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Das Recht, gesehen zu werden

Das Recht, gesehen zu werden

Stephanie Rieth
Ein Beitrag von

Stephanie Rieth,

Katholische Pastoralreferentin, Bischöfliches Priesterseminar St. Bonifatius Mainz
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Immer wieder begegnet mir in der Stadt eine obdachlose Frau. Eigentlich weiß ich ja gar nicht so genau, ob sie obdachlos ist. Vielleicht ist sie auch einfach nur völlig mit dem Leben überfordert. Sie riecht unangenehm, sieht unsauber aus und wirkt so, als ob sie entweder betrunken ist oder unter der Einwirkung von Medikamenten steht.

Ab und zu habe ich ihr schonmal ein bisschen Kleingeld gegeben, wenn sie mich danach gefragt hat. Letztens ist sie mir wieder über den Weg gelaufen. „Haben Sie vielleicht ein bisschen Geld für mich?“, fragte sie wie immer. Ich hatte gerade überhaupt kein Kleingeld dabei und hab ihr das mit Bedauern gesagt. „Macht nichts!“, war ihre Antwort. Sie war schon im Weggehen, da hat sie sich noch einmal umgedreht: „Sie riechen gut, ist das von Chanel? Das erkenne ich, das probiere ich immer im Laden. Ich mag das.“ Und mit einem Lächeln ist sie weitergegangen. Mein Parfum ist nicht von Chanel, aber diese Situation hat mich sehr berührt.

Da ist eine Frau, die mit dem Leben nicht klarkommt, ziellos in der Stadt herumirrt, sich aus dem Müll und von Almosen ernährt – mittellos, traurig, und doch zaubert ihr der Duft von Parfum ein Lächeln ins Gesicht.

Eine Woche später habe ich sie wiedergesehen, in einem Laden. Mit Rabattcoupons hat sie vor mir an der Kasse ein paar Süßigkeiten bezahlt. Die Verkäuferin hat Ihren Widerwillen nicht zurückgehalten, sie hat das Gesicht verzogen und sich sehr auffällig die Hände desinfiziert, so dass es die Frau noch sehen konnte.

Ich weiß nicht, ob die Frau das tatsächlich auch wahrgenommen hat, aber ich stelle mir das ziemlich verletzend vor. Man sieht ihr nicht an, warum sie in diese Lage gekommen ist. Sie wird eigentlich kaum angesehen, und wenn, dann eben nur mit Widerwillen.

Um das Gesehen-Werden geht es heute auch bei einem ganz besonderen Gedenktag. Heute ist der „Internationale Tag für das Recht auf Wahrheit über schwere Menschenrechtsverletzungen und für die Würde der Opfer“. Ein langer Name – aber mir ist dieser Tag wichtig. Vermutlich ist die obdachlose Frau kein Beispiel für eine schwere Menschenrechtsverletzung, aber wer weiß das schon? So oder so empfinde ich sie in ihrer Würde bedroht. Und das Recht auf Wahrheit beinhaltet das Recht, gesehen zu werden, mit dem, was einen im Leben bedroht.

Vielleicht muss man hier in unserem Land, in dem es den meisten gut geht, genauer hinschauen, um zu erkennen, wo Menschenrechte und -würde verletzt werden.

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Folter, Terror, Hunger, Korruption und Todesstrafe: So sehen die offensichtlichen Menschenrechtsverletzungen in manchen Ländern aus. Venezuela, Afghanistan, Indien und Syrien sind nur einige der Länder, in denen man nicht besonders genau schauen muss, um zu sehen, wo die Würde von Menschen verletzt wird.

Offensichtlich war das auch damals, am 24. März 1980, als Oscar Romero, der Erzbischof von San Salvador, im Auftrag der Militärregierung ermordet wurde - heute also vor 39 Jahren.

El Salvador war in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Schauplatz von Differenzen: wenige Reiche gegen viele Arme, Herrscherfamilien gegen Arbeiter und Bauern, Militär gegen Guerilla, Unterdrücker gegen Unterdrückte.

Oscar Romero kämpfte als Bischof der Hauptstadt gegen dieses System – nie mit Gewalt, sondern immer mit Worten.

