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Auf der Flucht
Bild: David Mark/Pixabay

Auf der Flucht

Anke Haendler-Kläsener
Ein Beitrag von

Anke Haendler-Kläsener,

Evangelische Krankenhauspfarrerin, Flieden
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„My name is Iman Amini from Iran. Mein Name ist Iman Amini.“ Die Stimme des jungen Mannes geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich höre sie im Radio am frühen Morgen, während ich mich fertigmache. Draußen hat der Schnee eingesetzt. Die kalte Luft weht durchs Fenster des Badezimmers. Ich fröstele. Vielleicht ist er mir deshalb plötzlich so nah, dieser Iman.

Eine Reporterin hat das Flüchtlingslager in Lipa besucht, in Bosnien an der Grenze zu Kroatien. Sie will über die Lage der Flüchtlinge dort berichten. Kurz vor Weihnachten sollte das Lager geräumt werden, weil es nicht winterfest gemacht worden war. Dabei brannten auf einmal einige der primitiven Zelte ab. Seitdem sind die Menschen dort gestrandet. Es geht nicht vor und nicht zurück – und das mitten im eisigen Winter. Sie können sich nicht schützen, schlafen auf dem nackten gefrorenen Boden und frieren jämmerlich. „Verzweiflung pur“ hat die Reporterin ihren Bericht überschrieben.

Sie möchte ins Gespräch kommen und einige O-Töne aufnehmen. Da platzt es plötzlich aus einem der Umstehenden heraus: „My name is Iman Amini from Iran. Mein Name ist Iman Amini.“ Aus der Beschreibung wird eine Anklage der westlichen Welt: Ihr interessiert euch nicht für das Elend hier. Ihr seid doch Europa! Wo bleibt eure Humanität, eure Menschlichkeit?!
Vorher war das Elend der Geflüchteten für mich weit weg, eher abstrakt. Jetzt bekommt es einen Namen und ein Gesicht. Vorher hatte ich Ortsnamen im Kopf: Lesbos. Moria. Lipa. Aber nun auf einmal drängt sich ein Mensch nach vorn: Iman Amini. Ich höre seine Stimme, ich sehe ihn vor mir. Und damit geht er mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich stehe fröstelnd im Bad und stelle mir vor, wie sich das anfühlen muss nur gut Tausend Kilometer weiter südöstlich. Wirklich vorstellen kann ich es mir nicht. Aber die Stimme lässt mich nicht mehr los.
Diese Reportage am frühen Morgen bewirkt etwas, das ich auch vom Lesen der Bibel kenne: Hinter allgemeinen Wahrheiten tauchen konkrete Schicksale auf. Es geht um ganz bestimmte Menschen, um Personen. Und damit kann ich sie nicht mehr nur aus der Distanz betrachten. Ich werde mit hinein gerissen in ihre Geschichte. Ein Strudel zieht mich hinein mitten in ihr Leben.

Musik  Olivier Messiaen, Vingt Regards sur l’Enfant-Jésus, No. I 

Auch in der Bibel gibt es viele Geschichten von Menschen auf der Flucht. Auch dort haben die Geflüchteten einen Namen und ein Gesicht. Eine Geschichte möchte ich heute näher betrachten.

Die Familie lebt in Bethlehem in Juda – dasselbe Bethlehem im jüdischen Land, von dem wir in der Weihnachtsgeschichte vor ein paar Wochen so viel gehört haben. Vater Elimelech, Mutter Noomi und deren zwei Söhne. Eigentlich geht es ihnen gut in ihrer Heimat, aber dann droht eine Hungersnot im Land. Es hat lange nicht mehr geregnet, die Ernte bleibt aus. Statt saftiger Kornhalme nur dürre Disteln und Dornen. Das ist besonders merkwürdig in einer Stadt mit diesem klingenden, verheißungsvollen Namen: Beth-Lehem. „Haus des Brotes“ bedeutet das eigentlich.

