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Engel - Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein

Engel - Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein

Ein Beitrag von

Michael Geisler,

Pastor, Evangelische Freikirche, Hessisch Lichtenau

Wenn man nach Bildern von Engeln sucht, begegnet immer wieder ein Name: Marc Chagall. Der große Künstler hat häufig Engel dargestellt. Chagall wurde 1887 im heutigen Weißrussland geboren. Hauptthemen seiner Werke sind seine Familie, sein Heimatort Witebsk, heute Weissrussland. Ganz oft malt Chagall Motive aus der Bibel, aber auch Szenen aus dem Zirkus. Chagall hat Radierungen angefertigt, Mosaike gestaltet, Kirchenfenster entworfen und Theaterkulissen gebaut. Er arbeitete mit Öl, Kreide und vielen anderen Materialien. Er gilt als einer der bedeutendsten Maler und Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts. Von Weißrussland kommend, wanderte er über Deutschland nach Frankreich aus und ließ sich in Paris nieder. Nachdem er während des Zweiten Weltkrieges in die USA emigriert war, kam er nach dem Krieg dann wieder zurück in seine Wahlheimat Paris. 1985 stirbt Chagall im Alter von 97 Jahren in Südfrankreich.

Was die Menschen an Chagall lieben: Seine Farben, seine Leichtigkeit. In seinen Bildern bringt er Dinge zusammen, die man manchmal träumt, die paradox sind: fliegende Kühe, Menschen mit Eselsköpfen, ein Rind mit einem Sonnenschirm. Der Eiffelturm schwebt wie die farbenprächtigen Blumensträuße. Vor allem aber gestaltet er immer wieder Gegenstände und Symbole aus dem Judentum. Da fliegen Thorarollen durch die Luft, die fünf Bücher Mose und der siebenarmige Leuchter. Viele sagen: er ist einer der wenigen Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts, dem es gelingt, die Geschichten der Bibel in Bilder zu übertragen. Chagall ist als frommer Jude aufgewachsen. Er hält sich an die hebräische Bibel, das Alte Testament. Die Bibel sagt: Gott selbst kann kein Mensch sehen, geschweige denn ein Bild von ihm machen. Aber Gott sendet manchmal einen Engel als Vertreter zu den Menschen. In Marc Chagalls frühen Werken wimmelt es von Engeln.

Er malt sie in vielen Farben. Es kommt nicht so sehr darauf an, wie sie aussehen, da ist der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Die Erfahrung der Menschen der Bibel und auch später ist: Selten erkennt man einen Engel direkt. Manchmal im Nachhinein. Engel sind in Gottes Auftrag unterwegs. Doch ihr eigentlicher Auftrag ist das, was sie sagen. Das Wort Engel kommt vom griechischen „Angelos”. Das heißt Bote. Auch das hebräische Wort für Engel bedeutet einfach nur Bote. Sie brauchen keinen Kult um sich. Sie wollen nicht verehrt werden. Sie selbst treten in den Hintergrund. Wichtig ist, was sie sagen. In der Bibel überbringen die Engel vor allem eine Botschaft: „Fürchte dich nicht!” Engel tauchen immer dann auf, wenn es kritisch wird. Wo es schwierig ist, machen sie Menschen Mut zum Leben. Manchmal zeigen sie überraschend neue Wege auf. Mir gefallen Chagalls Engel. Für mich sind es Bilder für die Erfahrung, die ein Gedicht von Rudolf Otto Wiemer ausdrückt:

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.
(…) vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,
oder er wohnt neben dir, Wand an Wand, der Engel.
Dem Hungernden hat er das Brot gebracht, der Engel.
Dem Kranken hat er das Bett gemacht,
und er hört, wenn du ihn rufst, in der Nacht, der Engel.
(…)

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