Als er 1977 ein Massaker an der Bevölkerung miterleben muss, bei dem auch ein Ordenspriester stirbt, entschließt er sich zur ganz entschiedenen Option für die Armen.

Er sieht die Unterdrückten, die Ausgebeuteten, die wahllos Ermordeten, die politisch Gefangenen, und gibt ihnen eine Stimme.

Er verurteilt die Gewalt – die der Rechten wie die der Linken.

Unter den Mitbischöfen hat er kaum Freunde – die meisten wollen ein möglichst unbehelligtes Leben ohne Stress mit der Militärregierung.

Aber Romero steht auf der Seite der Bevölkerung, auf der Seite der Armen, und seine Predigten werden Woche für Woche ersehnt und ins ganze Land übertragen.

Er wird zu einem entschiedenen Vertreter und Vorreiter der Befreiungstheologie.

Für die Anhänger dieser Richtung ist eine Stelle in der Bibel besonders wichtig: Das Loblied, das Maria auf Gott singt. Da heißt es: „Er, [Gott,] stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Diese Haltung wurde als Kampfansage verstanden – von den Machthabern in El Salvador und auch in gewissen Kirchenkreisen. Im Vatikan jedenfalls hat man Romero kritisch beobachtet, denn die Befreiungstheologie ist immer auch eine Anfrage an hierarchische Strukturen gewesen.

Einen Tag nach einer besonders deutlichen Predigt ist Oscar Romero von einem Mitglied der sogenannten Todesschwadronen erschossen worden.

Vor fünf Monaten ist Romero von Papst Franziskus heiliggesprochen worden.

Die Kirche hat sich offiziell zu ihrem Bischof bekannt: Er ist einer von denen, die im Leben und im Sterben eine besondere Nähe zu Gott hatten. Ein Vorbild, zu dem man aufblicken kann, von dem man lernen kann, hinzuschauen, wo Menschen in ihrer Würde und in ihren Rechten verletzt werden. Erzbischof Romero ist einer, der der Wahrheit verpflichtet war. Und er ist deswegen ein Vorbild – auch für mich.

Musik

Der Wahrheit verpflichtet.

Oscar Romero selbst ist erst 38 Jahre nach seinem Tod Gerechtigkeit widerfahren. Wenige Tage nach der Heiligsprechung wurde einer der Drahtzieher seiner Ermordung verhaftet. Erst da wurde die Wahrheit über seinen Tod wirklich aufgedeckt.

Um Romero zu ehren und all die anderen, die wie er für Menschenrechte und -würde kämpfen, wurde dieser Gedenktag ausgerufen: Ein Tag für das Recht auf Wahrheit über schwere Menschenrechtsverletzungen und für die Würde der Opfer.

Ja, man stolpert ein wenig über den Titel und man braucht mehrere Anläufe, um ihn sich ganz merken zu können. Aber vielleicht ist es gerade gut, dass man darüber stolpert.

Der Gedenktag fordert mich auf: Sieh hin, wo Unterdrückung, Folter und Unrecht herrschen! Schweige nicht, sondern erhebe deine Stimme, setz dich ein für die Armen, für Recht und Gerechtigkeit! Vertusche nicht das Böse, sondern stelle dich der Wahrheit und sorge dich um die Würde der Opfer!

Damit ist der heutige Gedenktag aber auch ein wichtiger Denkzettel für die Kirche.

Es ist besonders schlimm, dass die Kirche selbst die Verletzung von Menschenrechten und -würde ermöglicht hat. Zahlreiche Menschen wurden missbraucht und gedemütigt von denen, die für diese Kirche arbeiten.

Die Bischöfe müssen sich deswegen jetzt ohne Kompromisse einsetzen für das Recht auf Wahrheit und für die Würde der Opfer.

Aber der Gedenktag richtet sich nicht nur an die Großen, die Machthaber und Bestimmer. Auch ich bin gefordert hinzusehen. Die Menschen anzusehen, die mir begegnen. Und das kann auch heißen: Ich überwinde meine Scheu und meinen Widerwillen und begegne dem anderen mit Würde – egal wie er aussieht, wie er redet, was er erlebt hat, wie er riecht. Die wichtigste Wahrheit ist: Er ist ein Mensch wie ich, er hat ein Recht auf Würde – ohne wenn und aber.

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