Wer Sorge hat, seine Lieben nicht mehr ernähren zu können, der kommt schnell auf den Gedanken, sich ein neues Zuhause zu suchen. Eigentlich versteht es sich von selbst: Dem beißenden, nagenden Hunger will niemand seine Kinder aussetzen. Und so heißt es in der biblischen Geschichte auch kurz und bündig: Zu der Zeit entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen. (Ruth 1,1)

Sie nehmen es auf sich, ihre Heimat zu verlassen und in der Fremde zu leben. Zuerst sieht es auch so aus, als könnte das gelingen. Doch nach kurzer Zeit stirbt der Vater, und Noomi bleibt zurück allein mit zwei Söhnen. Sie trauert um ihren Mann.

Die damalige patriarchale Gesellschaft erlaubt nicht, dass eine Frau sich allein und selbständig um ihre Familie kümmert. So ist es gut, dass sie zwei Söhne hat. Die beiden Söhne haben sich gut in der Fremde eingelebt. Sie arbeiten und heiraten zwei moabitische Frauen. Nun könnte eigentlich Ruhe einkehren, und einige Jahre lang ist das auch so. Die Fremde wird zur neuen Heimat.

Aber dann sterben auch die zwei jungen Männer. Zurück bleiben Noomi und ihre beiden Schwiegertöchter Orpa und Ruth. Drei Witwen, noch dazu kinderlos – das ist eine Katastrophe. Für Witwen gab es damals keinerlei soziale Absicherung. Leider ist das noch heute so in manchen Ländern der Welt. Ihnen droht die Prostitution oder aber wieder der Hungertod.

Aber zum Glück wendet sich das Blatt noch einmal. Noomi hört davon, dass ihre Geburtsstadt Bethlehem doch wieder zum Beth-Lehem, zum Haus des Brotes geworden ist. Die Hungersnot dort ist überstanden, und so besteht eine Chance zum Überleben. Sie entschließt sich zurückzukehren. Natürlich weiß sie nicht, was sie dort erwarten wird. Sie hat ihren Mann und beide Söhne in der Fremde beerdigt. Aber trotzdem will sie es versuchen. Sie erlebt dabei, wie Gott sie trägt und unterstützt. Er hat sie in die Fremde begleitet, und nun ist er auch bei ihr auf dem Weg zurück.

Die eine Schwiegertochter bleibt vernünftigerweise zurück in Moab. Noomi drängt sie sogar dazu, denn dort kann sie noch einmal heiraten und damit einen neuen Versorger finden. Aber die zweite, Ruth, bleibt stur. Sie will ihre Schwiegermutter nicht allein ziehen lassen und macht sich mit ihr auf den Weg. Wie bisher Noomi dieses Stigma trägt, wird nun Ruth zur Fremden, zur Ausländerin. Die beiden Frauen kommen nach vielen Jahren allein ohne Männer zurück nach Bethlehem. Eine heikle Situation.         

Aber Ruth fällt bald dadurch auf, dass sie fleißig ist und tapfer. Sie lebt sich in die neuen Sitten und Bräuche ein und bleibt nicht fremd. Sie ist offen und interessiert sich für alles Neue. Eine gelungene Integrationsgeschichte. Ende gut, alles gut. 

Durch eine List – das wird mit viel Humor erzählt – findet sie sogar noch einen neuen Ehemann. Boas und sie bekommen ein Kind zusammen. Dadurch wird Ruth, die Moabiterin, die Fremde, zur Urgroßmutter von König David. Das ist bemerkenswert. Sie taucht sogar im Matthäusevangelium im Stammbaum Jesu auf: Boas zeugte Obed mit der Ruth. Obed zeugte Isai. Isai zeugte den König David. (Matthäus 1,5)

Und die Moral von der Geschicht`? Der Bibel sind Fragen von Nationalität oder Rasse völlig wurscht.

