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Jesus - Narr oder Schrittmacher?
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Jesus - Narr oder Schrittmacher?

Winfried Hahner
Ein Beitrag von

Winfried Hahner,

Katholischer Pfarrer, Pfarrei Heiligste Dreifaltigkeit, Künzell-Pilgerzell
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Sie sind wieder losgelassen: die Narren. Landauf, landab steht Narretei auf dem Programm.

Narretei, laut Duden bedeutet dies: Scherz, übermütiges Tun, närrischer Spaß oder auch: Unsinn, törichte Handlung oder törichte Vorstellung.
In der zweiten Bedeutung, also törichte Handlung, scheint die Bibel auch so manche Narretei zu bieten. Vor allem durch Jesus. So erzählt der Evangelist Lukas im sechsten Kapitel (6,27-36) seines Evangeliums:

27 Euch aber, die ihr zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! 28 Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen! 
29 Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd!
Auch wenn Sie es nicht glauben, auch wenn es noch so weltfremd klingt: Das steht tatsächlich in der Bibel. Und es kommt noch dicker: 
30 Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand das Deine wegnimmt, verlang es nicht zurück! …..
35 Doch ihr sollt eure Feinde lieben und Gutes tun und leihen, wo ihr nichts zurück erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. 
36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! 
Das klingt nach schierem Wahnsinn, die Feinde lieben, denen Gutes tun, die einen hassen, dem, der dich auf die eine Wange schlägt auch noch die andere hinhalten, jedem geben, der dich bittet und wenn dir jemand etwas wegnimmt, es nicht zurück zu verlangen. Dann wird euer Lohn groß sein! Seid barmherzig! So kann doch nur ein Narr reden!

Musik: CD Dmitri Shostakovich, Dmitri Shostakovich „Polka“, Philadelphia Orchestra, Dauer: 02:12

Die Vorschläge Jesu klingen schon skurril, weltfremd! Sie stehen dem entgegen was seit Jahrhunderten „Mainstream“ ist und auch öffentlich propagiert wurde. So schrieb der griechische Dichter Archilochos schon im 7. Jahrhundert vor Christus: „Ich verstehe mich sehr wohl darauf, den, der mich liebt zu lieben und meinen Feind zu hassen und zu schmähen“.
Ja, nach diesen Leitgedanken handeln auch heute noch viele Menschen: Konkurrenzhaltungen, die den anderen fertig machen wollen, Herumstochern in den Schwächen des anderen, Gerüchte verbreiten, die Atmosphäre vergiften. Aber damit will ich mich nicht abfinden. Die Einstellungen Jesu gehen mir nach. Ich stelle mir vor: Wenn es mir und vielen anderen gelänge, seine Vorschläge in einer Sternstunde wirklich zu leben…! Dann würde sofort sichtbar: Diese Vorschläge sind goldrichtig. Denn was mangelnde Liebe, Egoismus, Hass und Feindschaft an Leid anrichten, davon ist die Geschichte der Menschheit voll bis auf den heutigen Tag. Jesu Vorschläge klingen zwar närrisch und weltfremd. Sie sind es aber ganz und gar nicht. 
Zum Thema Feindesliebe hat der österreichische Dichter und Essayist Erich Fried (1921-1988) treffend formuliert:

Weltfremd?
Wer denkt dass die Feindesliebe unpraktisch ist
Der bedenkt nicht die praktischen Folgen der Folgen des Fremdenhasses. 
(zitiert nach Lohfink S. 100)
Jesus hat diese Folgen der Folgen des Fremdenhasses bedacht und deswegen Vorschläge gemacht, wie es besser gehen kann. Allerdings haben seine Nachfolger und Nachfolgerinnen es in gut 2000 Jahren noch nicht geschafft sein Programm konsequent umzusetzen. Ob es daran liegt, dass Feindesliebe doch zu schwer ist? Da aber die Feindesliebe einfach streichen nicht geht, wurde verallgemeinert: alle Menschen sind zu lieben. Das klingt leichter. Da liegen wir Christen allerdings falsch. Davon steht nichts in der Bibel. 
Die Bibel ist viel zu realistisch, realistischer auf jeden Fall als unser deutscher Dichterfürst Friedrich Schiller. Ihm schwebte ja auch vor: „Alle Menschen werden Brüder…“ Wie bitte soll das gehen, bei etwas über 7,5 Milliarden Menschen? Sie alle zu lieben hat zwar Charme, funktioniert aber nicht. Die Liebe bleibt da nämlich zu allgemein, ein bloßes Gefühl. „Seid umschlungen Millionen. Diesen Kuss der ganzen Welt…“ Das ist Illusion. Beethoven hat diese Hymne Schillers in seiner 9. Symphonie zwar genial vertont, inspiriert durch die Französische Revolution mit der Parole: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Aber noch einmal: „Seid umschlungen Millionen“ bleibt Illusion.

