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Geht es bergab?
Bild: Pixabay

Geht es bergab?

Dr. Paul Lang
Ein Beitrag von

Dr. Paul Lang,

Diakon und Lehrer für Latein, Musik und Religion in Amöneburg
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Der lateinische Dichter Ovid beschreibt in einem großartigen Gedicht die Entwicklung der Welt. An deren Anfang, schwärmt er, stand eine goldene Aera. Alle Menschen leben dort einträchtig miteinander, im Einklang mit sich und der Natur. Weder Gesetze noch Richter sind nötig. Alle tun von sich aus das Richtige. Es folgen, wie zu erwarten, ein silbernes, dann ein bronzenes, schließlich ein eisernes Zeitalter. Am Ende stehen Recht und Ordnung auf dem Kopf, Korruption, Zerstörung der Umwelt und Rücksichtslosigkeit sind an der Tagesordnung. Da leben wir heute. Ovid stellt fest: Alle Zeichen stehen auf Niedergang. Die Weltgeschichte ist eine Geschichte der Dekadenz, des Verfalls.

Die Überzeugung, dass „früher alles besser“ war, teilen viele mit Ovid. Aus der eigenen Biografie kennt jeder hinreichend Beispiele dafür. Ob es aber zutrifft, dass alles immer schlechter wird?Ein Wissenschaftsjournalist ist dieser Frage nachgegangen. Es ist Ranga Yogeshwar. In seinem Buch „Ausfahrt Zukunft“ schildert er an etlichen Beispielen ähnliche Erfahrungen wie Ovid. Er belegt mit Fakten und Untersuchungen absteigende Entwicklungen. Alles wird immer schlechter. Zumindest nehmen viele das so wahr und deuten die Fakten so. 

Am Ende seines Buches stellt Yongeshwar dem Leser eine überraschende Frage: „Fühlen sie sich glücklich?“ „Wir vermuten, 45 Prozent der Menschen in unserer Umgebung würden ‚ja‘ antworten, sie sind glücklich“, beschreibt er eine entsprechende Studie. „In Wirklichkeit aber sind es sogar 84 Prozent.“ Die Mehrzahl der Menschen ist glücklich. Dann holt Yogeshwar aus. Die Lebenserwartung der Menschen, die Anzahl der Demokratien weltweit, ein Welttrend zu immer weniger Gewalt: alles wird immer besser. Immer mehr Menschen können lesen und schreiben, genießen Bildung. Wirtschaftlich ist weltweit anhaltend Besserung festzustellen. Das verblüffende Resümee: Nie ging es den Menschen so gut wie heute!
Eigenartig: Wir setzen sehr auf Wissenschaft, auf Umfragen und Objektivität. Bei guten Nachrichten aber halten wir das nicht ohne weiteres durch. Schlechte Nachrichten und Katastrophenberichte erreichen eine viel höhere Aufmerksamkeit als Glücksfälle.

In der antiken Mythologie straft der oberste Gott, Zeus, die Menschen für den Raub des Feuers. Er schenkt ihnen eine Büchse, die sie nicht öffnen sollen, die Büchse der Pandora. Weil die Menschen ihm nicht folgen, entweichen aus ihr Krankheit, Unheil und alle Laster. Als die Dose endlich wieder geschlossen wird, bleibt ausgerechnet die Hoffnung in ihr zurück. So wird sie den Menschen vorenthalten. Wie furchtbar eigentlich! Ich bin überzeugt: Der neue Tag bietet mir Gelegenheit, das zu ändern. Gutes weiterzusagen und Optimismus zu leben sind nicht unmöglich. Wie schade wäre es, wider besseres Wissen unglücklich zu sein.

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