Musik Olivier Messiaen, Vingt Regards, No. III

Die Bibel ist voll von Geschichten von Menschen, die auf der Flucht sind. Sie werden in den Mittelpunkt, in den Fokus gerückt. Damit wird deutlich: Gott stellt sich an die Seite der Geflüchteten. Er ergreift Partei für die, die am Rand stehen.

Jesus, der Messias wird als kleines Kind in der Krippe in Bethlehem geboren. Wieder dieses Beth-Lehem, dieses Haus des Brotes. In einem weit entfernten Land sehen Sterndeuter einen hellen Stern am Himmel stehen, den sie bisher noch nicht entdeckt hatten. Die Neugier treibt sie an, ihn näher zu beobachten und nachzuforschen. Und so machen sie sich auf den Weg zuerst nach Jerusalem in den Königspalast, dann aber ins unscheinbare Bethlehem. Herodes schickt sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dorthin – schon hier wird deutlich, dass der König nervös wird. Er befürchtet politische Konkurrenz und kann nicht verstehen, dass dieses kleine Kind gerade die Ablösung aller weltlichen oder militärischen Macht ist, sie in Frage stellt. Die Sterndeuter tun das einzig richtige: Sie verneigen sich vor diesem kleinen Kind. Eine Geste, die sie vielleicht noch gar nicht verstehen, die aber genau das ausdrückt: Hier werden alle Verhältnisse von Macht und Ohnmacht umgedreht. In späteren Überlieferungen werden die Sterndeuter zu den Heiligen Drei Königen – und damit wird diese Demutsgeste noch deutlicher. Bei den meisten Krippendarstellungen stehen die hohen Herren neben dem Kind in der kleinen Krippe, neben Hirten und ihren stinkenden Viechern. Sie reihen sich ein in die Zahl derer, die eigentlich namenlos sind. Der hochherrschaftliche Besuch muss den Kopf einziehen, die Krone abnehmen, die Knie beugen. Das ist die Grundhaltung der Weihnachtsgeschichte. Sie ist keineswegs nur süßlich wie der holde Knabe im lockigen Haar.

Jesus und seine Eltern entgehen dem ersten Mordanschlag des Herodes nur, weil die Sterndeuter bei seinem Betrug nicht mitspielen. Statt das Kind zu verraten, ziehen sie auf einem anderen Weg wieder nach Hause. Doch schon bald wird klar, dass das Damoklesschwert weiter über ihren Köpfen schwebt. Herodes will alle Kinder bis zu zwei Jahren töten lassen. Dem entgeht die kleine Familie nur durch ein Wunder: Da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich´s dir sage. Denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten. (Matthäus 2,17f) 

Genauso passiert es. Sie flüchten Hals über Kopf bei Nacht nach Ägypten und bringen sich in Sicherheit. Sie bleiben dort, bis sie die Nachricht erreicht, dass der König Herodes gestorben ist. Da trauen sie sich vorsichtig wieder zurück.

Musik Olivier Messiaen, Vingt Regards, No. XV

Jesu Leben ist von Anfang an durch Flucht geprägt. Seines genau wie das von Noomi und Ruth – und wie das vieler Millionen anderer Menschen. Wie gut ist es, wenn dann jemand diese erlösenden Worte sagt: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich´s dir sage.

Diese Worte sind an Josef gerichtet. Bei ihm und Ruth geht die Geschichte von der Flucht gut aus. Sie finden ein neues Zuhause. Eine neue Heimat. Steh auf, geh, flieh, ich bleibe bei dir.
Ich meine, diese Zusage Gottes gilt auch Iman Amini in Bosnien-Herzegowina. Sie gilt der Mutter mit ihrem kleinen Kind, die sich im Schlauchboot auf dem Mittelmeer festklammert. Sie gilt Menschen im ehemaligen Ostpreußen, Sudetenland und Schlesien in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg. Die Zusage Gottes gilt auch einer lesbischen Frau aus Uganda, der in ihrem Heimatland die Todesstrafe droht.

