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Ein Wunder an Herz
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Ein Wunder an Herz

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Ein Wunder an Herz war sie. Milena Jesenská (1896 – 1944) aus Prag. Leidenschaftlich, lebenslustig und hilfsbereit. In allem. Ihr Herz war fest. Auch dann, als die Deutschen sie ins Vernichtungslager Ravensbrück in Brandenburg schafften. Da war sie 44 Jahre alt. Und behielt ihr festes Herz. Wo immer sie konnte, half sie. Unterstützte Hungernde, Juden, kranke Frauen. Sie konnte auch lügen, um zu helfen. Keinen wies sie ab. Auch für sich sorgte sie. Sie wollte nicht untergehen. Wollte wieder zu ihrer Tochter Jana. Die lebte in Prag beim Opa. Finstere Zeiten waren das. Alles war durcheinander geraten. Wer gestern verfolgt wurde, konnte morgen schon Herrscher sein. Wer kürzlich die richtige Sprache hatte, sprach auf einmal die falsche. Nur eine Sprache versteht jeder. Die Sprache vom festen Herz. Das hatte Milena, die tapfere. Vor Jahren war sie mal Freundin von Franz Kafka. Seine Angst aber heilte sie nicht. Sein Leben auch nicht. Angst war ihr verdächtig. Lebensangst erst recht. Und sich verkriechen sowieso. Lieber blieb sie aufrecht stehen. Nahm ihr Herz in die Hände. Gegen Angst hilft ein festes Herz. Und ein kleines Kreuz der Mutter in der Tasche. Bis Milenas Nieren versagten. Im Vernichtungslager. Ein deutscher Arzt wollte sie noch retten, 1944. Es war zu spät. Ihr Herz hörte auf zu schlagen. Sie war 48 Jahre alt.
Der einstmals Geliebte, Franz Kafka (1883 – 1924), war da schon tot. Und hat den schönsten Satz über sie geschrieben. Schön wie das Leben. Kafka schreibt: Mit ihren Augen strahlte sie alles Leid dieser Welt nieder. Ihr Wunder an Herz lag auch in den Augen. Ihr Blick war herzlich, buchstäblich. Die Hände auch. Viel konnte sie nicht tun. Ihre Kräfte waren klein. Ihre Möglichkeiten begrenzt, wie bei uns. Aber was sie konnte, tat sie. Sie zeigte ihr Herz. Sie verdammte nicht. Sie richtete auf. Ihr Herz fühlte die Not der anderen Herzen. Und linderte sie. Mit einem Stück Brot, einer Münze, einer Schummelei bei Behörden, einem Brief. Wer sein eigenes Herz fest machen will, schafft das nicht. Wer das Herz anderer festigt, macht auch sein eigenes fest. Es ist köstlich, wenn das Herz fest ist und bleibt. So war sie, die Milena aus Prag. Begnadet mit einem Wunder an Herz.

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