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Von der Heilkraft der Musik
Bild: Steve Buissininne/Pixabay

Von der Heilkraft der Musik

Dr. Willi Temme
Ein Beitrag von Dr. Willi Temme, Evangelischer Pfarrer, Martinskirche Kassel

In Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ gibt es viele schöne Szenen, aber eine hat es mir ganz besonders angetan:

Die schöne Prinzessin Pamina wird gefangen gehalten und sehnt sich nach Freiheit. Da kommt ihr der liebe Vogelfänger Papageno zur Hilfe. Sie machen sich gemeinsam auf und fliehen. „Schnelle Füße, rascher Mut schützt vor Feindes List und Wut“ singen sie. Und auf einmal stellt sich ihnen plötzlich und überraschend der böse Sklavenhalter Monostatos in den Weg. Kein Mensch weiß, wo der so schnell her gekommen ist. Und er ist nicht allein.

Monostatos ruft seine Sklaven herbei - alles kräftige Kerle mit starker Rüstung. Sie sollen kommen und die unglückliche Pamina und den ängstlichen Papageno in Fesseln legen.

Und alles würde ganz sicher auch so geschehen, wenn nicht Papageno im letzten Moment noch die zündende Idee hätte.

In größter Not und Bedrängnis zieht er ein Glockenspiel aus seiner Tasche und macht damit Musik.

Und, oh Wunder, was geschieht nun mit dem bösen Monostatos und den anderen gepanzerten Kerlen? Leichtfüßig drehen sie sich zum Tanze, lassen die mitgebrachten Fesseln fallen und fangen an zu singen:

Das klinget so herrlich,
das klinget so schön!
Nie hab ich so etwas gehört noch gesehn!

Und Pamina und Papageno – angerührt davon, was die Musik so alles kann – stehen da mit großem Staunen und beginnen ihrerseits zu singen:

Könnte jeder brave Mann
Solche Glöckchen finden,
Seine Feinde würden dann
Ohne Mühe schwinden,
Und er lebet ohne sie
In der besten Harmonie!

MUSIK: dieser Ausschnitt aus der Zauberflöte,
                     

Wir erleben das Wunder der Musik: Die Macht der Töne, die selbst eine gepanzerte Truppe zu überwinden vermag. Auf einzigartige Weise wird dieses Wunder hier beschrieben und besungen. Und wir alle bekommen vielleicht irgendwie eine Ahnung davon, dass wir womöglich nichts so dringend benötigen wie Zauberflöten und Zauber-Glockenspiele. Dass wir zauberische Musik brauchen. Musik, die Diktatoren bezwingt und überwindet und die die Starre und den Starrsinn, wovon es so viel gibt auf der Welt, löst und befreit.

Eben darum lasst uns bitten an diesem Sonntag, der in der evangelischen Kirche den Namen Kantate trägt: „Singet!“. An diesem Sonntag Kantate wird in den Gottesdiensten die heilsame Kraft der Musik in besonderer Weise hervorgehoben und unterstrichen.

Vorbild und Urbild für alle Papagenos, die gegen die bösen Geister und Mächte die Musik zu Felde führen – Vorbild für alle diese ist David, der Hirtenjunge und spätere König von Israel. Von ihm wird in der Bibel berichtet, dass niemand die Harfe so spielen konnte wie er.

Bevor David König wurde, war er ein einfacher Schafhirte und ein großer Künstler dazu; einer der es verstand, mit seiner Harfe gute Geister zu locken. Schon als junger Mann hatte sich sein Ruf als Musiker verbreitet. Und so kam es, dass auch die Hofleute des Königs Saul auf ihn aufmerksam wurden. Sie suchten eine Medizin gegen die depressiven Stimmungen des alten Königs. Und fündig wurden sie bei dem jungen Mann aus dem kleinen Bethlehem.

Darüber berichtet das 1. Buch Samuel im 16. Kapitel:

Der Geist des HERRN aber wich von Saul und ein böser Geist vom HERRN ängstigte ihn.