Wie gut, wenn es irgendwo auf der Welt einen Zufluchtsort gibt, wo man bleiben kann. Ein neues Zuhause. Steh auf und flieh und bleibe dort, bis ich´s dir sage. Ich wünsche allen Menschen auf der Flucht, dass sie sich auf diese Worte des Engels verlassen können.

Die Bibel ist gespickt mit Fluchtgeschichten. Menschen müssen ihre Heimat verlassen, um ihre nackte Haut zu retten. Sie machen sich auf einen beschwerlichen Weg. Aber auf diesem Weg begleitet Gott sie. Er ergreift Partei für sie. Dabei spielt keine Rolle, welche Umstände sie zur Flucht treiben. Denn eine der großen Urerfahrungen der Israeliten erzählt vom Exodus: von der Befreiung des Volkes aus Ägypten. Sie leben dort eine lange Zeit unterdrückt im Exil – aber Mose befreit sie mit Gottes Hilfe. Er führt sie durch die Wüste ins Verheißene Land, in die Freiheit. Jedes Jahr am Pessachfest wird diese Erinnerung gefeiert. Das prägt sich tief ein bei Juden und auch bei Christen. Das bleibt. Und so heißt die klare Aufforderung an Gottes Volk:

Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid selbst auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. (5. Mose 10,19)

Die Bibel erzählt von Gottes Beistand auf der Flucht. Bei Ruth und Josef geht die Geschichte von der Flucht gut aus. Sie finden ein neues Zuhause. Eine neue Heimat. Das ist nicht immer so.

Ich kenne auch viele Schicksale, wo es nicht gut ausgeht. Wo Geflüchtete mit ihren Booten gesunken sind. Wo sie abgewiesen werden oder zurückgeschickt. Es gibt nicht überall ein Happy-End.

Dennoch ermutigen diese Geschichten, dass wir Menschen auf der Flucht nicht allein lassen dürfen. Es ist also nicht eine Frage der politischen Überzeugung, ob sich die Kirchen für geflüchtete Menschen einsetzen. Es gehört zu ihrer Grund-DNA.

Musik Olivier Messiaen, Vingt Regards, No.

Ich erinnere mich daran, wie beim Kirchentag in Dortmund 2019 auf einem Podium die Idee entsteht: Die Kirche muss ein eigenes Rettungsschiff ins Mittelmeer schicken. Nicht um sich in politische Angelegenheiten einzumischen, sondern um die zivile Seenotrettung zu unterstützen, die an ihr Ende gekommen ist. Eine grundlegende Menschenpflicht also, damit nicht weiter Tausende Menschen dort vor den Toren Europas ertrinken. Beim Abschlussgottesdienst in Dortmund bringt die Pastorin es auf den Punkt. „Dann ist für uns Lebenretten kein Verbrechen, sondern eine Christenpflicht. Man lässt keinen Menschen ertrinken. Punkt.“

Eine Petition wurde verabschiedet. Aus diesem Bündnis United4Rescue entstand tatsächlich ein Schiff, die Sea Watch 4. Mittlerweile gibt es ein weiteres Schiff, die Sea-Eye 4. Und es sind längst nicht mehr nur evangelische Christen, die hier eine klare Position beziehen. Kardinal Reinhard Marx zum Beispiel, der ehemalige Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, spendet 50.000 €. Der verbindende Gedanke ist der einfache biblische Satz:

Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid selbst auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. (5. Mose 10,19)

Es geht um Ruth und Noomi. Es geht um Jesus und seine Eltern auf der Flucht vor Herodes. Es geht um das Volk Israel in Ägypten. Es geht um Iman Amini. Und es geht um die Vertriebenen aus Schlesien, Ostpreußen oder dem Sudetenland. Es kann um einen jeden, eine jede von uns gehen: von Gott geliebte Menschen.  

Musik Olivier Messiaen, Vingt Regards, No. XIX

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