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Erinnern heißt: Den Toten und Lebenden einen Platz geben
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Erinnern heißt: Den Toten und Lebenden einen Platz geben

Pia Baumann
Ein Beitrag von

Pia Baumann,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt-Bockenheim
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Heute ist Totensonntag, der letzte Sonntag des Kirchenjahres. Viele Menschen werden heute auf den Friedhof gehen. Ich auch. Ich werde das Grab meines Großvaters besuchen. Ich gehe gerne dorthin. Man erkennt das Grab schon von weitem. Denn es ist mit Erdbeeren bepflanzt. Im Sommer leuchten einem die kleinen roten Früchte entgegen.

Mein Großvater hatte immer Erdbeeren in seinem Garten. Und zwar nicht nur zwei oder drei Büsche, sondern ganze Beete voll. Als Kind habe ich es geliebt, mit ihm im Sommer die Früchte zu ernten. Zwei Erdbeeren ins Körbchen. Eine in meinen Mund. Daran werde ich mich erinnern, wenn ich nachher an seinem Grab stehe.

Zeit für Erinnerungen an einen geliebten Menschen

Jedes Jahr, wenn im Sommer die Erdbeeren reif sind, besuche ich sein Grab. Und nasche eine Beere, wie damals in meiner Kindheit. Dann sehe ich ihn vor mir. Meinen Großvater. Seine leicht gebeugte Haltung. Den schütteren Haarkranz. Die Art, wie er die Arme verschränkte. Der Mund immer ein wenig verkniffen. Mein Großvater war ein widersprüchlicher Mensch.

Der geduldige Großvater

Er konnte unglaublich liebevoll und geduldig sein. Stundenlang hat er mir vorgelesen. Die Märchen der Brüder Grimm. Immer wieder. Und zwar alle. Auch die unbekannten. Er brachte mir das Fahrradfahren bei. Hielt den Sattel fest und lief gebückt solange neben mir her, bis ich es konnte. Ich möchte gar nicht wissen, wie sich sein Rücken danach angefühlt hat. Wenn ich so an ihn denke, merke ich: Ich würde ihn gerne noch einmal in den Arm nehmen. Ihm sagen, wie lieb ich ihn habe. Dass er mir fehlt.

Der verschlossene Großvater

Und auch, dass er mir manchmal Angst gemacht hat.  Es war nicht immer leicht mit ihm. Es gab Zeiten, da durfte man ihn nicht ansprechen. Da hing er seinen Gedanken nach. War unleidlich und reizbar. Mitunter sogar verletzend in dem, was er sagte und tat. Als Kind fand ich das schwer zu verstehen.

Heute weiß ich, dass mein Großvater Schlimmes im Krieg erlebt hat. Und auch danach. Er war viele Jahre lang in Kriegsgefangenschaft. Vielleicht hat er auch selber Schlimmes getan. Ich weiß es nicht. Er sprach nie darüber. Und ich konnte ihn damals auch nicht fragen.

Ich weiß nur, was andere mir erzählt haben: Als er nach über zehn Jahren aus dem Krieg zurück zu seiner Familie kam, war er ein anderer Mensch. Das sagt man ja von vielen, die damals ein solches Schicksal hatten. Sie hatten keine Worte für die Schrecken des Krieges.Sie blieben stumm. Die schlimmen Erinnerungen konnten und wollten sie mit niemandem teilen.

Vieles woran ich mich heute bei meinem Großvater erinnere, bekommt vor diesem Hintergrund einen Sinn. Ich habe das damals nicht verstanden. Schade, dass ich so manches nicht gefragt oder gesagt habe, als er noch am Leben war.

Aber: Ich war jung. Über Tod und Sterben dachte ich als Kind und Jugendliche nicht groß nach. Auch nicht daran, dass mein Großvater plötzlich nicht mehr da sein könnte. Aber das hat sich geändert. Denn ich bin älter geworden.

Der Tod gehört zum Leben

Je älter ich werde, desto öfter denke ich an den Tod. Ich merke, dass ich darüber nachdenken muss. Und will. Denn der Tod gehört zum Leben dazu. Ich kann mich vor ihm nicht verstecken. Meine Zeit ist begrenzt. Und das hat Konsequenzen. Für mich und für andere.

Schon vor über 3000 Jahren hat jemand ein Gebet aufgeschrieben, das die Sache, finde ich, ziemlich gut zusammenfasst. Nämlich: Gott, lass uns begreifen, welche Zeit wir zum Leben haben, damit wir klug werden. (Ps 90,12)

Heute, an Totensonntag wird auch in den evangelischen Gottesdiensten darüber nachgedacht. In unserer Kirche in Frankfurt-Bockenheim wird mitten vor dem Altar ein großes Holzkreuz auf dem Boden liegen. Es ist mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Daneben stehen auf jeder Seite zwei Tische. Auch sie sind schwarz verhüllt. Auf den Tischen hunderte Teelichter.

Für jeden Toten ein Licht

Nach und nach werden dann Namen vorgelesen. Verstorben ist Ilse Müller im Alter von 81 Jahren. Wir werden eine Kerze für sie anzünden.

Verstorben ist Jürgen Fischer im Alter von 69 Jahren. Wir werden eine Kerze für ihn anzünden.