15Da sprachen die Großen Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott ängstigt dich.

16Unser Herr befehle nun seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit er mit seiner Hand darauf spiele, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, und es besser mit dir werde.

17Da sprach Saul zu seinen Leuten: Seht euch um nach einem Mann, der des Saitenspiels kundig ist, und bringt ihn zu mir.

18Da antwortete einer der jungen Männer und sprach: Ich habe gesehen einen Sohn Isais, des Bethlehemiters, der ist des Saitenspiels kundig, ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön gestaltet, und der HERR ist mit ihm.

19Da sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Sende zu mir deinen Sohn David, der bei den Schafen ist.

20Da nahm Isai einen Esel und Brot und einen Schlauch Wein und ein Ziegenböcklein und sandte es Saul durch seinen Sohn David.

21So kam David zu Saul und diente vor ihm. Und Saul gewann ihn sehr lieb und er wurde sein Waffenträger.

23Sooft nun der böse Geist von Gott über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So wurde es Saul leichter und es ward besser mit ihm und der böse Geist wich von ihm.

MUSIK:  Fernando Sor, Six airs aus Mozarts „Die Zauberflöte“              

Das Urbild aller Musiker, die mit ihrem Musizieren böse Geister vertreiben und gute Geister rufen: Da wird es uns vor Augen gestellt. David aus Bethlehem ist es, ein schöner junger Mann, der den traurigen König Saul mit seinem Harfenspiel das Herz anrührt und sein Gemüt wieder hell werden lässt.

Übrigens: Es heißt hier nicht, dass David dem König auch vorgesungen habe – wobei seine Stimme bestimmt auch schön und hörenswert war. Und so müssen es gar nicht unbedingt geistliche Stücke gewesen sein – Psalmen oder Lobgesänge – die das vermocht haben: Den König wieder froh zu machen. Das ist ja das besondere an der Musik, dass sie auch Kraft hat ohne Worte. Und dass ihre Sprache überall auf der Welt verstanden werden kann.

Und wenn Papagenos Glockenspiel eine ganze Schar von kriegerischen Burschen aus ihrer Starre erlöste und sie zum Singen und zum Tanzen brachte, so sehen wir nun bei David, welche Zaubermacht sein Harfenspiel auf das Gemüt eines einzelnen Menschen hatte. Die Depression des Königs wird gelindert, und es wird wieder heller in seiner Seele und er wird fröhlicher in seinem Gemüt.

Ich bin überzeugt: die Zaubermacht der Musik kann auch heute noch erstaunliche Wunder vollbringen.

Ich denke zum Beispiel an das West-Eastern-Divan-Orchestra, das von dem Stardirigenten Daniel Barenboim geleitet wird.

Angefangen hat es mit diesem Orchester im Jahr 1999. Damals, vor nunmehr 17 Jahren, luden Daniel Barenboim, der unter anderem die israelische Staatsbürgerschaft hat, und der palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said junge Musikerinnen und Musiker nach Weimar ein. Israelis und Palästinenser sollten in der Stadt Goethes gemeinsam musizieren. Goethe hatte ja mit seiner Gedichtsammlung West-östlicher Divan eine Brücke geschlagen zwischen westlicher und orientalischer Welt, zwischen Christentum und Islam.

Und so sollte auch mit dem Orchester eine Brücke geschlagen werden zwischen Juden und Arabern. Zwischen Menschen, die nebeneinander wohnen, und wo es doch so viel Ablehnung, Leid und Unverständnis gibt.

Aus diesem Orchester, das lediglich als Workshop geplant war, ist dann ein ständiges Orchester geworden. Und heute verbindet sich mit seinem Namen West-Eastern-Divan-Orchestra die Idee der Völkerverständigung und des Friedens überall auf der Welt.

Es war die Macht der Musik, die das vermochte: Berührungsängste zu überwinden, Interesse am Fremden zu wecken und gemeinsam intensive Gefühle zu erleben.