Musik: CD Humoresques, Ferenc Farkas, „No. 4 Saltarello“, Serenade Orchestra, Dauer 01:02 

Wenn die Bibel von der Liebe zu allen Menschen redet, bezieht sie sich immer auf die Menschen mit denen wir konkret leben. Nicht mit irgendwelchen Millionen in Asien, Afrika, Amerika, Australien oder Ozeanien.
Der Evangelist Lukas konkretisiert in der gehörten Erzählung ja auch sofort:
„Wenn dich einer auf die eine Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin…“ und „ wenn dir jemand das Deine wegnimmt, verlang es nicht zurück“. 
Dass mich ein Eingeborener aus dem Amazonasgebiet auf die Wange schlägt oder mir etwas wegnimmt, kann ja nur dann passieren, wenn ich mich zu ihm aufmache oder er zu mir kommt. Solange das nicht passiert, muss ich ihn nicht lieben! Ich höre schon die Bedenkenträger: Wie kann ein Pfarrer sowas nur sagen. Das ist aber nicht christlich. Doch, und ich habe dafür einen namhaften Zeugen: den Apostelfürsten Paulus.

Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Rom:
„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! (Römer 12,17-18). 
Auch wenn er wie Jesus von „allen Menschen“ spricht, mit denen die Christen sich gut stellen sollen, meint er die konkreten Menschen in Rom und nicht die Germanen irgendwo hinter dem Limes. Mit denen kamen die Christen Roms nicht in Kontakt. Aber mit ihren Schwestern und Brüdern und den nicht christlichen Römern. Mit all diesen immer friedlich auszukommen, war schon eine Herausforderung. Da gilt es niemandem Böses mit Bösem zu vergelten und sich an die Weisungen Jesu zu halten.
Wenn mich ein Mensch auf die eine Wange schlägt – einer der anderen Evangelisten, Matthäus, spricht in seinem Evangelium konkret von der rechten Wange – dann schlägt er, wenn er Rechtshänder ist, im Normalfall mit dem Handrücken. Dies war zur damaligen Zeit ein Akt der Beleidigung. Und jetzt kommt die Liebe ins Spiel: Dem, der mich so beleidigt, halte ich auch die linke Wange hin. Das sieht wie eine Einladung aus: „Schlag zu!“ Dahinter steckt die Hoffnung, dass ihm jetzt ein Licht aufgeht. Denn ich schlage nicht zurück, werde aber auf andere Weise initiativ, indem ich mir die Moral Jesu zu Eigen mache: Egal, was der Anlass für deinen Schlag ist, du kannst mich nicht zum Zorn hinreißen. Ich schlage nicht zurück. Ich unterbreche vielmehr den Kreislauf der Gewalt. Ob ich den anderen dann auch schon lieben kann, zumal, wenn er mich vielleicht doch noch auf die linke Wange schlagen würde? Ich glaube, da hätte ich noch ein Problem. Aber zumindest hätte ich ein deutliches Signal gesetzt. Das ist ein erster Schritt.

