Da ist der Wurm drin…
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Da ist der Wurm drin…

Monika Dittmann
Ein Beitrag von

Monika Dittmann,

Katholische Seelsorgerin im Altenheim, Flörsheim am Main

„Mensch, da ist aber heute der Wurm drin“ – das habe ich vor einiger Zeit von einer Kollegin gehört. Sie hatte verschlafen, den Zug verpasst, stand ewig auf dem Bahnsteig; dann ist auch noch ein Zug ausgefallen. Schließlich hat sie sich entschieden, mit dem Bus zur Arbeit zu fahren - dreimal umsteigen hieß das. So hat sie völlig entnervt vor mir gestanden. „Heute ist der Wurm drin!“ Atemlos ist sie dann an ihren Schreibtisch gegangen. Ja, manchmal ist der Wurm drin, dachte ich. Wenn es nicht so läuft, wie wir es uns vorstellen; wenn alles schief geht. Dabei habe mich an eine Geschichte in der Bibel erinnert.

Der Jona sitzt nach vielen Mühen und widerspenstiger Aktion gegen die Bewohner von Ninive unter dem Rizinusbaum. Er hatte nur widerwillig Gottes Auftrag erfüllt. Jetzt wartet er, dass Gott seinen Teil wahr macht – er soll der Stadt einen Denkzettel verpassen, wie er es angekündigt hatte. Unter dem Rizinusbaum, im Schatten lässt es ihn gut warten. Aber, o Graus! Am nächsten Morgen ist der Rizinus dahin. Jona trauert um diesen schattenspendenden Strauch. Ein Wurm hat ihn vernichtet. Und die Stadt ist immer noch nicht untergegangen. Alles Mist, denkt er. Da ist der Wurm drin. Nicht nur im Rizinus. Er mault, beschwert sich bei Gott. Nichts ist so, wie er es sich vorgestellt hat. Gott aber macht ihm deutlich: wenn er schon wegen des Rizinus trauert, den er nicht gepflanzt hat – sollte er, Gott, da nicht Erbarmen haben mit all den Menschen in der großen Stadt?

Ja, manchmal scheint der Wurm drin zu sein – aber das kann auch ein Moment im Leben werden, in dem mir eine andere Sicht gegeben wird. In dem ich aufschaue und lerne, umzudenken. Jona kann darin den barmherzigen Gott kennenlernen. Er lernt: Gott straft nicht blind. Gott vernichtet nicht. Er ist um seine Menschen besorgt.
Tja, wenn manchmal der Wurm drin ist – das hilft mir, neu zu sehen, neu zu denken – und vielleicht auch, neu zu glauben.

Die Kollegin jedenfalls hat mir einige Tage später staunend erzählt: „Stell dir vor – ich glaube, da hatte Gott seine Finger im Spiel: An dem Tag war es doch so stürmisch. Vor meinem Zug ist irgendwo ein Baum runtergekommen, die Lok hat es erwischt – und die Leute im Zug haben zum Teil einen Schock gehabt. Gut, dass ich verschlafen habe!“ Ja, manchmal ist zwar der Wurm drin – zugleich lernt man mit neuen Augen sehen: die Welt – und vielleicht auch Gott.

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