MUSIK:  F. Sor, Six airs aus Mozarts „Die Zauberflöte“

Die Zauberkraft der Musik – die haben aber auch viele von uns selber schon erlebt. Ich werde nie vergessen, wie ich als 14-Jähriger mit einer Musik bekannt wurde, die mir sowas wie Lebenselexier geworden ist. Immer wenn ich von der Schule nach Hause kam, musste ich erst einmal die Lautsprecher weit aufdrehen. Nicht gerade zur Freude der übrigen Familienmitglieder – aber für mich selber – das muss ich so sagen - zur allergrößten Stärkung an Seele und Geist.

Ja, gerade in der Pubertät sind junge Leute besonders empfänglich für die Gefühlswelten, die ihnen die Musik vermitteln kann. Das Leben weitet sich. Und über die Musik betritt man neue Räume.

Welche Musik das ist, die das bewirken kann, das ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Der eine hält es mit dröhnender Rockmusik und hat im Keller vielleicht sein Schlagzeug stehen. Der andere wiederum hält es mit Mozart und übt sich in Geduld beim Geige spielen.

Hier wie da aber gehen von der Musik Kräfte aus. Und im besten Fall tragen die dazu bei, dass ein Mensch sich selber findet. Dass er sich selber spürt. Denn die Schwingungen der Musik haben seine eigenen inneren Saiten in Schwingungen versetzt, und er kann das Leben spüren und genießen – so wie es sich jetzt im Moment ihm bietet.

Etwas, was mir selber sehr fremd ist, das ist die Dauerberieselung mit Musik. Egal, wo man sich aufhält, im Supermarkt oder im Restaurant, im Wartezimmer des Arztes oder auf dem Bahnhof: überall ertönt Musik. Oder die Leute tragen ihre Musik bei sich und haben Knöpfe im Ohr, so dass all die anderen Töne und Geräusche übertönt werden. Musik ist allgegenwärtig geworden.

Wie gesagt, für mich ist das nichts. So sehr ich die Musik liebe, so sehr liebe ich doch auch die Stille. Aber ich möchte dennoch nicht ganz ausschließen, dass selbst diese Form des Musikhörens eine Lebenshilfe sein kann.

So unüberschaubar und kompliziert die Welt heute geworden ist, so kann möglicherweise die begleitende Musik so etwas sein wie die eigene überschaubare Welt, in der ich mich geborgen fühle. Aber sicher bin ich mir da nicht.

MUSIK:  F. Sor, Sx airs aus Mozarts „Die Zauberflöte“ 

Zum Schluss lassen Sie uns noch einmal auf die Zaubermusiker Papageno und David zurückkommen. Beide sind sie aktive Musiker und beherrschen ihr Instrument. Das aber will erlernt sein und fällt nicht einfach vom Himmel.

Daher bedaure ich sehr, dass in den letzten Jahrzehnten die musischen Fächer an unseren Schulen so einen schweren Stand haben. Wie häufig fällt da der Musikunterricht aus. Und wer wollte behaupten, dass Musik an unseren Schulen dasselbe Ansehen besitzt wie Mathematik, Physik oder Fremdsprachen. Dabei sollten wir es doch aufgrund unserer eigenen Erfahrung besser wissen. Musik kann zaubern. Musik kann heilen. Musik kann Menschen miteinander verbinden.

Gerade jetzt, wo durch die vielen Flüchtlinge viele gemischte Klassen entstehen werden, kann die Musik sehr hilfreich sein. Mit der Musik können wir Brücken bauen und durch die Musik können wir uns verstehen. Ich habe schöne Fantasien davon, was für ein toller Musikunterricht das sein könnte: Kinder und Jugendliche aus den verschiedensten Ländern begegnen sich mit ihrer Musik. Da wird es viel Lachen geben. Vielleicht auch viel Unverständnis. Auf alle Fälle wird Begeisterung dabei sein. Und mag sein, dass auch die eine oder andere Träne fließt. So macht‘s die Musik. Und so macht sie es gut.

MUSIK:  Mozart - Die Zauberflöte - „Ein Mädchen oder Weibchen wünscht Papageno sich“

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