zum ersten Mal. Staunend schaut es in dem großen Raum herum. Schnell fällt ihr Blick auf ein großes Kreuz, das vorne an der Wand hängt. Es ist ein Kruzifix, also ein Kreuz, auf dem auch Jesus Christus dargestellt ist – als Gekreuzigter. Seine Hände sind an den Querbalken genagelt. Auf den durchbohrten Handflächen ist eine Blutspur zu sehen. Unten an den Füssen auch. Der nackte Oberkörper zeigt die offenen Wunden der Peitschenschläge, die er in den Stunden zuvor erlitten hat. Es ist eine sterbende Elendsgestalt, die das kleine Mädchen vor sich sieht. Erschrocken wendet es sich zu seiner Mutter und fragt: „Mama, tut das nicht weh?!“

„Tut das nicht weh?“ fragt das Mädchen im Angesicht des gekreuzigten Jesus. Die Mutter kennt solche Kreuzesdarstellungen schon. Man begegnet ihnen im Laufe der Jahre – nicht nur in Kirchen, sondern auch am Feldrand, an Straßenkreuzungen oder in Zimmern. Und man gewöhnt sich daran. Deshalb war der Mutter das Kreuz in der Kirche auch noch gar nicht so richtig aufgefallen. Doch nun sieht sie es mit den Augen ihrer Tochter und spürt ihren Schrecken.

„Ja“, sagt sie. „Das tut weh. Das ist Jesus. Er wurde gekreuzigt.“ „Aber warum?“ fragt das Mädchen zurück. Die Mutter überlegt. Was soll sie sagen? Im Grunde genommen hat sie dieselbe Frage und viele andere nachdenkliche Leute auch, gerade wenn sie aus einem anderen Kulturkreis stammen: Warum eigentlich? Die Mutter fühlt sich nicht wohl, sie fürchtet, dass sie bald nicht mehr weiß, was sie sagen soll. Sie antwortet knapp: „Weil die Menschen böse sind. Und Jesus war ein guter Mensch. Komm, wir gehen weiter.“ Sie greift die Hand ihrer Tochter und zieht sie weiter, weg vom Kreuz und weg von den schwierigen Fragen.

Ich beobachte die Situation ein paar Meter entfernt und sehe nun auch das Kreuz mit den Augen des Mädchens. Auch ich habe mich daran schon gewöhnt. Hängt das Kreuz doch in fast jeder Kirche, wenn auch nicht überall so groß und so realitätsnah. Das Kreuz ist das zentrale Symbol des Christentums. Es erinnert daran, wie Jesus gestorben ist: Auf dem Berg Golgatha, hingerichtet von römischen Soldaten mit der Methode des Kreuzigens. Das heißt: Sterben über Stunden hinweg, qualvoll und langsam. Kreuzigen war die abschreckende Strafe für Mörder und politische Aufrührer. Heute, am Karfreitag, erinnern Christen an den Tod Jesu am Kreuz.

„Tut das nicht weh?“, fragt das Mädchen. Oh ja, das tut sehr weh. Es ist grausam und es ist tödlich. Warum haben sich die Christen ausgerechnet dieses Bild als zentrales Symbol für ihren Glauben ausgewählt? Es gibt doch schönere. Zum Beispiel Jesus beim Segnen der Kinder. Oder Jesus beim Heilen von Kranken. Oder Jesus beim Feiern mit seinen Jüngern. Oder Jesus, als er an Ostern von den Toten aufersteht. Jesus hat so viel Gutes getan, so viel Warmherziges. Warum hängen seine Anhänger ausgerechnet das traurigste und schmerzhafteste aller Bilder auf? Stehen sie besonders auf Gewalt und Blut? Oder sind sie sadistisch? Nein, nichts von alledem.

Sie sind realistisch. Das Kreuz erinnert daran, dass auf der Welt viele Menschen leiden. Bei uns ist das weithin verborgen, da leben viele wohlbehütet und gut versorgt. Aber auch hier leiden viele Menschen. Die meisten versuchen es zu verbergen, weil sie anderen nicht zur Last fallen wollen, oder weil sie nicht als weinerlich und schwach erscheinen wollen. Aber innerlich erleben sie manches von den Schmerzen, die Jesus erlitten hat.