Musik: Beethoven Symphonies Nos. 5 & 6, Ludwig van Beethoven, „Allegro“, NDR Symphony Orchester, Dauer: 03:42 

Die lieben, mit denen ich lebe! Ich spüre, was der Apostel Paulus meint, ist richtig, aber, und da regt sich mein christlich geprägtes Gewissen: Was ist mit den anderen, den Fernen? Soll ich aufhören die großen christlichen Hilfswerke Adveniat, Misereor, Brot für die Welt und wie sie alle heißen zu unterstützen. Ich kenne die Menschen doch gar nicht, denen das Geld zukommt! Das stimmt, aber - und das ist die spannende christliche Perspektive: Auch wenn ich diese Menschen nicht kenne, auch wenn Sie nicht meine Nächsten sind – ich könnte sie kennenlernen! Sie können meine Nächsten werden.
Zu dieser Überlegung wird beim Evangelisten Matthäus das Wort Jesu überliefert: 
„Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 
20 und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt, 28,19-20)
Alle Menschen aller Völker zu Jesu Jüngern machen. Also, doch alle lieben? Ja, aber mit Hilfe eines Netzwerkes. Das fängt schon vor meiner Haustüre an. Lassen Sie es mich konkret sagen: Ein erster Schritt: Ich öffne mich mit den Christen meiner Gemeinde auf Nichtchristen hin, auf Gäste, Fremde, Notleidende. Papst Franziskus nennt das Programm dafür: an die Ränder gehen. Er lebt es vor, feiert Gottesdienste in Gefängnissen. So werden die Inhaftierten zu Nächsten, spüren, da meint es jemand gut mit mir. 
Ein anderer Gedanke: Wir öffnen uns in Europa für die zu uns geflüchteten Menschen. So werden sie für uns zu konkreten Nächsten. In diese Richtung gibt es viele Schritte. So haben wir in unserem Ort ein Netzwerk gegründet. In ihm engagieren sich viele in unterschiedlichster Weise für und mit den geflüchteten Menschen. Die geflüchteten Menschen spüren, wir wertschätzen sie. Die Folge: Einige möchten Christen werden. In der Osternacht werden wir zwei der Geflüchteten taufen, nachdem sie eine fast zweijährige Vorbereitung mitgemacht haben.
Durch das sich Öffnen auf andere hin, hat sich das Christentum seit jeher ausgebreitet. Dadurch entstanden weltweit immer wieder neue Gemeinden. Diese waren nicht nur im Geist Jesu miteinander verbunden, sondern auch konkret in der Gemeinschaft der Kirche. Ganz modern könnten wir heute dazu sagen: im Netzwerk Kirche. Und mit einer großen Gemeinschaft im Rücken, fällt es leichter das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe Jesu zu praktizieren. Es muss dann nicht jeder jeden lieben, aber durch das weltumspannende Netzwerk, können alle geliebt werden. So kann auch die Welt verändert werden. Der Schriftsteller Stefan Zweig hat das auf seine Weise ausgedrückt: „Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.“ Vieles hat sich so schon zum Guten verändert, wenngleich wir täglich spüren: Es hapert noch an vielen Ecken. Aber auch da müssen wir realistisch bleiben. Das Angebot der Liebe muss nicht jeder annehmen. Die Freiheit, die uns Menschen von Gott gegeben ist kann jeder Mensch auch zum Nein gegenüber Gott und den Mitmenschen gebrauchen. Trotzdem: Wir sollten nicht aufhören, kleine Schritte zu gehen. Dann können wir, wie der Apostel Paulus es sagt soweit es uns möglich ist, mit allen Menschen Frieden halten. Und zum Glück gab es auch immer Menschen, die nicht nur kleine, sondern sogar große Schritte machten. Diese großen Schritte wurden anfangs oft, wie bei Jesus, als Narretei abgetan, weil sie so unvorstellbar waren. Sie stellten sich dann aber oft als hilfreich für die Menschen dar. Jesus gehört zweifelsohne zu den großen Schrittmachern.

Musik: CD Humoresques, Walter Zimmermann, Serenade Orchestra, Dauer: 05.33 

Musikalische Gestaltung: Regionalkantor Ulrich Moormann, Fulda

Die Idee für diese Morgenfeier ist entnommen aus: Gerhard Lohfink, Gegen die Verharmlosung Jesu, Freiburg 2013, ISBN 978-3-451-34147-2, Kapitel 5, Seite 98-112
 

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