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Fürchtet euch nicht!
Jorisvo/GettyImages

Fürchtet euch nicht!

Ein Beitrag von

Sabine Müller-Langsdorf,

Evangelische Pfarrerin, Zentrum Oekumene, Frankfurt
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Mein Patensohn Lukas ist elf Jahre alt. Er liebt Meerschweinchen, kann gut rechnen und freut sich, dass er in den Weihnachtsferien ausschlafen kann. Vielleicht geht Lukas heute Abend mit seinen Eltern in die Kirche. Dann wird er Worte hören, die ein anderer Lukas vor 2000 Jahren aufgeschrieben hat: 

Eine gute Story vom Evangelisten Lukas

„Und es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging...“ Die darauf folgende Geschichte hat alles, was eine gute Geschichte braucht: das Wissen um die Macht der Mächtigen. Der Kaiser Augustus ordnet eine Volkszählung an. Jeder soll sich an den Ort begeben, von dem er stammt, und sich dort in Listen eintragen lassen. Der Kaiser kann Menschen von A nach B befehligen. Menschen wie Maria und Josef. Die spiegeln die Realität der besonders Verwundbaren wider, der Hochschwangeren, die auf ihrer Reise keinen Platz zum Gebären findet. In der Bibel steht: „Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Für eine gute Story fehlen auch nicht die magischen Wesen, die Engel samt ihren übernatürlichen Begleiterscheinungen. Der Himmel öffnet sich, Glanz und Gloria. Und die einfachen Leute, die Hirten auf dem Feld hören eine Engelsstimme: „Fürchtet euch nicht!“ Ja, der Evangelist Lukas konnte schreiben.   

Welche Worte werden meinen elfjährigen Patensohn Lukas erreichen? Wenn er nicht gerade - weil er ja gerne rechnet - die Minuten bis zur Bescherung zählt, dann wünsche ich ihm drei Worte, die in sein Ohr dringen: „Fürchtet euch nicht!“ Denn mein Patenkind Lukas kann manchmal nachts nicht schlafen. Er wacht auf und hat Angst, geht zu seiner Mutter und fragt: „Werde ich Wasser zum Trinken haben, wenn ich groß bin? Oder gibt es dann nur Hitze und Dürre wie letzten Sommer?“ Große Fragen für einen kleinen Lukas mitten in der Nacht. Es sind die Fragen der Kinder und Jugendlichen, die mit den „Fridays for future“-Demos im zu Ende gehenden Jahr auch Geschichte geschrieben haben. Auf ihren selbst gemalten Plakaten stand unter anderem der Satz: „Fürchtet euch!“

Menschen unterschiedlichster Herkunft unter einem Dach

Der Lukas vor 2000 Jahren, der die Weihnachtsgeschichte in der Bibel aufgeschrieben hat, kannte die Furcht der Menschen seiner Zeit. Er hat der Furcht ein eigenwilliges Bild zur Seite gestellt: das Bild vom Kind in der Krippe. Lukas schreibt:  Die Hirten „kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen“. Ist das eine Idylle, eine Momentaufnahme gelingenden Lebens? Oder ein Bild zum Erbarmen? Unbestreitbar ein Bild, in dem Menschen unterschiedlichster Herkunft - und vermutlich auch Tiere - für einen Augenblick unter einem Dach geschützt zusammen sind. In Freude und mit Staunen vor neu geborenem Leben.

Ich wünsche dem kleinen Lukas und uns allen heute an Heiligabend ermutigende Entdeckungen in den Bildern der Weihnachtsgeschichte des großen Lukas. Der hat übrigens seine Geschichte vom Ende her geschrieben. Er wusste, dass aus dem Kind in der Krippe der erwachsene Mann Jesus wurde. Jesus nahm Kinder ernst und sagte: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes!“ (Lukas 18,16)

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