In anderen Ländern tritt das deutlicher zutage. Besonders in den Kriegsgebieten, in den Elendsgebieten, wo ein Menschenleben nicht viel zählt. Dort werden Menschen ohne großes Zögern gequält und getötet wie damals Jesus am Kreuz. Und so war es in früheren Jahrhunderten auch in Europa. Krankheiten, Hunger und Kriege waren eine fast alltägliche Gefahr. Die, die damals lebten und litten, schauten mit anderen Augen auf den gekreuzigten Jesus. Mit wissenden Augen sagten sie sich: „Jesus, in seinem Elend und in seinem Sterben ist einer von uns.“ Aber das ist nicht alles: Jesus, genauso im Elend wie viele Menschen auch. Es geht um noch mehr.

Als Jesus am Kreuz starb, waren seine Jünger genauso irritiert wie das kleine Mädchen in der Kirche: Wozu dieses Leiden? Wozu sein Tod? Die Jünger kannten und schätzten Jesus als einen, an dem sie sich orientieren konnten. Für sie war er wohl so etwas wie ein Prophet, der herumzog und an die Grundfesten des Glaubens erinnerte. Er hat sich insbesondere den Außenseitern der Gesellschaft zugewandt und ihnen Mut gemacht. Er war auch ein Heiler, der Kranke wieder gesund machte. Und er war ein Prediger, der von besseren Zeiten sprach und damit Hoffnungen weckte. Oft blieb er ihnen auch rätselhaft und sie verstanden ihn nicht.

Aber vermutlich war es großartig, in seiner Nähe zu sein. Er hat eine andere Art zu leben ausgestrahlt. Doch dann kam dieser schreckliche schwarze Tag, an dem er verhaftet wurde. Später gefoltert und gekreuzigt. Jesus war gescheitert! Aus der Traum von einer besseren Welt! So dachten viele und gingen mit hängenden Köpfen nach Hause, zurück in ihr früheres Leben. Nur jetzt noch trauriger als vorher.

Doch manche überlegten weiter: Sollte Jesu Tod doch irgendeinen Sinn haben? Steckte darin womöglich eine verborgene Idee Gottes? Manche hatten eine Ahnung: Der Tod Jesu könnte tief in das Geheimnis des Glaubens hineinführen. Der Apostel Paulus war einer von ihnen. Immer wieder beschäftigte ihn die Frage, was der Tod und die Auferstehung Jesu bedeuten könnten. Dabei gewann er immer mehr Einsichten. Er hat sie in Briefen festgehalten. So schreibt er in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth dieses:

"Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott." (2. Korinther 5, 19-20)

Versöhnung – wie ein großes Mahnmal stellt Paulus dieses Wort in die Mitte seiner Sätze: Versöhnung. Für ihn offenbar ein Schlüsselwort für das, was Gott tut. Versöhnung – das ist auch heute noch ein klangvolles Wort in einer Welt voller Streit, Krieg und Ungerechtigkeit. Ein Sehnsuchtswort für eine Menschheit, die sich oft so schwer mit sich selbst tut.

Das gilt insbesondere für viele Menschen, die miteinander im Streit liegen. Zum Beispiel Eltern, die sich mit ihren Kindern überworfen haben. Und Nachbarn, die sich über irgendetwas verkracht haben. Auch ganze Länder oder Bevölkerungsgruppen, die einen Konflikt miteinander haben. Etwa in Syrien, in der Ukraine, in Eritrea. In vielen Gegenden herrschen Krieg, Hass und gegenseitige Schuldzuweisungen. Sie sind das Gegenteil von Versöhnung.

Was passiert, wenn man sich versöhnt? Dann kommen die Konfliktparteien einander näher, sie lösen ihre Konflikte und können wieder friedlich miteinander leben. Wirkliche Versöhnung ist wunderschön! Man sollte meinen, dass die Menschen dafür alles geben würden. Aber das ist eigenartiger Weise nicht der Fall. Eher im Gegenteil. Viele Menschen tun sich damit sogar schwer. Wohl jeder kennt Familien, die über Jahrzehnte hinweg verkracht sind – und es bleiben.

Irgendetwas ist vorgefallen – ein Erbstreit, eine Beleidigung, ein Missverständnis, was auch immer. Und niemand findet danach den Weg zum anderen. Lieber sterben die Beteiligten unversöhnt. Warum ist das so? Weil Versöhnung nicht von alleine kommt. Versöhnung ist Arbeit, die auch wehtun kann. Versöhnung muss man wollen, wagen und sich hart erarbeiten.

