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Mit Popsongs auf Sinnsuche: David Bowie - Changes
Foto: Pixabay

Mit Popsongs auf Sinnsuche: David Bowie - Changes

Pia Baumann
Ein Beitrag von Pia Baumann, Evangelische Pfarrerin, Frankfurt-Bockenheim

Kurze braune Wuschellocken. Karottenhose und ein Netz-Shirt über dem neonfarbenen Pullover. Gekrönt wird das Ganze von einer übergroßen Brille. Ist das da ein Mädchen oder ein Junge auf dem Foto? Auf den ersten Blick ist es nicht zu erkennen. Aber ich weiß es. Es ist ein Mädchen. Denn das bin ich, im Alter von 13 Jahren.

Dieses Foto war lange Zeit eines meiner bestgehüteten Geheimnisse. Auf dem Foto sitze ich Zuhause auf dem Sofa. Man sieht mir an, dass ich mich in meiner Haut unwohl fühle. Auch heute kann ich das nachvollziehen: Denn ich sehe auf dem Foto aus wie Atze Schroeders kleine Schwester. Oft habe ich mich gefragt, wie meine Eltern mich so auf die Straße schicken konnten. Glücklicherweise sind diese Zeiten vorbei. Mittlerweile habe ich auch kein Problem mehr damit, dieses Foto anderen zu zeigen. Im Gegenteil. Das bin ich. In einer ganz wichtigen Phase meines Lebens. Mitten in der Pubertät.

Eben noch war ich ein Kind und voller Grazie. Und eines Tages wachte ich auf und war ein Teenager. Linkisch und ein bisschen unbeholfen. Mit viel zu langen Armen und Beinen. Ich weiß noch, ich hatte damals das Gefühl, aus meinem Leben rauszuwachsen, wie aus zu kleinen Klamotten. Was ich gestern noch gemocht hatte, war am nächsten Tag plötzlich Kinderkram. Auf der einen Seite war das ein schönes Gefühl. Aufregend. Es begann etwas Neues. Unbekanntes. Auf der andern Seite aber war es auch beängstigend. Alles schien sich zu verändern. Äußerlich sowieso. Aber innerlich auch. Ich war mir plötzlich selber fremd.

Mittlerweile habe ich genug Jahre auf dem Buckel und bin gelassener. Ich habe akzeptiert: Leben heißt, sich zu verändern. Leben heißt, sich zu fragen: Wer bin ich, und wer will ich sein? Was ist der Sinn und was ist das Ziel meines Lebens? Immer wieder musste ich der mir Fremden ins Gesicht sehen, muss es jeden Tag. Ganz ähnlich, wie es David Bowie in einem seiner bekanntesten Lieder singt:

Ch-ch-changes
Turn and face the strange
Ch-ch-changes
(Don’t want to be a richer man)

Ch-ch-changes
Turn and face the strange
Ch-ch-changes
Just gonna have to be a different man

Time may change me
But I can’t trace time

Ch-ch-changes
Dreh dich um und stelle dich dem Fremden.
Ch-ch-changes
Ich will kein reicherer Mann sein.
Ch-ch-changes
Dreh dich um und stelle dich dem Fremden.
Ch-ch-changes
Ich muss nur einfach ein anderer Mann sein.
Die Zeit mag mich verändern.
Aber ich kann der Zeit nicht hinterherlaufen.


Es gibt kein Leben ohne Veränderungen. David Bowie muss es wissen. Er war ein Meister der Veränderungen. Kaum jemand hat sich in seinem Leben so oft verwandelt und neu erfunden wie er. In den vierzig Jahren seines künstlerischen Schaffens hat er viele Trends ausprobiert und sich angeeignet. Oder er hat den Trend gleich vorweggenommen. Das gilt für seine Musik ebenso wie für sein Aussehen. Er wechselte sein Erscheinungsbild wie andere ihre Socken.

Mal war er der androgyne junge Mann mit Schlaghose und buntem Hippiehemd. Mal der versnobte Dandy im weißen Maßanzug. Oder der glitzernde Außerirdische mit karottenrot gefärbtem Haar und weiß geschminktem Gesicht. Es heißt, er war das „Chamäleon“ der Musikgeschichte. „Changes“ – Veränderungen, die hat Bowie nicht gescheut. Ganz im Gegenteil. Und um Geld ist es ihm dabei nicht gegangen. Er wollte nicht reich werden, ein „reicherer“ Mann sein. Sondern ein anderer. Sich verändern: das war die Gelegenheit für ihn, sich immer wieder neu zu entdecken und zu erfinden. Manchmal, so schnell, dass er selbst kaum hinterhergekommen ist.

Oh, yeah, H-m-m
Still don’t know what I was waiting for
And my time was running wild,
a million dead-end streets and
Every time I thought I’d got it made
It seemed the taste was not so sweet

So I turned myself to face me
But I’ve never caught a glimpse
Of how the others must see the faker
I’m much too fast to take that test

Ich weiß noch immer nicht, worauf ich gewartet habe.
Meine Zeit lief Amok,
in eine Million Sackgassen
und jedes Mal, wenn ich dachte, ich hab‘s geschafft,
stellte sich heraus, dass es doch nicht so toll war

Deshalb drehte ich mich um, um mir selbst ins Gesicht zu schauen.
Doch ich erhaschte auch nie nur einen Blick darauf,
wie die anderen den Schwindler sehen mussten.
Ich bin viel zu schnell, als dass ich mich dieser Prüfung stellen sollte.