Es sind die Namen derer, die dieses Jahr gestorben sind. Nach jedem Namen wird ein Augenblick Stille sein. Dann geht ein Konfirmand oder eine Konfirmandin zum Tisch, nimmt ein Teelicht und zündet es an. Das Licht wird auf das am Boden liegende Kreuz gestellt.

So geht es, bis alle Namen genannt sind. Im Anschluss kommen die Gottesdienstbesucher nach vorne. Auch sie nehmen sich, jede und jeder, ein Teelicht und zünden es an. Am Ende ist das schwarze Kreuz fast vollständig mit Teelichtern bedeckt. Für jeden Toten ein Licht. So wird es heute in meiner Gemeinde sein.

Totensonntag - der letzte Sonntag im Kirchenjahr

So oder so ähnlich ist es heute in allen evangelischen Gemeinden. Denn heute ist Totensonntag, der letzte Sonntag im Kirchenjahr.  In einer Woche ist erster Advent. Und das Kirchenjahr beginnt wieder neu.

Aber heute halten wir inne. Wir denken an die, die gestorben sind. Im vergangenen Jahr oder auch schon vor längerer Zeit. Im flackernden Licht der Kerzen, in den Gedanken sind sie unter uns.So wie sie waren. Mit all ihren liebenswerten und auch ihren schwierigen Seiten.

Der mit den Erdbeeren

Ich selbst denke heute ganz bewusst an Menschen, denen ich viel verdanke. Sie haben mein Leben bunter, nachdenklicher, reicher oder kurz gesagt: lebenswerter gemacht. Ohne sie, wäre ich nicht die, die ich bin. Sie bilden die Basis für mein Leben. Wie mein Großvater, der mit den Erdbeeren.

Deshalb glaube ich, ist es wichtig, die Erinnerung wach zu halten. Nicht nur heute. Im Gottesdienst. Auch im Alltag. Erinnern kann man sich immer und überall. Erinnern heißt: Den Toten in unserem Leben einen Platz geben.

Fotos und Lieblingsstücke für die Erinnerungsecke

Erinnern kann man sich immer und überall. Und auf unterschiedliche Weise. Ich kenne Menschen, die sich zuhause eine Erinnerungsecke an geliebte Menschen einrichten. Dort stellen sie Fotos auf. Von der verstorbenen Mutter. Oder dem Bruder. Der engen Freundin. Dort liegen auch kleine persönliche Gegenstände. Das nicht fertig gewordene Strickzeug. Der Schlüsselanhänger. Die Lieblingstasse. Das Lieblingsbuch.

Auf den ersten Blick vielleicht unscheinbar. Aber als Erinnerung an den jeweiligen Menschen unglaublich wertvoll. Auch ich habe solche Erinnerungsstücke, die mich begleiten. Sie sind mir lieb und teuer.

Es geht auch um die Lebenden!

Aber warum sollen Erinnerungen eigentlich immer nur zurück in die Vergangenheit gehen? Zu den Toten? Warum erinnern wir uns nicht ganz bewusst auch an die, die das Leben mit uns teilen?

In einem alten Kirchenlied heißt es: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“. Das stimmt. Am heutigen Tag wird das besonders deutlich. Dem Tod kann ich nicht ausweichen. Aber noch lebe ich. Und ich merke: Wenn ich nachdenke über den Tod, dann geht es immer auch um mich. Dann geht es immer auch um die Lebenden. Was ist mit meiner Familie, den Freunden, den Kolleginnen?

Den Toten kann ich nur noch in Gedanken begegnen, aber die Menschen um mich herum, sie sind da. Ich frage mich: Wie wäre es, den Toten-Sonntag als Impuls zu nehmen. Wie wäre es ihn als einen Tag der Lebenden zu sehen? Einen Tag, an dem ich mir bewusst vor Augen führe: Auch ich muss irgendwann sterben. Aber: noch ist es nicht so weit. Noch habe ich Zeit. Und die will ich klug nutzen.

Wie möchte ich in Erinnerung bleiben?

Zum Beispiel, indem ich mich frage: Wie möchte ich eigentlich in Erinnerung bleiben? Im Geschmack einer Erdbeere, das wäre schön. Aber ich glaube, da geht noch mehr. Habe ich meinen Kindern oft genug gesagt, dass ich sie liebe? Meinen Eltern, was ich ihnen verdanke? Meinem Mann, was er für mich ist?Meiner Freundin gedankt, für ihre offenen Ohren, ihre Loyalität und ihr unbeschwerte Leichtigkeit?

Jeden Tag gibt es so viel, was mich mit den Menschen um mich herum verbindet. Es wäre schön, wenn ich es öfter aussprechen würde. Viel zu oft bleibe ich stumm. Weil anderes gerade wichtiger scheint. Oder weil ich Angst habe, dass es mich oder andere verletzten könnte.

Und da bin ich wieder bei meinem Großvater. Ich kann ihn nichts mehr fragen. Ich kann ihm nichts mehr sagen. Aber anderen schon. Das möchte ich heute mit in den Tag nehmen. Meine Zeit ist begrenzt. Aber ich darf sie nutzen. Mit Gottes Hilfe.

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