Sich versöhnen ist schwer und mühsam und kann auch schmerzhaft sein. Wie sie dennoch gelingen kann – die Versöhnung, haben die Menschen in Südafrika gezeigt. Das Land war in der Zeit der Apartheid in einer rassistischen Gewaltspirale versunken. Viele Leute – zumeist die farbigen – hatten viel Ungerechtigkeit erfahren und unendlich viel Leid erduldet. So viel, dass es unmöglich war, all dieses Leid mit Polizei und Gerichten zu verfolgen. Strafen hätten dieses Elend gar nicht wieder gut machen können. Normale Gerichtsverhandlungen hätten das Land also gar nicht mit sich aussöhnen können.

Das war vielen Beteiligten klar. Aber es wäre auch nicht möglich gewesen, all die Verbrechen und das Elend einfach zu ignorieren. All das lebte ja in den Menschen fort. Täter und Opfer begegneten sich. Etwas musste passieren, um die Menschen miteinander zu versöhnen. Sonst wären sie weiterhin Gefangene ihrer Vergangenheit geblieben und hätten sich keine gemeinsame Zukunft aufbauen können. Versöhnung wurde dringend gebraucht. Aber wie?

Es waren insbesondere führende Christen, die eine Lösung fanden: Die Wahrheits-Kommissionen. Dort wurden alle Opfer, die sich meldeten, geduldig angehört. Jahrelang hörten die Kommissionen die Berichte von schrecklichen Verbrechen – und zwar von den Opfern und den Tätern. Besonders wichtig war es ihnen, die Täter zum Reden zu bringen. Ihnen wurde dafür sogar Straffreiheit zugesichert.

Damit sie sich das Unrecht von der Seele reden konnten, damit die Opfer die Wahrheit erfuhren und das Bedauern der Täter spüren konnten. Gerichtsverhandlungen hätten das unmöglich gemacht, denn sie hätten die Täter zum Schweigen gebracht. Aber die Kommissionen brachten viele zum Reden. Über viele Jahre hinweg ging dieser Prozess der Versöhnung – damals einzigartig in der Welt. Heute ein Vorbild für andere.

Für die Betroffenen war diese Arbeit geradezu übermenschlich anstrengend. Nicht alle haben das geschafft. Oft kochten der Schmerz, die Wut und der Hass hoch. Doch leichter ist Versöhnung nicht zu haben. Sie ist einfach anstrengend. Das beginnt schon damit, dass die Beteiligten über ihren eigenen Schatten springen. Sie müssen aufhören, Recht haben zu wollen. Sie müssen aufhören, sich vorrangig um ihre eigene Selbstrechtfertigung zu bemühen. Versöhnung gelingt nur, wenn man die eigene Schuld, die eigenen Fehler und Versäumnisse offen sieht und anspricht. Das ist leicht gesagt, aber schwer zu tun. Wer hilft einem dabei?

In Südafrika sind Christen darauf gekommen, wie die Versöhnung gelingen könnte. Das ist kein Zufall, denn sie hatten es – wie der Apostel Paulus – von Gott gelernt. Paulus hatte geschrieben:

"Denn Gott … versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu." (2. Korinther 5, 19, gekürzt)

Versöhnung hat also etwas damit zu tun, wie Gott mit den Sünden umgeht. Nein, damit meint Paulus nicht die vielen kleinen und großen Verfehlungen, die man im Alltag so begeht. So wird das Wort Sünde umgangssprachlich oft verwendet. Aber in der Bibel ist damit etwas anderes gemeint. Sünde ist mit dem Begriff „Sund“ verwandt. Das kennen Menschen besonders gut, die am Meer wohnen. Denn ein Sund ist ein Stück Meer, das eine Insel vom Festland trennt. Sünde meint eigentlich Abstand, Distanz, Trennung.

Wer in Sünde lebt, ist wie eine Insel, die sich vom Festland, also von Gott getrennt hat. Das Wort Sünde beschreibt also eigentlich einen inneren Zustand, nämlich die Gottesferne, einen tiefen Abstand zu Gott. Der hat fatale Folgen. Die Liebe Gottes geht einem verloren. Betroffene spüren sie nicht mehr. Sie beachten Gottes Gebote nicht mehr. Vergessen ist der elementare Kern des Glaubens: „Ehre Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Darunter leiden viele. Auch Gott. Also geht er dagegen vor. Die Bibel erzählt, wie Gott immer neue Anläufe unternimmt, die Menschen zurück zu gewinnen. Er schickt Gebote, Propheten, Feinde und Freunde. Mit ihrer Hilfe ermahnt er sie, er droht, er straft, er lobt. Doch das alles nutzt auf Dauer nichts. Gott ergeht es mit der Versöhnung wie vielen Menschen auch. Es muss offenbar etwas Besonderes geschehen. Etwas, das sich später auch in den Wahrheitskommissionen in Südafrika gezeigt hat. Sie haben die Mauern des Schweigens brechen können. Paulus war nun – nach langem Nachdenken – überzeugt: im Leben und im Sterben des Jesus von Nazareth am Kreuz ist etwas Besonderes geschehen: Versöhnung. Darüber schrieb er in seinem Brief:

