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Alles Hygge?
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Alles Hygge?

Prof. Dr. Markus Tomberg
Ein Beitrag von Prof. Dr. Markus Tomberg, Professor für Religionspädagogik, Fulda und Marburg
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Herbst ist hygge. Das Modewort aus Skandinavien steht für Wohlbefinden, Entspannung und eine durch und durch gemütliche Stimmung. Eine wie jetzt im Herbst, wenn sie Sonne tags wohlige Wärme spendet. Wenn die herbstlichen Farben warm und die Nächte lang und kühl genug sind für erholsamen Schlaf. Wenn die ersten Stürme an Fenstern und Türen rütteln und das Lese- oder Fernsehsofa zum Ausruhen einlädt. Wenn es ungemütlich wird da draußen, nass und nebelig. Wenn Apfelkuchen und der erste, junge Wein zum Genießen verführen. Ja: Herbst ist ganz schön hygge.
Und das ist erst der Anfang. Hygge – das steigert sich in den nächsten Monaten. Seinen Gipfel erreicht das Gefühl an Weihnachten. Heute in drei Monaten ist Heiliger Abend. Herbst ist hygge, und das Beste, das kommt erst noch.
Wären da nicht alle diese unschönen, schwierigen, zuweilen unlösbaren Herausforderungen draußen, trostloser als jedes Herbstwetter: Die ungelöste Brexit-Frage zum Beispiel, Kriege und Konflikte, die ganzen verworrenen internationalen Situationen. Hier bei uns der Ruck nach Rechts und die vielen Angst- und Krawallmacher in der Politik. Und dann ist ja auch noch irgendwas mit dem Klima, das nicht mehr so funktioniert wie es soll.
Hygge – der Megatrend in Sachen Wohlbefinden, der hat da etwas von Welt- und Wirklichkeitsflucht. Wenn die Welt ungemütlich ist, sind die hyggeligen Oasen um so attraktiver. Lass die Probleme draußen, scheinen sie zu sagen. Bleib einfach zu Hause.
Man kann das aber auch anders sehen. Wenn die Wirklichkeit nicht mehr zum Aushalten ist, dann ist Hygge ein kleiner Aufstand gegen den Untergang. Eine Trotzreaktion auf die Trostlosigkeit. Ein Hoffnungssonnenstrahl im Herbstnebel. Von Martin Luther ist der Satz überliefert: Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Bäumchen pflanzen.
Ja, das Hygge-Gefühl und die Hygge-Sehnsucht haben etwas von diesem Bäumchen. Vom Trotz gegen die Verhältnisse. Und von einer irren Hoffnung: Etwas gibt es, wofür es zu leben wirklich lohnt.

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