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Mir die beste Freundin sein
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Mir die beste Freundin sein

Claudia Rudolff
Ein Beitrag von

Claudia Rudolff,

Rundfunkpfarrerin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel
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Manchmal liege ich nachts wach. Der vergangene Tag beschäftigt mich noch. Hätte ich heute freundlicher sein sollen? Wie mache ich den schlechten Eindruck wieder gut, den ich hinterlassen habe?

Wenn ich erstmal in dieser Gedanken-Schleife drin bin, hadere ich bald richtig mit mir:

Wäre ich nur mutiger gewesen und nach der Schule als Aupair-Mädchen nach Amerika gegangen! Dann könnte ich jetzt perfekt Englisch. Und hätte ich das Projekt doch nur meinen Kollegen überlassen! Dann hätte ich jetzt mehr Zeit. Und müsste ich meine erwachsenen Kinder nicht mehr ihren eigenen Weg gehen lassen?

Solche Grübeleien rauben mir den Schlaf. Offen gesagt: Sie bringen meistens nichts. Zum einen: Was war, ist nicht mehr zu ändern. Und zum anderen: Natürlich möchte ich manchmal anders reagieren oder sogar eine andere sein. Aber ich kann nicht aus meiner Haut. Und das gilt für alle: Aus einem stillen Menschen wird kein Alleinunterhalter, aus einem temperamentvollen kein gelassener Typ.

Und eigentlich ist das auch gut so. Jeder hat durch sein Temperament und Wesen ja vor allem Gaben und Talente. Und ich muss nicht immer souverän sein.

Zum Glück gibt es gute Freunde, die einem das so auch sagen. Eine Freundin hat mir mal das Lied „Grapefruit“ von Julia Engelmann vorgespielt. Da heißt es: „Ich wollte immer wie die anderen sein, nur dass das absolut nicht geht - und dass das absolut nicht geht, weil es die anderen ja schon gibt.“ Julia Engelmann erzählt weiter in dem Lied: „Der Tag, an dem das klar war, war für mich ein Neubeginn und ich kann heute sagen, dass ich meine beste Freundin bin.“

Die Frau hat Recht. Manchmal muss ich mir die weiße Flagge zeigen und Frieden mit mir schließen. Dann kann ich meine beste Freundin sein und zu mir stehen und sagen: Gott, ich danke dir, dass ich ich bin!

Und bestimmt wieder gut schlafen.

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