Als Bowie „Changes“ singt, ist er Anfang zwanzig. Ein junger Mann am Beginn seiner Karriere. Der ganze große Erfolg steht noch aus. Doch privat kündigen sich in seinem Leben große Veränderungen an. Seine Frau ist schwanger. David Bowie wird zum ersten Mal Vater. Und er scheint zu ahnen, dass sich damit vieles für ihn ändern wird. Hier ist der schillernde Superstar mir plötzlich nah. Ich kann mich gut erinnern, wie es war, als ich zum ersten Mal Mutter wurde. Auch ich hatte das Gefühl, dass eine Zeit zu Ende geht. Etwas ganz Neues und noch Fremdes kam auf mich zu.

Ich weiß noch, ich habe mich sehr darauf gefreut. Aber ich hatte auch ein bisschen Angst vor der eigenen Courage. Ich fragte mich: Was bedeutet das für mich: Mutter sein? Wer bin ich dann? Wie würde das Baby mein Leben verändern? Mein Mann und ich, wir wären dann nicht mehr nur ein Paar, sondern Eltern. Weglaufen kam nicht in Frage. Und so blieb mir gar nichts anderes übrig, als mich umzudrehen und mich dem noch Fremden zu stellen.

Ch-ch-changes
Turn and face the strange
Ch-ch-changes
Don’t want to be a richer man

Ch-ch-changes
Turn and face the strange
Ch-ch-changes
Just gonna have to be a different man

Time may change me
But I can’t trace time


Bowies Song „Changes“ wurde ein großer Erfolg. Und ist es bis heute. Wahrscheinlich, weil David Bowie damit einen Nerv trifft. Veränderungen erleben schließlich nicht nur junge Menschen. Wir verändern uns ein Leben lang.

Es ist die Zeit, die uns verändert. Singt David Bowie. Und man kann nichts dagegen tun, man kann der Zeit nicht hinterherlaufen und sie auch nicht zurückholen. Deshalb sein Rat: Dreh dich um und stell dich dem, was da auf dich zukommt. Auch wenn es dir erstmal fremd erscheint. Ich finde, das ist eine gute und mutige Lebenseinstellung. Sie sagt: Veränderungen bringen dich weiter. Sie zeigen dir eine andere Seite von dir selbst. Sie lassen dich wachsen.

Trotzdem wünsche ich mir manchmal, alles möge so bleiben wie es ist. Weil eben nicht alle Veränderungen schön sind. Manchmal machen sie mir auch Angst. Dann tut es mir gut, dass ich weiß: Ich bin damit nicht allein. Es gibt noch jemanden, auf den ich vertrauen kann. Das ist für mich Gott. In der Bibel sagt Gott: "Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir. Mein Segen begleitet dich, wohin auch immer das Leben dich führt."

Es hat mir schon oft gut getan und geholfen, mir das vor Augen zu führen. Zum Beispiel bei der Arbeit. Wenn ich neue Aufgaben übernommen habe. Oder wichtige Entscheidungen zu treffen hatte. Wenn so was auf mich zukommt, halte ich inne und bete, dass Gott mich führt. Das gibt mir Kraft, auch Unbekanntem ins Gesicht zu sehen. Und dann sind da die größeren Umbrüche im Leben. Ein Kind wird geboren. Jugendliche kommen in die Pubertät und man erkennt seinen Sohn oder die Tochter kaum wieder. Zwei Menschen verlieben sich und beschließen, als Paar zu leben. Oder ein geliebter Mensch stirbt. Das sind Wendepunkte. Danach bin ich oft nicht mehr die, die ich vorher war.

Zum Glück gibt es dafür sogar eigene Gottesdienste: die Taufe, die Konfirmation, zur Trauung und zur Beerdigung. Aber auch noch zu anderen wichtigen Lebensübergängen. Ich habe selber erlebt, wie gut es tut, sich dann den Segen Gottes zusprechen zu lassen. Ganz bewusst innezuhalten, den Veränderungen und dem Neuen ins Gesicht zu schauen.

Zum Beispiel bei der Einschulung meiner Tochter. Das war ein schöner Tag. Ich weiß noch: Ich war so stolz auf sie. Da stand sie mit ihrem funkelnagelneuen Schulranzen und ihrer Schultüte in der Hand. Bereit diesen neuen Schritt in ihr Leben zu gehen. Und ich? Ich musste sie loslassen. Selbst wenn ich es gewollt hätte, ich konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Es hat mir sehr geholfen, dass im Einschulungsgottesdienst den Schulanfängern und ihren Eltern der Segen Gottes zugesprochen wurden.

Time may change me
But I can’t trace time
I said that time may change me
But I can’t trace time

Die Zeit mag mich verändern.
Aber ich kann der Zeit nicht hinterherlaufen.
Ich hab gesagt: Die Zeit mag mich verändern.
Aber ich kann der Zeit nicht hinterherlaufen.


Ja, die Zeit verändert mich, genau wie sie David Bowie verändert hat. Ich kann sie nicht aufhalten. Ihr nicht hinterherlaufen. Aber den Veränderungen in meinem Leben muss ich nicht allein gegenübertreten. Ich vertraue auf Gott, der sagt: Ich bin mit dir. Schau dem Fremden ins Gesicht und geh deinen Weg.

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