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber. (2. Korinther 5,19, gekürzt)

Was Paulus hier ausspricht, ist ein ganz außergewöhnlicher Gedanke: Gott war in Christus, in einem Menschen! Gott hatte sich menschlich gemacht! Verletzlich, sterblich! Paulus überlegt weiter: Könnte es sein, dass Gott für die Versöhnung etwas riskiert hat? Indem er mit den Menschen auf Augenhöhe ging? Dabei riskiert er sein Leben – und verliert es. Er stirbt am Kreuz. Wenn das stimmt, dann hätte Gott für die Menschen alles gegeben – nämlich sich selbst. Das größtmögliche Opfer – die größtmögliche Hingabe, die man für den Geliebten darbringen kann. Das ist eine große Geste. Aber inwiefern kann sie zur Versöhnung beitragen?

Ist das Kreuz ein Zeichen der Versöhnung? So kann man es verstehen. Denn in Jesus am Kreuz zeigt sich Gott nicht allmächtig, sondern ohnmächtig. Er tritt nicht als Richter der Menschheit auf, sondern als deren Gerichteter. Nicht Gerechtigkeit treibt ihn also an, sondern Barmherzigkeit. Was später die Wahrheitskommissionen in Südafrika taten, das hat Gott vorgemacht. Er lässt die altbekannten Muster von Anklage und Selbstrechtfertigung hinter sich. Was er den Menschen vorwerfen könnte, lädt er sich in Jesus selbst auf.

Er lädt es sich auf, damit Menschen aussteigen aus dem altbekannten Muster von Anklage und Selbstrechtfertigung. Wer auf das Kreuz schaut, sieht, was Menschen von Gott trennt. Wer auf das Kreuz schaut, sieht aber auch, dass Gott da ist, um diese Trennung zu überwinden. So können Menschen anstatt über ihre Fehler und ihre Schuld eisern zu schweigen oder alles zu beschönigen, darüber offen reden.

Sie müssen es nur tun. Und indem sie dies tun, erlischt vieles davon. Viele Opfer von Ungerechtigkeit – nicht nur in Südafrika – sind schon erleichtert, wenn sie aus dem Mund des Täters ein offenes Wort der Reue hören. Das kann für beide Seiten schon das erlösende Wort sein. Es kann der ersehnte Anfang eines neuen Lebens sein. Und wie könnte dieses neue Leben im Zeichen der Versöhnung aussehen? Paulus schreibt:

"Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber. So sind wir nun Botschafter an Christi statt." (2. Korinther 5, 19, gekürzt)

Paulus denkt also schon einen Schritt weiter: Was bewirkt die Versöhnung, die Gott in Jesus Christus vollzogen hat? Ganz einfach: Man kann mitmachen, also selbst zum Boten dieser Versöhnung werden. Leute, mit denen sich Gott versöhnt hat, tragen die Versöhnung weiter in die Welt hinaus. So verstanden ist das Kreuz in der Kirche nicht nur ein Zeichen der Versöhnung, sondern auch eine Einladung.

Versöhnung fällt niemandem in den Schoß. Sie tut weh. Aber billiger ist Versöhnung nicht zu haben. In den aktuellen Konflikten, ob es nun persönliche sind oder politische: Es geht darum, sich Unrecht von der Seele zu reden, einander zuhören, nicht Schuld verteilen, sondern die eigenen Fehler und Versäumnisse sehen und ansprechen und miteinander neue Wege zu suchen.

Schade, dass ich damals nichts gesagt habe, als das kleine Mädchen in der Kirche stand, den gekreuzigten Jesus anschaute und seine Mama fragte: „Tut das nicht weh?“ Ich war einfach nicht schnell genug. Wenn ich könnte, würde ich ihm heute wohl sagen: „Ja, das tut weh. Das hat Jesus wehgetan und es hat Gott wehgetan. Wenn wir uns heute Jesus am Kreuz anschauen, dann können wir erkennen: Gott will, dass niemand mehr so leidet. Deshalb tut einander nichts Böses und setzt euch dafür ein, dass Menschen sich vertragen.“

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